DIE EICHE © Jörg Schwarze
3. Klangbilderkonzert mit Werken von Brahms, Dvořák, Schumann und Hindemith
In diesen sonnigen Frühlingstagen bietet Lübeck ein wunderbares Musik-Programm an besonderen Orten, auch jenseits des Jugendstil-Teaters und der „Musik- und Kongresshalle“. Nach einem Frühbarock-Konzert im Burgkloster vor gut einer Woche erklangen nun am 27. April 2026 im Kolumbarium DIE EICHE Lieder mit und ohne Worte. Auf dem Dachboden des alten Kornspeichers der Familie Mann turnten übrigens schon Thomas und Heinrich Mann als Buben herum.
Johannes Brahms/Aribert Reimann, Fünf Ophelia-Lieder für Sopran und Streichquartett
Antonín Dvořák, Zypressen für Streichquartett B152 (Auszüge)
Robert Schumann/Aribert Reimann, Sechs Gesänge auf Texte von Titus Ullrich, Eduard Mörike, Paul Heyse, Wolfgang Müller von Königswinter und Johan Gottfried Kinkel für Sopran und Streichquartett op. 107
Paul Hindemith, Melancholie, Vier Lieder für Frauenstimme und Streichquartett nach Gedichten von Christian Morgenstern für eine Frauenstimme und Streichquartett op. 13
Andrea Stadel, Sopran
Evelyne Saad und Lucy Finckh, Violine
Christian Jonkisch, Viola
Sigrid Strehler, Violoncello
Lübeck, Kolumbarium DIE EICHE, 27. April 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Ein überzeugendes Konzept bringt Musik an ausgewählte Orte
„Klangbilderkonzerte“ heißt eine Reihe von musikalischen Veranstaltungen des Lübecker Theaters mit Institutionen und Gemeinden der Hansestadt. Für das dritte Konzert dieser Saison wählte man DIE EICHE an der Untertrave auf Lübecks Altstadtinsel. Hier befindet sich ein Urnenfriedhof für Verstorbene jeder Glaubensrichtung oder Überzeugung – innenarchitektonisch glanzvoll gestaltet, vereinen sich hier in Schönheit und Würde individuell gestaltete Urnenstellplätze, ausgewählte Kunstobjekte und eine vielfältige Bibliothek. DIE EICHE ist, abgesehen von der Betreuung im Rahmen von Bestattungen, auch Veranstaltungsort mit Konzerten, Lesungen und Tagungen – es ist ein Ort, an dem Menschen zuhören (https://die-eiche.de/).
„Natur“ hieß der Themenschwerpunkt des Konzerts am 27. April, und passend zum Ort erzählten die Zyklen in spannungsreicher Zusammenstellung vom Wahrnehmen der Natur, von Liebe, Leid und Tod. Durch die spezielle Innenarchitektur mit den starken alten Balken und mehreren Ebenen ist die Akustik wundervoll heimelig und intim, keineswegs aber ist der Klang zu trocken. Für Kammermusik, zumal in der Kombination von Streichern und menschlicher Stimme, ist DIE EICHE optimal geeignet.

Ach, so können Brahms und Schumann klingen?
Eher selten hört man die fünf „Ophelia-Lieder“ von Johannes Brahms, in denen Wahnsinn und Selbstmord der jungen Frau aus Shakespeares „Hamlet“ musikalisch verarbeitet wird. Das tragische Ende dieser Schauspielfigur wurde literarisch und vor allem in Gemälden vielfältig aufgegriffen. Die von Aribert Reimann für Singstimme und Streichquartett arrangierten Lieder bestechen durch eine knapp gehaltene Konzentration von Wort und Ton auf die wesentlichen Aussagen, in deutlicher Emotionalität ohne romantisierende Verklärung, wie in John Everett Millais’ berühmtem Gemälde.

Andrea Stadel singt diese Lieder in bewährter Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit sowie mit ausgezeichnetem Textverständnis. Ihr klarer Sopran ist mit den Streichern dynamisch perfekt abgestimmt. Die Violinen von Evelyne Saad und Lucy Finckh bezaubern durch sanfte Feinheit, während die Viola von Christian Jonkisch berückend samtig und sahnig klingt; Sigrid Strehler entlockt ihrem Violoncello einen warmen, schmiegsamen Klang.
Auch Robert Schumanns sechs Gesänge auf Texte von Ullrich, Mörike, Heyse, Müller von Königswinter und Kinkel – ebenfalls durch Reimann arrangiert – werden nicht oft aufgeführt. Auffällig ist bei den verwendeten Texten eine deutliche Nähe zum Volkslied-Ton aus „Des Knaben Wunderhorn“. Hier verschaffen sich auch harschere Klänge Gehör, eine gewisse Herbheit wird dann aber wieder durch eine humorige Leichtigkeit und Unbeschwertheit abgelöst. Zwischen Melancholie und lyrischer Helligkeit oszillieren diese Stücke, bei denen, wie bei Mahlers „Wunderhorn“-Liedern, ein besonderer Reiz im Spannungsbogen zwischen den oft liebenswürdig naiven Texten und einer musikalischen Elaboriertheit liegt.

Wohlbekannter Dvořák liebenswert gespielt
Jeweils vier Stücke aus den „Zypressen“ für Streichquartett von Antonín Dvořák sind nach den Brahms- und den Schumann-Liedern strukturierend eingefügt. Traut und seelenvoll spielen die Streicher insgesamt acht der 12 kurzen Stücke auf Gedichte von Gustav Pfleger-Moravský, in denen der Komponist eine unglückliche Jugendliebe verarbeitete. Die Texte liest Andrea Stadel jeweils vor den Stücken.
Von der Stimmung her changieren diese Lieder ohne Worte wetterwendisch wie die Empfindungen eines unglücklich liebenden Herzens von rhythmisch-drängend, über lieblich-lyrisch zu beschwingt-energisch. Zuweilen entsteht eine leicht resignative In-sich-Gekehrtheit. Am bekanntesten ist sicher das Allegro scherzando (Nr. 11), das die Musiker ganz bezaubernd mit tänzerischer Anmut und Augenzwinkern zum Besten geben.
Es sind schwärmerische Naturbilder in diesen Liedern, durchstrahlt von einer hoffnungsfrohen Sonne, aber auch überwölkt vom Schmerz einer nicht erwiderten Liebe, und durchzogen von der Sehnsucht nach einem „wir“, die das einsame „Ich“ letztlich auf sich selber zurückwirft.
Übrigens hat Dvořák einmal betont, dass er den Gesang der Waldvögel rein zur Erholung genösse, anders als andere Komponisten, die sich dadurch inspirieren ließen.
Ein tief gebeugter Hindemith
„Melancholie“ heißt ein Zyklus von vier Liedern Paul Hindemiths, aus denen die psychische Verletzung durch traumatische Erlebnisse im Ersten Weltkrieg spricht. Der Komponist hatte seinen Vater und seinen besten Freund im großen Völker-Abschlachten verloren, und so klingt hinter den teils fast romantischen Naturbildern eine tiefe Trauer hervor. Blühende Primeln, Amselgesang, ein nebliger Wald und das Mondlicht malen Szenerien, unter deren Oberfläche dann auch musikalisch das Düstere aufsteigt.
Es ist eine zuweilen kantige Tonsprache mit bitter ironischen Nebentönen; den webenden Nebel zeichnen die Streicher durch ein diffuses Klangbild. Der dunkle Tropfen im Becher des Lebens wird durch gezupfte Partien abwechselnd aller Instrumente plastisch hörbar. Traumhaft und geheimnisvoll endet alles in einem nächtlichen Wald. Hindemith erscheint hier als Meister der programmatischen Klangbilder, und sei es nur das Wort „feierlich“, das greifbar intoniert wird. In zartester Feinheit erstrahlen schließlich aus dem All die Sterne.
Die fünf Musiker formieren auch in diesem Finalzyklus eine harmonische Einheit, aus der die individuellen Stimmen immer wieder virtuos herausstechen. Im persönlichen Gespräch nach dem Konzert wird Andrea Stadel betonen, wie segensreich sich jahrelanges gemeinsames Musizieren und ein vertrauensvolles Miteinander auswirkt.
Vom Ergebnis konnte sich ein begeistertes Publikum überzeugen. Was für ein bezaubernder, stimmungsvoller Abend!
Dr. Andreas Ströbl, 28. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD-Besprechung: Brahms Lieder klassik-begeistert.de, 9. Juli 2025
Sommereggers Klassikwelt 216: Paul Hindemith, der spröde Klassiker der Moderne