Frühbarocke Festlichkeit erschallt in gotischen Gewölben

Con voce festiva: Werke aus Früh- und Hochbarock  Europäisches Hansemuseum, Burgkloster, Lübeck, 16. April 2026

Rankenwerk Burgkloster HL, Photo: Andreas Ströbl

„Mit festlicher Stimme“ – Alessandro Scarlattis programmatischer Werktitel ist zugleich eine Spiel-Anweisung, der die Musikerinnen und Musiker beim 5. Kammerkonzert am 16. April 2026 mit sicht- und hörbarer Begeisterung folgten. Stücke von Monteverdi, Uccellini, Melani, Torelli, Legrenzi und Scarlatti erklangen im altehrwürdigen Burgkloster, das seit 11 Jahren in das Europäische Hansemuseum integriert ist.

Con voce festiva: Werke aus Früh- und Hochbarock
beim 5. Kammerkonzert

 

Europäisches Hansemuseum, Burgkloster, Lübeck, 16. April 2026

Andrea Stadel, Sopran
Matthias Krebber, Trompete
Lucy Finckh und Saeko Takayama, Violine
Fabian Schultheis, Violoncello
Nathan Bas, Cembalo und Orgel

von Dr. Andreas Ströbl

„Zephyr kehrt zurück und verzaubert mit süßen Tönen die Luft…“

Mit dem berühmten Stück „Zefiro torna“ von Claudio Monteverdi beginnt das Konzert, und der festlich-frohe Klang aus den „Scherzi musicali“ erfasst sofort das Publikum im ausverkauften Kapitelsaal. Jüngst haben die Lübecker „Die Krönung der Poppea“ des seinerzeit hochmodernen Komponisten bejubelt (https://klassik-begeistert.de/claudio-monteverdi-die-kroenung-der-poppea-theater-luebeck-premiere-14-maerz-2026/), und so bildet dieser Auftakt eine wunderbare Ergänzung zur hier dringend nochmals empfohlenen Inszenierung dieser großen Oper.

Andrea Stadel singt dieses vertonte Sonett von Ottavio Rinuccini mit klarem, geradem Sopran; ihre nahezu vibratofreie Wiedergabe entspricht der unprätentiösen musikalischen Haltung des Frühbarock. Mühelos erklimmt sie die Höhen und gestaltet zusammen mit dem Trompeter Matthias Krebber ineinander verschlungene melodische Linien. Wer Botticellis „La Primavera“, also sein bezauberndes Gemälde des Frühlings kennt, sieht den Zepyhr, den Westwind in seiner blauen Frische, sofort vor dem inneren Auge. Hier verzaubert er alles, er „kräuselt die Wellen; sein Murmeln zwischen den grünen Blättern lässt die Blumen zu seinem süßen Klang tanzen.“

Küssende Worte und sprechende Küsse werden im folgenden „Con che soavità“ aus dem 7. Madrigalbuch des gleichen Tonsetzers beschworen – Sopranistin und Trompeter bilden eine dynamisch perfekt aufeinander abgestimmte Einheit, denn beide erscheinen wie Geschwister mit unterschiedlichen Stimmen, die einander aber in vollendeter Harmonie verstehen.

Con voce festiva, Photo: Andreas Ströbl

Die Musiker haben sich entschieden, das Konzert im Kapitelsaal anstatt in der Langen Halle aufzuführen, die aufgrund ihrer Dimension viel mehr Hall verursacht hätte. Dafür entsteht aber in den angrenzenden Teilen des Kreuzgangs eine faszinierende Echowirkung, die Monteverdi ja in anderen Werken ganz bewusst eingesetzt hat.

In Marco Uccellinis Triosonate „La Prosperina“ (op. 4 Nr. 26) entlockt Fabian Schultheis seinem Violoncello einen warmen, berückenden Klang; Nathan Bas wechselt virtuos zwischen Cembalo und Orgelpositiv, er macht die Instrumente zu weit mehr als nur zu Begleitern. Man hat den Eindruck, dass die rot-grün gebänderten Birnstäbe des gotischen Gewölbes zu Masten eines frühneuzeitlichen Festzeltes werden und die gemalten Ranken in den Gewölbezwickeln grün austrieben, so viel Frühlingsfrische spricht aus der Musik.

Lucy Finckh und Saeko Takayama spielen auf ihren Violinen die elegisch-getragenen Stellen zwar würdig, doch stets mit einer gewissen Leichtigkeit. Die Sonate ist mit ihren Stimmungswechseln geradezu klingendes Aprilwetter, Nathan Bas’ Cembalospiel besticht mitunter durch eine tänzerische Unbeschwertheit.

Harfenspieler Burgkloster HL, Photo: Andreas Ströbl

Alessandro Melanis Kantate „Qual mormorio giocondo” beschließt den ersten Teil des Konzerts. Wiederum gehen Sopran und Trompete, diesmal in der Piccolo-Variante, musikalisch Arm in Arm; beide leuchten hell in eleganter, himmelstrebender nobilità. Dann enthält das Stück auch klagende Sequenzen, etwa wenn die oder der Liebende den Schmerz durch das Lieben-Müssen und die quälende Sehnsucht Gott Amor gegenüber bekennt.

Höfische Eleganz und echte Gefühle

Nach der Pause bezaubert Giuseppe Torellis Trompetenkonzert in D-Dur durch goldene Töne; die Musik hat etwas Jubilierendes, und man fühlt sich an den Hof eines italienischen Fürsten versetzt – mit angemessener Tafelmusik zu erlesenen Speisen. Dann verändern schwere Streicher-Striche die Atmosphäre, aber stets werden die Härten in Sanftheit gelöst. Lebhafte Freude verbleibt am Ende, und heiteres Streben führt irgendwo ins Grüne hinein.

Dame mit Hahn Burgkloster HL, Photo: Andreas Ströbl

Giovanni Legrenzis elegante Triosonate op. 2 Nr. 6 G-Dur, „La Raspona“, beginnt schon mit einer mitreißenden dynamischen Bewegung; das Stück will vorwärts, und diese optimistische Bewegung, gerade bei einem zügigen accelerando, spiegelt sich auf den Gesichtern der Mitwirkenden wider. Tänzerische Themen gemahnen wiederum an eine höfische Atmosphäre.

Das Konzert beendet Alessandro Scarlattis „Su le sponde del Tebro“, in dem mit antikisierenden Bildern die Liebesqualen geschildert werden. Dennoch ist auch dieses Werk durch einen ausgesprochen feierlichen Duktus ausgezeichnet; es endet klanglich freudiger, als es der wehmütige Text, in Partien als Rezitativ gesungen, vermuten ließe.

Es ist noch nicht wirklich frühlingsmild im Lübecker Burgkloster, aber dieser Abend hat doch spürbar eine innere Maienwärme erahnen lassen. Warm und herzlich ist auch der langanhaltende Beifall für die Mitwirkenden eines wunderbaren lichtvollen Konzerts.

Dr. Andreas Ströbl, 17. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview: kb im Gespräch mit Laurence Equilbey, Dirigentin klassik-begeistert.de, 11. April 2026

Sir John Eliot Gardiner, The Constellation Orchestra und Choir Wiener Konzerthaus, 8. April 2026 

Barockkonzert: Giovanni Felice Sances Regno d’Amore Bayerisches Nationalmuseum, München, 5. Oktober 2025

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