Symphonien unterm Bügeleisen: Das Philharmonische Orchester Freiburg spielt einen vergessenen Komponisten

Albéric Magnard, Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon, CD-Besprechung

CD-Besprechung: Albéric Magnard: Symphonien Nr. 3 & 4

Philharmonisches Orchester Freiburg
Dirigent: Fabrice Bollon

von Leah Biebert

Er gilt als Außenseiter des Musikbetriebs: Albéric Magnard. Und doch zählen seine dritte und vierte Symphonie zu den wichtigsten Werken der französischen Musikgeschichte. Das Philharmonische Orchester Freiburg, das eine Vorliebe für Unbekannte und Vergessene zu haben scheint, hat die beiden Stücke neu auf CD eingespielt.

Magnards Symphonie Nr.3 in b-Moll, op.11, gilt als charakteristisch für sein Werk. Während die beiden vorangegangenen Symphonien noch unter dem Einfluss seines Lehrers, Vincent d’Indy, standen, kommt hier erstmals Magnards eigene Handschrift voll zur Geltung. Eine komplexe Partitur aus dem Jahre 1896, mit Ähnlichkeit zu César Franck und Gabriel Fauré, doch jenseits von Impressionismus und Klassizismus.

Die dritte Symphonie beginnt mit einer Einleitung. Das Philharmonische Orchester, unter der Leitung von Fabrice Bollon, führt ernst, aber kraftvoll in das Werk ein, mit einem subtilen Vibrato in den Streichern. Der Übergang in das erste Thema der Ouvertüre erfolgt plötzlich: Mehr Bewegung, mehr Energie, doch ohne dynamischen Wechsel. Auch das zweite, zartere Thema bleibt nah am Ausdruck des ersten und so macht der erste Satz insgesamt einen recht homogenen Eindruck. Zeitweise toben die Streicher auf und ab, doch Crescendi und Decrescendi werden lediglich angedeutet, ihr Potential nicht ausgereizt.

Dies gelingt besser im zweiten Satz, einem Scherzo, zu dem Magnard von seinen Urlauben in der Auvergne angeregt worden sein soll. Hier tanzen die verschiedenen Stimmen des Orchesters unbefangen umeinander, von den munter aufspielenden Geigen bis hin zum vollen Orchesterklang.

Von Albéric Magnard sind nur etwa vierundzwanzig Werke erhalten. Die Symphonie Nr. 4 in cis-Moll, op.21, stammt aus dem Jahre 1913 und ist gleichzeitig Magnards letzte Komposition. So nuancé, wie Magnard den dritten Satz der Symphonie betitelt, drückt sich das Philharmonische Orchester aber auch hier nicht aus.

In den langen, melancholischen Phrasen treten immer wieder einzelne Instrumente hervor, die sich anschließend überlagern. Mal sticht die Geige heraus, dann wagt sich die Oboe vor. Die ausgedehnten Phrasen des Satzes geben den Musikern Platz, um die besonderen Eigenschaften ihrer Instrumente zum Vorschein treten zu lassen. Doch schaffen sie es nicht, sich vom Orchesterklang zu lösen und sich gesondert zu präsentieren.

Das Finale des letzten Satzes, die letzte Nummer der CD, ist wiederum lebhaft, durchwoben von breit angelegten Passagen und an Volksweisen erinnernden Übergängen. Das Wesen von Albéric Magnards Symphonien liegt in ihrer thematischen Vielfalt. Ihr vermag das Philharmonische Orchester Freiburg nicht ganz beizukommen. In voll orchestrierten, lebendigen Passagen ist sein Spiel wie gewohnt mitreißend, in differenzierten Passagen wirkt es jedoch glattgebügelt.

Leah Biebert, 01. Oktober 2019, für
klassik-begeistert.de

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