Aurora Orchestra, Alena Baeva, Nicholas Collon © Hannes von der Fecht
Ludwig van Beethoven Violinkonzert D-Dur op. 61
Dmitri Schostakowitsch Sinfonie Nr.5 d-Moll op. 47
Alena Baeva Violine
Nicholas Collon Dirigent
Aurora Orchestra
Bremer Konzerthaus Die Glocke, 30. August 2025
von Dr. Gerd Klingeberg
Die vier Eingangsviertel der Solo-Pauke sind kein lautes Jetzt-alle-mal-Herhören, sondern wirken weit mehr wie ein dezentes, freundliches Anklopfen. Es mag wohl auch ein erster Hinweis darauf sein, dass in diesem einzigen Violinkonzert Beethovens eher undramatische, ruhevolle Klänge charakteristisch sind.
Die orchestrale Exposition erfolgt somit recht bedächtig, mit einem nur kurzen eruptiven Part. Der gleichermaßen souverän wie umsichtig agierende Dirigent Nicholas Collon nimmt das „non troppo“ der Allegro-Satzangabe ernst, er hält die Tempi angenehm moderat. Beinahe beiläufig klinkt sich die Solo-Violine in den Ablauf ein; die ziemlich lange Dauer bis dahin – sie ist wahrlich nichts für ungeduldige, womöglich lampenfiebrige Solisten – hat Violinistin Alena Baeva sichtbar entspannt abgewartet.
Jetzt brilliert die für ihre stupende Spieltechnik und ihre subtil auslotenden Interpretationen bestens bekannte Solistin mit kristallklaren Tönen, umspielt mit geschmeidig ausgeführten fließenden Figurationen das Spiel des Orchester, das sich dynamisch zumeist bestens anpasst; einzig die Holzbläser wirken streckenweise etwas zu kräftig. Baevas sehr einfühlsam erstellte, auf äußerste Klangschönheit abzielende Pianissimo-Partien, die mitunter wie das zarte Glitzern eines mitternächtlichen Sternenhimmels anmuten, werden indes konterkariert durch ihre eigene Kadenz, die sie mit etwas ruppigen, G-Saiten-scheppernden Doppel- und Mehrfachgriffen einleitet und sich dabei in einem scheinbar wie spontan entstandenen tänzerischen Part von der Pauke begleiten lässt.
Berührende, genussvoll ausgekostete Pianissimi
Ruhiger, beschaulicher geht es wieder zu beim Larghetto-Mittelsatz, mit betörend sinnlichen, mit nur einem duftigen Vibrato-Hauch verfeinerten Geigentönen, die eine bezaubernd traumhafte Atmosphäre vermitteln. Und Baeva kostet diese so klangvollen, mittels nahezu schwereloser Bogenführung generierten Momente genussvoll aus und berührt die Zuhörenden mit geradezu kontemplativen, zugleich optimistisch stimmenden Harmonien.
Der Übergang zum abschließenden Rondo-Satz ist indes als deutlicher Stimmungsumschwung zu erleben: Aus einer kurzen, erneut kontrastierend kraftvollen Kadenz entwickelt sich schnell ein lieblich beschwingter, durchweg pointiert volkstümlich-tänzerischer Ablauf, dazu ein Dialog zwischen dem jetzt stärker aufspielenden Orchester und der zwar weiterhin feinfühligen, aber manchmal auch wie keck wirkenden Antwort der Solo-Violine. Ein kurzes, ausgeprägtes Ritardando sorgt schließlich für den letzten Energieschub hin zum fulminanten Schlusspart.

Nach langem begeistertem Beifall hat Baeva eine kurze Zugabe parat: Gemeinsam mit Konzertmeisterin Alexandra Wood intoniert sie einen romantisch-melancholischen „Fisherman’s Song“ von Charles-Auguste de Beriot, eine ausnehmend feingliedrig dargebotene, wie weit über das Meer herüberklingende simple Melodie, die irgendwann hinter fernem Horizont zu entschwinden scheint.
Ohne Noten im Stehen spielendes Orchester
Nach der Pause ist die Bühne nahezu leergeräumt, nur ein paar wenige Stühle (für Cellisten etc.) stehen noch. Man könnte meinen, die Musiker wollten sich zu einem Stehempfang treffen. Es ist hingegen eine anderweitig nur selten zu erlebende Spezialität dieses vor zwanzig Jahren gegründeten Aurora-Orchestra, selbst großformatige Werke im Stehen und ganz ohne Noten zu spielen. Und in derart sicher nicht gänzlich risikolosem Modus präsentieren sie jetzt die Sinfonie Nr. 5 von Schostakowitsch.
Das 1937 entstandene Werk trägt den Untertitel „Das Werden der Persönlichkeit“ und lässt sich in seiner Konzeption am ehesten vor dem biografischen Hintergrund des Komponisten verstehen. Der war nämlich zuvor für eine seiner Opern von staatlicher Seite aus mit heftiger Kritik überzogen worden und hatte kompositorisch fortan die Maximen des „Sozialistischen Realismus“ zu beachten. Gehorsam widmete er seine Fünfte daher den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution.
Doch bereits der vom Ensemble sehr energisch gestartete, dann ins Stimmungsdüster-Melancholische abgleitende Kopfsatz lässt vielerlei Rückschlüsse auf die persönliche innere Zerrissenheit des Komponisten erahnen.
Bei der Aufführung gerät die Synchronizität der einzelnen Stimmgruppen perfekt, das Orchester agiert homogen, in nuanciertem, bestens austariertem Zusammenspiel. Stehend, ohne Noten dargeboten, bekommt das Ganze einen besonderen Kick, die Ausführungen wirken irgendwie noch etwas ausdrucksvoller, engagierter.
Spannende Geschichten werden erzählt und erlebbar gemacht, immer wieder zeugen sie auch von wütendem Aufbegehren. Bei donnerndem Marcato entstehen Szenerien militaristischer Marschkolonnen und dröhnend vorbeirasselnder Panzerbrigaden, ein ungestümes Getöse und Gewittern, das irgendwann entschwindet und sehnsuchtsvollen Holzbläser- und Soloviolin-Melodien weicht. Satz 2 erinnert hingegen eher an ausgelassene Volksfeststimmung im fetzig-schmissigen Dreiertakt.

Ob witzig – oder doch eher ironisch gemeint? Mitreißend ist es auf jeden Fall. Leider mindern einige unentwegte Applaudierer den Übergang zum nachfolgenden, so gänzlich anderen Largo-Satz, dem wohl bewegendsten Teil der Sinfonie. Trostlosigkeit, Verlorenheit, Tristesse und Verzweiflung bringt das Orchester in expressivem Spiel zum Ausdruck, in einer zutiefst bedrückenden Elegie, bei der sich die Klage in einem zwischenzeitlichen Fortissimo-Aufschrei Bahn bricht, dann wie resignierend in einem Pianissimo mit einem letzten Harfenarpeggio verklingt.
Gewaltig lärmendes Schlussspektakel
Der Kontrast zum Finalsatz hätte kaum heftiger ausfallen können. Heroisch-martialisches Getöse, stürmisches Vorandrängen zu markerschütternden Paukenschlägen wie auch gigantische Blechpartien zeugen von überlegenem Triumph. Dazwischen eine dynamisch stark zurückgenommene Passage, wie eine schmerzliche Erinnerung an den 3. Satz. Dann erneut die vorherige orchestrale Wucht, ohrenbetäubend schrille, schier endlose Tonrepetitionen der unisono-Streicher samt hellen Blechbläserfanfaren bis hin zum gewaltig lärmenden monumentalen Schlussspektakel.
Das war’s? Nein, noch nicht ganz. Denn als Zugabe lässt Collon nach langem Beifall den Finalsatz wiederholen, diesmal jedoch quasi unter Einbeziehung des Auditoriums. Die Instrumentalisten verteilen sich dazu auf der Bühne sowie im ganzen Saal vor und neben den Stuhlreihen. Und auch in dieser wahrlich ungewohnten Situation überzeugt das Orchester mit überraschend homogenem, jetzt aber „innerorchestral“ eben deutlich anders empfundenem Gesamtklang. Und wird vom begeisterten Publikum erneut mit Standing Ovations bejubelt.
Dr. Gerd Klingeberg, 31. August 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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