Serenadenstunde im Leipziger Gewandhaus

Andris Nelsons & Bläser des Gewandhausorchesters Leipzig  Gewandhaus zu Leipzig, 11. Juli 2020

Gewandhaus zu Leipzig, 11. Juli 2020
Andris Nelsons & Bläser des Gewandhausorchesters Leipzig 

Foto: Andris Nelsons, © Marco Borggreve

von Johannes Fischer

Verzicht, so das Gebot der Stunde. Von wegen: Das einzige, worauf hier verzichtet werden musste, war der voll besetzte Zuschauerraum. Insgesamt jeder sechste Platz im Leipziger Gewandhaus wurde verkauft. Das Konzert wurde aber auch zwei Stunden später wiederholt.

In der Musik war von Verzicht keine Spur. Keine Kammerfassung von Mahler 4, kein “ Rheingold“ auf dem Parkdeck. Trotz Abstand zwischen den MusikerInnen. Und Maskenpflicht. Ein Besucher war sogar so vernünftig und setze die Maske während des Konzerts nicht ab. Wenigstens einer hat‘s verstanden!

Als erstes auf dem Programm: Die Serenade Es-Dur op. 7 von Richard Strauss. Ein Werk, das der Münchner noch vor seiner Studienzeit schrieb. „Studententräume“ könnte man das Stück auch nennen. Quatsch, falscher Strauss. Obwohl dieser Titel deutlich besser zu dieser Serenade passt als zu der Polka von Josef Strauß. Zu mindestens, wenn der Richard Strauss so gespielt wird wie an diesem Nachmittag vom Gewandhausorchester.

Denn aus den 13 Blasinstrumenten auf der Bühne des Mendelssohn-Saals strömten Töne so „süß,“ wie sie wohl in kaum einer Ariadne-Vorstellung zu hören sind. Das war Richard Strauss vom Allerfeinsten! Einfach genauso, wie man sich diese Musik nur erträumen könnte.

Ein besonderes Lob geht an den Solo-Oboisten Andrés Otín Montaner. Wie er die Melodien dahin getragen hat, das kann man sich einfach nicht vorstellen. Ganz so viel Vibrato wie Albrecht Mayer hatte er natürlich nicht drauf. Aber das ist eine rein stilistische Sache. Die bitte jedem Musiker selbst überlassen sei!

Und dann noch die Hornisten. Plural. Wie an einem seidenen Faden gezogen. Perfekt koordiniert. Jeder Akkord klang, als wären die einzelnen Noten zusammengeschweißt, nein, gar zusammengeschmolzen. Sowas kennt man eigentlich nur von den Berliner Philharmonikern. Ein Traum.

Das Hauptwerk des Nachmittags: Die Serenade B-Dur, KV 361. Besser unter dem Namen „Gran Partita“ bekannt. Die Länge von fast 50 Minuten beeindruckt anscheinend nicht nur gewöhnliche KonzertbesucherInnen. Auch der Musikwissenschaftler Felix Loy hat sich bereits mit der Frage befasst, ob zwei deutlich kürzere Oktette möglicherweise als „Urfassung“ des monumentalen Werkes dienen. Sehr interessanter Artikel übrigens. Der Blick in den 13. Band der Mozart-Studien ist auf jeden Fall empfehlenswert.

Die Gran Partita verlangt, ebenso wie die Richard Strauss Serenade, vier Hörner. Für die Wiener Klassik äußerst unüblich. Selbst Beethoven hat erst in seiner 9. Symphonie das vierte Horn hinzugefügt. Tatsächlich wirkte der gesamte Klang der Gran Partita sehr Bass-lastig. Die vier Hörner, die zwei Fagotte, das Kontrafagott, und die zwei Bassetthörner, das klang teilweise schon fast nach Orgelpedal.

Vielleicht lag das auch an Andris Nelsons Dirigat. Vielleicht wollte er das sogar so. Dass er für Wagner und Mahler einer der besten Dirigenten aller Zeiten ist, hat er oft genug bewiesen. Kein Wunder, dass auch der Richard Strauss ihm so gut gelang. Ohne Taktstock dirigierend, zauberte er mit seinen Händen die Töne aus den Instrumenten.

Aber dann bei Mozart, da hatte man manchmal das Gefühl, sein Dirigierstil konnte einer kleinen Beethoven-Infusion nicht widerstehen. Besonders in den langsamen Sätzen. Am Anfang in der Einleitung, da fiel das kaum auf. Vor allem wegen des anschließenden Allegro molto. Da sah sein Dirigat auf einmal ganz anders aus. Viel leichter, viel luftiger. Entsprechend änderte sich auch der Klang des Orchesters. Genau so muss Mozart klingen.

Auch in dem ersten Menuetto, da tanzte er nur so auf dem Podium rum, wie es die Musik nahezu verlangt. Aber dann im Adagio, da war der Klang zum Teil schon sehr dick. Der Anfang erinnerte klanglich etwas an den letzten Satz der Eroica. Kurioserweise spielen an dieser Stelle der Gran Partita nur zwei Hörner, zwei Fagotte und das Kontrafagott. Alle übrigens im piano.

Trotzdem war das immer noch eine ganz tolle Aufführung der Gran Partita. Vor allem, weil man die ganz Zeit das Gefühl hatte, die MusikerInnen spielen genau das, was der Dirigent dirigiert. Auch das kennt man eigentlich nur von den Berliner Philharmonikern. Nur der Wiener Charme fehlte etwas.

Noch was: Die Gran Partita stand bereits am 4. Juni in München auf dem Programm. Eine Woche später in Berlin. Letztes Wochenende in Rheinland-Pfalz. Und jetzt schon wieder in Leipzig? Da hätte man mal ruhig etwas einfallsreicher sein können, was das Programm angeht. Richard Strauss hat zum Beispiel noch so einiges an Serenaden, Suiten, und Sonatinen für kleine Bläserensembles geschrieben.

Insgesamt eine ganz tolle musikalische Darbietung. Vor allem der Richard Strauss. Aber auch die Gran Partita. Der Beweis, dass man trotz allem Musik genauso darbieten kann, wie sie komponiert wurde. Und dabei nicht mal auf die Spätromantik verzichten muss. So kann das gerne weitergehen!

Johannes Karl Fischer, 12. Juli 2020, für
klassik-begesitert.de und klassik-begeistert.at

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