Mitte: Timothy Fallon (Frederic, Piratenlehrling), rechts außen: Johanna Arrouas (Ruth, seine Nanny), Ensemble, Chor der Volksoper Wien. © Barbara Pálffy / Volksoper Wien
Die “Piraten von Penzance” in der Volksoper sind musikalisch gediegen, szenisch fabelhaft überdreht, optisch eine Augenweide. Eine frei erfundene Rahmenhandlung versucht, die Handlung in die heutige Zeit zu bringen, lenkt aber von der satirischen Substanz des Werks durch reichlich Hektik und Klamauk ab.
Arthur Sullivan und W. S. Gilbert
Die Piraten von Penzance
Textadaption und -überschreibung von Jennifer Gisela Weiss
Orchester und Chor der Wiener Volksoper
Wiener Staatsballett
Choreinstudierung: Roger Díaz-Cajamarca
Choreographie: Gail Skrela
Musikalische Leitung: Chloe Rooke
Regie: Spymonkey (Toby Park und Aitor Basauri)
Bühnenbildund Kostüme: Julian Crouch
Licht: Phil Supple
Volksoper Wien, 27. März 2026
von Dr. Rudi Frühwirth
Die “Piraten von Penzance” heute auf die Bühne zu bringen ist nicht ganz einfach. Dass gewisse Aspekte des Librettos behutsam an unsere Vorstellungen angepasst werden müssen, steht außer Zweifel.
Erstaunlicherweise scheinen aber Toby Park und Aitor Basauri der satirischen Kraft und dem Witz der Vorlage nicht so recht zu trauen, denn in ihrer Inszenierung ist von Behutsamkeit nichts zu merken. Das Stück wird vielmehr mit robustem Zugriff umgekrempelt. Dass aus den Piraten Piratinnen geworden sind, störte überhaupt nicht, und dass in der Nachtszene des Generalmajors statt zarter Sylphiden stämmige Männer tanzen, sorgte für große Heiterkeit im Publikum. Auch dass an manchen Stellen schamlos outriert wird, löste nicht wenig Belustigung aus.
Weniger gelungen ist die erfundene Rahmenhandlung um den fiktiven künstlerischen Direktor des Hauses und die ebenso fiktiven Urenkelinnen von Gilbert und Sullivan. Sie ist der Vorwand zu allerlei Klamauk und führt leider auch zu Momenten gnadenloser Peinlichkeit, so etwas im Vorspiel auf dem Theater, das dem ersten Akt vorausgeht, und in der Einleitung zum zweiten Akt, in der die angeblich so komplizierte Handlung noch einmal detailliert erklärt wird.

Die Dialoge wurden auf Deutsch gesprochen; sie waren entweder neu erfunden oder nicht besonders geschickt übersetzt. Dagegen wurden die meisten, aber keineswegs alle Musiknummern im englischen Original gesungen. Ganz und gar unverzeihlich ist es, dass die berühmteste Nummer, der “patter song” des Generalmajors, übersetzt und gleichzeitig arg verstümmelt wurde. Der überaus witzige Originaltext, in dem er seine Kenntnisse in allen möglichen Wissenschaften – außer der militärischen! – preist, hätte uns nicht vorenthalten werden dürfen! Jakob Semotan war als Generalmajor trotzdem sehens- und hörenswert.

Eine wesentliche Facette der Operette bei Gilbert und Sullivan ist – wie schon bei Offenbach und seinen Librettisten – die Parodie der Opernkonventionen.
Deutlich hörbar und sichtbar wird das etwa im “Racheterzett”, in dem der Piratenkönig (Katia Ledoux), der Piratenlehrling Frederic (Timothy Fallon) und seine Nanny Ruth (Johanna Arrouas) schwören, sich am Generalmajor zu rächen. Auch das anschließende Liebesduett zwischen Frederic und Mabel (Nicole Chévalier) ist mit seinen Anklängen an das typische Belcanto-Duett zwischen Sopran und Tenor wohl als Mischung aus Hommage und Parodie zu verstehen.

© Barbara Pálffy/Volksoper Wien
Die Satire auf die noble Gesellschaft ist in den “Piraten von Penzance” ständig present.
Köstlich ist zum Beispiel die Szene im ersten Akt, in der Mabel und Frederic hinter einem Felsen verschwinden, und die entsetzte Damengesellschaft plötzlich beschließt, vom Wetter zu reden.
Hinreißend ist auch die satirische Behandlung der so gar nicht auf Kampf eingestellten Polizei, brillant in Szene gesetzt von den beiden Regisseuren. Stefan Cerny glänzt als Sergeant darstellerisch wie sängerisch. Satire pur ist auch der Generalmajor, der sich zuerst als Waisenkind ausgibt, um die Piraten zu besänftigen, und dann furchtbar darunter leidet.
Die Kostüme von Julian Crouch sind dem Werk gemäß satirisch überspitzt, bis hin zur Karikatur. Ihm verdankt die Produktion auch das ausgesprochen sehenswerte Bühnenbild. Wenn schließlich am Ende die notorisch kleingewachsene Königin Victoria sich als “Regina ex machina” aus der Versenkung erhebt und im schwarzen Kleid alle andere Figuren überragt, ist das ein höchst gelungener Gag.
Chloe Rooke am Dirigentenpult sorgte für dramatische Gestaltung und brachte mit dem Orchester die bezaubernde Partitur zu tadelloser Klangwirkung. Zusammen mit dem exzellent einstudierten Chor und den durchwegs respektablen Gesangsleistungen ließ die musikalische Seite der Produktion kaum Wünsche offen.
Die Kampfszene gegen Ende war hervorragend choreographiert, das “Happy end” mit viel Augenzwinkern in Szene gesetzt. Das Publikum zeigte sich schon während der Vorstellung höchst amüsiert, allerdings eher durch die zahlreichen Albernheiten als durch die spitze Satire des Textes und die feinen musikalischen Anspielungen.
Am Schluss brach heftiger Beifall aus, alle Mitwirkenden und das Inszenierungsteam wurden lautstark gefeiert. Ein Publikumserfolg dürfte der Produktion sicher sein.
Dr. Rudi Frühwirth, 28. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Der Piratenkönig: Katia Ledoux
Samuel, sein Leutnant: Katharina Pizzera
Frederic, Piratenlehrling: Timothy Fallon
Ruth, seine Nanny: Johanna Arrouas
Der Polizeisergeant: Stefan Cerny
Generalmajor Stanley: Jakob Semotan
Mabel, seine Tochter: Nicole Chévalier
Edith, ihre Schwester: Jaye Simmons
Kate, ihre Schwester: Camilla Seale
Sally Sullivan: Petra Massey
Gillian Gilbert: Lucy Hopkins
Robert Kitzler: Marcel Mohab
Maria Ritt: Katharina Pizzera
Ariel, tanzender Pirat: Jeanne Lenoble
Gilbert & Sullivan, The Pirates of Penzance English National Opera, ENO 8. Februar 2025
Arthur Sullivan, W.S. Gilbert, The Mikado Wilton’s Music Hall, London, 3. Juni 2025
W.S. Gilbert / Sir Arthur Sullivan, Iolanthe English National Opera ENO, 7. Oktober 2023