Hamburgische Staatsoper: Lila Parkettfoyer mit neuer Bilderwand sowie Foyer im 4. Rang (Foto: RW)
Hamburgische Staatsoper, Spielzeit 2025/2026
Stellen sie sich vor, Sie wollen mit dem IC 709 Clara Schumann von Berlin nach München reisen. Abfahrt laut Fahrplan 10:33 Uhr. Weil Sie gerne in Ruhe daheim frühstücken, statt sich am Bahnhof ein Franzbrötchen mit schlechtem Kaffee hinunterzuspülen, sind Sie wie immer auf den letzten Drücker am richtigen Gleis. Sagen wir 10:27 Uhr. Doch der Zug ist bereits um 10:15 Uhr abgefahren. Begründung der Bahn: So gewährleisten wir eine pünktliche Ankunft am Zielbahnhof wie im Fahrplan ausgewiesen. Das wäre doch mal einen Aprilscherz wert…
von Jörn Schmidt
…aber Aprilscherze sind out, sagt Andreas Schmidt, der Herausgeber von klassik-begeistert. Daher hat er auch die eigentliche Folge 87 nicht veröffentlicht. Ich hatte getitelt: „klassik-begeistert geht an die Börse.“ Andreas fand das als Aprilscherz urkomisch. Hat er jedenfalls gesagt…Aber was, wenn das jemand ernst nimmt? Nicht auszudenken, das zöge einen Shitstorm nach sich…Die Idee zu dem IC-Aprilscherz kam mir übrigens unweit des Bahnhofs Hamburg Dammtor, an der Hamburgischen Staatsoper. Was war passiert?
Weil mir Frischluft zwischen den Akten oder Aufzügen einer Oper wichtig ist. Kommt nicht gut, wenn der Autor vor den Augen von Orchester und Sängern aufgrund Sauerstoffmangels einschläft…Und wenn ich das so sagen darf, der Pausen-Wein an der Hamburgischen Staatsoper trifft nicht ganz meinen Geschmack. So dass ich die Pausen traditionell außer Haus verbringe. Damit das keine Komplikationen gibt, lege ich zum Opernbesuch stets ein zertifiziertes Chronometer an. Das ging bis einschließlich Spielzeit 2024 / 2025 immer gut…
…unlängst aber, es gab Così fan tutte, hat man mich nicht mehr auf meinem Platz gelassen zum 2. Akt. Der Saal war bereits geschlossen, da kannte man keine Gnade. Obwohl nach meiner Wahrnehmung die für die Pause angesetzten ca. 25 Minuten noch längstens nicht um waren. Auch dass meine Begleitperson den freundlichen Saalordnern die Uhr erklären wollte, machte keinen Unterschied. Ehrlich gesagt war es der Sache nicht förderlich…Einmal ist keinmal, habe ich ihr deshalb gesagt und für mich gedacht: Vielleicht muss der Chronometer mal zum Unterhalt.
Neulich indes das gleiche Spiel. Es gab eine fantastische Aufführung von Gaetano Donizettis L’elisir d’amore. Omer Meir Wellber stand am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Erwin Schrott sang Wunderdoktor Dulcamara. Laut Programmzettel waren erneut und wie fast immer ca. 25 Minuten Pause angesetzt. Sicherheitshalber habe ich zusätzlich die Saalordner gefragt, wann man mich zurückerwartet. Die Antwort stand in Übereinstimmung mit dem Programmzettel.
Zum dritten Mal geklingelt wurde nach meiner Rechnung bereits nach gut 15 Minuten. Dieses Mal war ich vorsichtig, ich bin deutlich früher zurück ins Foyer der Oper – und habe es gerade noch auf meinen Platz geschafft. Acht weitere Gäste haben sich ebenso gewundert und folgten mir schnellen Schritts in den Saal…nicht auszudenken, wenn ich diesen famosen Liebestrank verpasst hätte. Nach der Oper habe ich das Gespräch mit den Saalordnern gesucht. Verstanden habe ich, dass die Regie, also die Spielleitung, entscheidet, wann es weitergeht. Da möchte ich auch nicht reinreden. Allein: Planungssicherheit statt Pausen-Nervenkitzel wäre klasse…
Man möge bitte entscheiden, ob 25 Minuten Brutto oder Netto gewährt werden. Denn es kommt darauf an, wie man die 25 Minuten berechnet. Sinnvoll erscheint mir, dass die Uhr erst dann läuft, wenn der Saal leer ist. Denn wer, sagen wir mal, 10 Minuten für 0,2 Liter kühlen Weißweins ansteht, der will den nicht immer auf Ex kippen, nur weil zum zweiten Akt geklingelt wird, um dann mit rotem Kopf auf den Platz zurück hetzen.
Neuerdings, in der aktuellen Spielzeit, wird zuweilen möglicherweise anders gerechnet. Die Pause beginnt dann, so vermute ich, bereits, wenn der letzte Ton des ersten Akts verklungen ist. Das ist natürlich auch ein sinnvoller Cut. Allein, bis sich der Saal geleert hat und jeder an seinem Patz ist – sei es Bar, Toilette oder Raucher-Hotspot vor der Tür – sind locker mal 10 Minuten vergangen. Bleiben von der Pause Netto nur noch 15 Minuten. Ich frage mich, ob die Operngastronomie ein solches sportliches Timing zu spüren bekommt. Essen und Trinken verträgt keine Hektik, meine ich.
Für eine solche Verkürzung der Pause durch die Hintertür spricht natürlich, dass alle früher nach Hause können – Musiker, Techniker, Bühnenarbeiter, Künstler usf. Ich natürlich auch. Aber heißt es nicht immer: Gut Ding will Weile haben? Ob mir nun die Hutschnur geplatzt ist und ich zur Feder gegriffen habe, weil ich gestern erneut nicht einverstanden war mit der Netto-Pausenlänge? Nun, der Text ist erkennbar eine Glosse, der Humor steht im Vordergrund.
Indes ist es mir grundsätzlich höchst unangenehm, als Letzter zum Platz zu finden. Das sieht irgendwie aus, als ob man ungeplant ist oder sich zu wichtig nimmt. Und wenn dann noch jemand auf meinem Platz sitzt, weil er meint, ich hätte die Oper bereits verlassen und mein Platz wäre schöner als seiner: Das ist dann gleich doppelt prekär. Denn eine solche Situation schnell zur Zufriedenheit aller aufzulösen, das ist gar nicht so einfach, wie Sie vielleicht gerade denken…
Für Verdruss blieben mir indes nur wenige Sekunden, das ist Omer Meir Wellber und Klaus Florian Vogt zu verdanken. Die mich mit ihrem Lohengrin zu Tränen gerührt haben. Und um den Bogen zu schlagen: Wenn Richard Wagner so auf die Bühne kommt, gibt es keinen Grund, mit dem Zug nach Berlin oder München zu fahren. Und wenn der ICE dann noch zu spät kommt, lässt man Sie auch dort nicht in die Oper bzw. an Ihren Platz.
Jörn Schmidt, 8. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Auf den Punkt 85: Sir Simon Rattle Mahler, Sinfonie Nr. 2 c-Moll Elbphilharmonie, 21. März 2026
Auf den Punkt 84: Teamgeist-Downsides in der Elbphilharmonie Elbphilharmonie, 19. März 2026