„Bach in Space“ (eine Produktion von MünchenMusik)
Johann Sebastian Bach Präludien, Choräle, Suiten, Inventionen und Konzerte (teils in Ausschnitten)
Mona Asuka Klavier
Bremer Konzerthaus Die Glocke, 2. Januar 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Mit dem Ausspruch: „Nicht Bach! Meer sollte er heißen!“ brachte dereinst Ludwig van Beethoven seine Bewunderung für den Großmeister barocker Tonkunst zum Ausdruck. Und versetzte ihn damit in eine quasi stark erweiterte Dimension. Bei MünchenMusik geht man indes noch einen riesigen Schritt weiter: Erst das Weltall böte wohl eine angemessene Kulisse zur Präsentation des Bach‘schen Œuvres.
Die entsprechende Umsetzung geschieht vergleichsweise einfach: Auf einer riesigen, fast die gesamte Ausdehnung der Bühne der Glocke einnehmenden Projektionsfläche werden faszinierende Bilder aus dem Kosmos gezeigt; dazu werden über die Dauer von 75 Minuten von Bach komponierte Klavierwerke vorgetragen. Und dieses Konzept geht erstaunlich gut auf; der große Saal der Glocke ist weitgehend ausverkauft mit Zuhörenden und Zuschauenden nahezu aller Altersgruppen, die vorab freundlich darauf hingewiesen werden, auf Zwischenbeifall zu verzichten. Pianistin Mona Asuka betritt die Bühne, schickt ein nettes Lächeln in den inzwischen stark abgedunkelten Raum. Eröffnend spielt sie das Adagio aus dem d-Moll-Concerto.

Faszinierende Ansichten auf Erde, Sonne und Planeten
Die ruhigen Klavierklänge begleiten zunächst die Bilder faszinierender Sonnenaufgänge, zunächst allein als strahlenden Himmelskörper, dann über Weltmetropolen wie Berlin, London, New York, Paris, Rio de Janeiro und weiteren. Zu Präludium und Fughetta G-Dur BWV 902 ändert sich der Blickwinkel: Die Milchstraße, unsere Heimatgalaxie, zieht sich wie ein breites Band über den Himmel, sanft leuchtende Polarlichter wehen wie riesige bunter Schleier über den fernen Horizont. Zunehmend entfernt sich das Kameraauge weiter von der Erde. Gewaltige Eruptionen auf der Sonnenoberfläche sind zu sehen, ebenso die Ringe des Saturn, die Planeten Mars und Jupiter.
Doch das ist nur der Vorspann zu weit Größerem. Denn das Hubble-Teleskop blickt tief hinein ins All, zoomt hinein oder heraus aus schier unglaublichen intergalaktischen Szenarien und eröffnet wahrhaft fantastische Bilder ungeahnter Formen und Farben. Bezeichnungen wie „Drachenhöhle“, „Kosmisches Gebräu“, „Whirlpool-Galaxie“, „Kosmische Raupe“, „Pinguin und Ei“, „Hexenbesen“ sowie viele andere sind allenfalls ein schwacher Versuch, die schier unvorstellbaren, in allen Regenbogenfarben leuchtenden Strukturen aus der Tiefe des Alls einigermaßen griffig zu beschreiben. Manches lässt an moderne Aquarellmalerei denken, ist aber ungleich eindrucksvoller. Anderes wirkt fast wie eine Art LSD-Trip (den der Autor dieser Zeilen allerdings nicht aus eigenem Erleben kennt), glücklicherweise ohne negative Folgeerscheinungen.
Überzeugende Ergänzung von Klang und Bild
Mona Asuka intoniert derweil mit dezidiertem Anschlag und nuancierter Gestaltung weitere Bach-Werke, etwa Choräle („Nun komm der Heiden Heiland“; „Jesus bleibet meine Freude“) und Aria und Variation 1 aus den Goldberg-Variationen. Angesichts der bildgewaltigen, unbeschreiblich farbintensiven Eindrücke aus dem Weltall gerät die Musik in den Hintergrund, wird aber in ihrem tiefen Stimmungsgehalt dennoch wahrgenommen. Und ergänzt, besser noch: verstärkt zugleich in überzeugender Weise die vielfältigen optischen Empfindungen.

Die teils spritzigen, teils eleganten Tanzsätze der „Französischen Suite Nr. 5“ sowie „Präludium und Fuge Nr. 2 c-Moll“ (aus dem Wohltemperierten Klavier) passen in ihrer differenzierten pianistischen Ausgestaltung bestens zu gigantischen Sternennebeln, -haufen und -ballungen, zu gleißenden Supernoven, Sterngeburten und Kugelsternen. Jetzt versteht man auch die Notwendigkeit des Vorab-Hinweises, dass alles dies tatsächlich im Weltraum zu finden ist.
Am Ende der eindreiviertelstündigen Präsentation schier überwältigender optischer und akustischer Impressionen steht die langsam schweifende Ansicht eines Kugelsternhaufens exorbitanter Ausmaße, der mit seinen blauen, grünen und orange-gelben Tupfen, bei denen es sich in Wirklichkeit um unzählige Sterne handelt, frappant an eine von weit oben aufgenommene Blumenwiese erinnert; dazu erklingen die überaus gefühlvoll gespielten kantablen Harmonien von „Schafe können sicher weiden“ (aus der Kantate BWV 208).
Ein wunderschönes, stimmiges Schlusstableau für einen ergreifenden Konzertabend etwas anderer Art: Klassik-Musik, populär dargeboten für ein begeistert applaudierendes Publikum, das man in dieser Zusammensetzung bei einem klassischen Klavier-Recital üblicherweise kaum erwarten würde.
Dr. Gerd Klingeberg, 3. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Bach, Goldberg-Variationen, Alexander Yakovlev, Klavier Laeiszhalle Hamburg, 31. Oktober 2024
Musikfest Bremen: Klavierabend Khatia Buniatishvili Bremer Konzerthaus Die Glocke, 17. August 2025