"Tosca" in München: Josef Calleja singt in Top-Form

Giacomo Puccini, Tosca,  Bayerische Staatsoper, 17. Februar 2020

Bayerische Staatsoper, 17. Februar 2020
Giacomo Puccini, Tosca
Foto: Der Malteser Tenor Joseph Calleja (c)

von Ralf Wegner

Zu schön, um wahr zu sein: „Tosca“ habe ich wohl knapp zwei Dutzend Mal gesehen; dieses Schauerdrama macht nicht  müde: Eine exaltierte eifersüchtige Primadonna opfert sich vergeblich einem brutal sadistischen Polizeichef, der ihren Geliebten, einen freiheitssüchtigen Maler, erschießen lässt.

Die weiteren Personen tragen zur Handlung nur unwesentlich bei und wurden von Puccini musikalisch entsprechend  benachteiligt. Wo Verdis Gesang Tiefenspannung zeigt, bleibt Puccini eher an der Oberfläche, aber an was für einer. Kaum ein Komponist hat so schön wie Puccini für die menschliche Stimme geschrieben. Und der Bayerischen Staatsoper war es auch gelungen, mit der Sopranistin Anja Harteros, dem Tenor Josef Calleja und dem Bassbariton Erwin Schrott drei herausragende Vertreter ihres Fachs für die Partien der Floria Tosca (die Sängerin), des Mario Caravadossi (der Maler) und des Baron Scarpia (Polizeichef) zu gewinnen.

Sie sangen vorzüglich und wurden am Ende auch heftig bejubelt.

Reicht aber vorzügliches Singen allein bei Puccinis Tosca schon aus? Für Caravadossi ja; bei Tosca und vor allem bei Scarpia muss mehr hinzukommen. Es handelt sich um ein Melodrama. Erwin Schrott verlässt sich zu sehr auf seine kräftige, sonore, und schöne Stimme. Der zur Rolle des Scarpia gehörende bösartige, dekadente, brutale, gemeine oder auch nur hinterhältige Charakter wird bei Schrott nicht genügend deutlich. Schon seinem „Va Tosca“ fehlte das Dämonische, das noch Franz Grundheber am Ende seiner Laufbahn in diese Rolle einbrachte. Die Furcht Toscas vor diesem nicht nur gut aussehenden, sondern auch noch angenehm singenden Baron verlor dadurch an Glaubwürdigkeit.

Foto: (c)2019 Erwin Schrott

Anja Harteros sang ihr „Vissi d’arte“ überzeugend; stimmlich kam jedoch für mein Empfinden das Exaltiert-Primadonnenhafte, das Besitzergreifende, wie zuletzt vor zwei Jahren bei Angela Gheorghiu gehört, in der Gesamtgestaltung der Rolle nicht genügend zum Ausdruck.

© Marco Borggreve

Calleja habe ich nie besser gehört. Schon seine Auftrittsarie vor dem Bild der Attavanti gelang grandios. Callejas Stimmkern umringt ein leicht flirrendes, fast glitzerndes Vibrato, an dem er leicht zu erkennen ist. Die Stimme hat Kraft, bleibt auch im Forte schön, ebenso im Abschwellen zum Piano; und mit welch ergreifenden Stimmfärbungen konnte Calleja die Gefühle des liebenden und werbenden Malers ausdrücken. Das ist große Gesangskunst und wird selbst nicht von Jonas Kaufmann übertroffen, den ich hier im Haus 2012 als Caravadossi gehört hatte.

Noch ein paar Worte zur Inszenierung: Der erste Akt spielt in einem unverputzten Kirchenrohbau, in den am Ende mehrere auffällig reich gekleidete, bereits vergreisende Bischöfe einziehen. Luc Bondy, der für die Inszenierung verantwortlich zeigte, wollte damit wohl etwas Antikatholisches zum Ausdruck bringen. Im zweiten Akt räkelt sich Scarpia mit drei Prostituierten auf roten Sofas, was nun völlig gegen den Text und seinen Charakter spricht. Das Bühnenbild zum dritten Akt sieht mit Turm, Kaimauer und dahinter liegender blauer Fläche wie Othellos Landesteg und nicht wie die Engelsburg aus. Immerhin springt Tosca am Ende von der Turmmauer nach hinten in eine Art (offenbar Schaumstoff-gefüllte) Kiste (deren oberer Rand aus dem 2. Rang zu erahnen ist).

Das Bayerische Staatsorchester spielte unter dem kurzfristig eingesprungenen Dirigenten Giampolo Bisanti höchst überzeugend.

Dr. Ralf Wegner, 18. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

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