Foto: Norbert Ernst, Jaquino © Monika Rittershaus
Als wir (noch) nicht „Merker“ und „Blogger“ waren. Wir erinnern uns an schöne musikalische Erlebnisse
Ludwig van Beethoven FIDELIO
Salzburger Festspiele, 16. August 2015
von Lothar und Sylvia Schweitzer
Ein Jahrhundert-Fidelio, um die Bayreuther „Ring“-Inszenierung von Patrice Chéreau frei zu zitieren, der Ausdruck „Jahrhundert“ jedoch als Genitiv zu interpretieren. Dieses Bühnenbild und die Menschen mit ihren Schattenbildern werden dank Claus Guth (Regie), Christian Schmidt (Bühne und Kostüme), Olaf Freese (Licht), dramaturgisch assistiert von Ronny Dietrich, uns lebenslang eingeprägt bleiben.
Beethoven selbst scheint mit den gesprochenen Zwischentexten nicht glücklich gewesen zu sein, denn er gestattete, anlässlich einer Prager Aufführung den Text je nach Gefallen abzuändern oder zu kürzen. In Salzburg wird Gesprochenes durch nonverbale Gestik ersetzt. Das schmerzhafte Entäußern des Weiblichen bei Leonore wird durch eine stumme Verdoppelung mit vielleicht allzu häufiger Verwendung der Gebärdensprache (Nadia Kichler) fühlbar gemacht. Auch Pizarro erhält ein alter Ego (Paul Lorenger).
Die Rettungsoper mit politisch naivem Hintergrund wird zu einem Drama, der in die Mauern des eigenen Körpers gedrängten Seele (Norbert Abels). Das betrifft nicht nur Florestan und seine Mitgefangenen.
Schon lange fragen wir uns, ob diese Ehe noch glücklich werden kann. Erschütternd ist eine Erzählung in Erinnerung, wie sich ein Kind auf den aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Vater gefreut hat und einem fremden, verstörten Menschen begegnet. Florestan bricht am Ende zusammen. In dem Fall stört uns diese Art einer Gegenstimme zum jubelnden Chor nicht.

Kein biedermeierliches Ambiente des ersten Aufzugs. Der Handlungsort bleibt immer derselbe, weil es sich ja um die in die eigenen seelischen Gefängnismauern Eingeschlossenen handelt. Der Chor der Gefangenen ist nicht in den üblichen Fetzen gekleidet, sondern in Weiß. Auch in ihren Bewegungen eine interessante neue Aufgabe für den Wiener Staatsopernchor (Einstudierung Ernst Raffelsberger). Farben sind ambivalent, symbolisieren vieles, das Weiß Unschuld ebenso wie Leere. „Schweitzers Klassikwelt 68: Salzburger Festspiele 2015, Fidelio
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