Wiener Staatsoper, mon amour 3: Ich gedenke meiner Lieblingsstadt 

Die Meistersinger von Nürnberg © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Frauen und Männer gibt es viele. Wiener Staatsoper nur eine. Erbaut von Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, thront sie seit 150 Jahren am Wiener Ring, der Prachtstraße der k.u.k. Monarchie.  Vor 70 Jahren hat man sie wieder eröffnet, am 5. November 1955.
Mit „Fidelio“ – eh klar, was würde besser passen als Beethovens „Freiheitsoper“ nach Jahren des Kriegs und der Zerstörung. Doch selbst US-Bomber konnten sie nicht dahinraffen. Am 18. März 1945, unabsichtlich soll es gewesen sein, der Bombenabwurf direkt über der Wiener Staatsoper. Bis auf die Grundmauern brannte sie nieder. Nur der Fronttrakt, die Feststiege, der Teesalon des Kaisers blieben erhalten. Klassik-begeistert-Autoren berichten über ihre Liebe zum Haus am Ring.

von Kirsten Liese

Wo sind die Zeiten dahin, als es noch gmütlich war in Wien“, so beginnt einer der besten Titel des Satirikers Georg Kreisler. Ein höchst brillanter humorvoller Text, im irrwitzigen Parlando von ihm vorgetragen auf die Melodie einer berühmten Klaviersonate von Mozart, durchdrungen von Hassliebe, nur noch ironischer und weniger aggressiv als Thomas Bernhard.

Wien bleibt Wien“, heißt es im Refrain, „das ist grad das Schöne dran. Wien bleibt Wien, dass man sich dran gewöhnen kann“ und dann:  „ …hier gibt’s nur Melodien und Harmonien, die in Berlin nicht mehr ziehen“.

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Das schrieb Kreisler 1969. Und heute? Hat die Tendenz noch Fahrt aufgenommen, vermeiden die Orchester an der Spree doch die vielfach herabgewürdigten „ausgetretenen Pfade“, so dass in oft kleinteiligen Programmen mehr Musik von Suk, Glinka, Hindemith, Bartók, Poulenc, Ligeti, Schönberg, Strawinsky oder Zeitgenossen zu hören ist als von Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert, Brahms, Schumann, Bruckner oder Tschaikowski. Die geniale Sinfonik der Klassik und Romantik sieht sich an den Rand gedrängt was in Wien freilich nicht der Fall ist. „70-jähriges Jubiläum Wiener Staatsoper III
Wiener Staatsoper, 24. November 2025“
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Wiener Staatsoper, mon amour 2: „Wohnst Du eigentlich schon in der Oper?“

Benjamin Bernheim als Rodolfo © Michael Pöhn, Wiener Staatsoper

Frauen und Männer gibt es viele. Wiener Staatsoper nur eine. Erbaut von Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, thront sie seit 150 Jahren am Wiener Ring, der Prachtstraße der k.u.k. Monarchie.  Vor 70 Jahren hat man sie wieder eröffnet, am 5. November 1955.
Mit „Fidelio“ – eh klar, was würde besser passen als Beethovens „Freiheitsoper“ nach Jahren des Kriegs und der Zerstörung. Doch selbst US-Bomber konnten sie nicht dahinraffen. Am 18. März 1945, unabsichtlich soll es gewesen sein, der Bombenabwurf direkt über der Wiener Staatsoper. Bis auf die Grundmauern brannte sie nieder. Nur der Fronttrakt, die Feststiege, der Teesalon des Kaisers blieben erhalten. Klassik-begeistert-Autoren berichten über ihre Liebe zum Haus am Ring.

von Peter Sommeregger

Die Wiener Staatsoper feiert im November 2025 das 70-jährige Jubiläum ihrer Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Festakt am 5. November und einer Reihe weiterer Veranstaltungen.

Eine Ausstellung im Balkonumgang der Staatsoper beleuchtet bis Ende Januar 2026 Zerstörung und Wiederaufbau mit Fotografien und Exponaten.

Die Auseinandersetzung mit der Thematik wird in der laufenden Saison durch verschiedene Veranstaltungen fortgesetzt, unter anderem mit der Fidelio-Premiere im Dezember.

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In Wien im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuwachsen, bedeutete, da und dort noch Ruinen zerstörter Gebäude und auch Baulücken als gegeben wahrzunehmen. „Das war der Krieg“ sagten die Erwachsenen, für ein Kind war das ein sehr abstrakter Begriff. „70-jähriges Jubiläum Wiener Staatsoper II
Wiener Staatsoper, 23. November 2025“
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Wiener Staatsoper, mon amour 1: Zwischen Bomben und Berlioz – sie lebe hoch!

Wiederaufbau der Feststiege © Wiener Staatsoper GmbH

Frauen und Männer gibt es viele. Wiener Staatsoper nur eine. Erbaut von Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, thront sie seit 150 Jahren am Wiener Ring, der Prachtstraße der k.u.k. Monarchie.  Vor 70 Jahren hat man sie wieder eröffnet, am 5. November 1955.
Mit „Fidelio“ – eh klar, was würde besser passen als Beethovens „Freiheitsoper“ nach Jahren des Kriegs und der Zerstörung. Doch selbst US-Bomber konnten sie nicht dahinraffen. Am 18. März 1945, unabsichtlich soll es gewesen sein, der Bombenabwurf direkt über der Wiener Staatsoper. Bis auf die Grundmauern brannte sie nieder. Nur der Fronttrakt, die Feststiege, der Teesalon des Kaisers blieben erhalten. Klassik-begeistert-Autoren berichten über ihre Liebe zum Haus am Ring.

von Jürgen Pathy

Regelmäßig würdige ich sie, diese stolze Braut aus Stein, Geschichte und Herz. Die Beziehung zu ihr ist eine besondere. Das beweisen nicht nur die regelmäßigen Streicheleinheiten. Früher führte mein Weg in die Arbeit direkt an ihr vorbei. Durch den Arkadengang, vor dem Herbert-von-Karajan-Platz. Die „Stadtseite“, wie Insider den Blick vom Haus in diese Himmelsrichtung bezeichnen. Über mir das Büro des Direktors, darunter die Laterne, schief – seit Direktor Bogdan Roščić die Räumlichkeiten bezogen hat. Vielleicht auch schon früher, aber die Fantasie spielt einem manchmal solche Streiche.

„70-jähriges Jubiläum Wiener Staatsoper I
Wiener Staatsoper, 22. November 2025“
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Kritischer Blick zurück: Die Wiener Staatsoper erinnert sich

Buchbesprechung:

Im Palast der Selbsterfindung
Herausgegeben von Bogdan Roščić

Molden Verlag
Hardcover
Format: 24.0 x 30.0 cm
Seiten: 168
ISBN: 978-3-222-15169-9
Erscheinungstermin: 2025-11-07

von Peter Sommeregger

Der 70. Jahrestag der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper, der 1955 zeitnah mit dem endgültigen Abzug der Alliierten aus Österreich zusammenfiel, markierte auf kulturellem Gebiet ebenfalls die Rückkehr zur staatlichen Eigenständigkeit und wurde gebührend gefeiert. „Buchbesprechung: Im Palast der Selbsterfindung Herausgegeben von Bogdan Roščić
klassik-begeistert.de, 13. November 2025“
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„Don Giovanni“ an der Wiener Staatsoper: Christoph Koncz setzt zum Höhenflug an

Christoph Koncz © Andreas Hechenberger

Mozart wie von einem anderen Stern. Dirigent Christoph Koncz animiert das Wiener Staatsopernorchester zu einem Höhenflug. Der komplette Cast in enormer Spiellaune.

WOLFGANG AMADEUS MOZART

DON GIOVANNI

Heiteres Drama in zwei Akten
Text Lorenzo Da Ponte

Wiener Staatsoper, 1. November 2025

von Jürgen Pathy

Christoph Koncz is back. Früher war er 2. Geiger bei den Wiener Philharmonikern, ebenfalls im Staatsopernorchester. Stimmführer noch dazu. Nun fühlt er sich zu Höherem berufen – und animiert seine Ex-Kollegen zu einer Mozart-Sternstunde.

„Bombastisch“, „sensationell“. Attribute, mit denen an der Wiener Staatsoper gestern Abend nicht gespart wird. Dabei soll es nicht von Anfang an geklappt haben. Die erste Vorstellung der aktuellen Don-Giovanni-Serie – „Das war nichts“, hört man. Viele Substitute sollen es gewesen sein, bei der ersten von vier Vorstellungen. Alleine an den Celli – vermutlich kein einziger aus den Reihen der Wiener Philharmoniker.

„W.A. Mozart, Don Giovanni
Wiener Staatsoper, 1. November 2025“
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Ein umjubeltes Sängerfest krönt den Wiener Tannhäuser zum Erfolg

Tannhäuser, Camilla Nylund  © Wiener Staatsoper – Michael Pöhn

Dank einer Reihe an gefeierten musikalischen Leistungen wird der Wiener Tannhäuser zu einem stimmig umjubelten Erfolg, während Lydia Steiers oberflächlich lebhafte Regie kaum über ein paar interessante Ideenschnipsel raus kommt. Gesang top, Regie flop: Lohengrin ist also vor Tannhäuser.

Tannhäuser
Musik und Libretto von Richard Wagner
Große romantische Oper in drei Aufzügen

Musikalische Leitung: Axel Kober
Orchester der Wiener Staatsoper

Inszenierung: Lydia Steier
Bühne & Video: Momme Hinrichs
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Choreographie & Regiemitarbeit: Tabatha McFadyen
Licht: Elana Siberski

Wiener Staatsoper, 24. September 2025

 

von Johannes Karl Fischer

Wien hat es wohl im Moment nicht mit Wagner-Regie: Auf die völlig sinnfreie Lohengrin-Inszenierung vom letzten Jahr folgt nun ein regelrechter Wirrwarr an nicht zu Ende gedachten Ideenschnipseln in Form von Tannhäuser. Immerhin passiert auf der Bühne etwas, so taumeln im Venusberg vor pompösen Bühnenbildern vier Trapezakrobatinnen von der Decke, während auch der Papst auf einem Balkon auf der freizügigen Varieté-Party weilt. „Richard Wagner, Tannhäuser
Wiener Staatsoper, 24. September 2025“
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Patrick Lange beweist: Wer Mozarts „Zauberflöte“ ernst nimmt, kann Großes erschaffen

Zauberflöte,  Drei Knaben OPERNSCHULE © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Manchmal ist Oper wie ein Fußballmatch. Die erste Halbzeit: top, nach der Pause eine Flaute, kurz vor Schluss gibt man noch einmal Gas. Genau so legt Dirigent Patrick Lange Mozarts „Zauberflöte“ an. Selten habe ich einen Dirigenten erlebt, der dieses Werk – die „Oper aller Opern“ womöglich – so behutsam anfasst. „Spielen die Wiener Philharmoniker mit links“, hört man oft. Eine Oper, die man im Schlaf beherrsche. Wer so an die „Zauberflöte“ herangeht, ist zum Scheitern verurteilt. Patrick Lange begeht diesen Fehler nicht.

Wolfgang Amadeus Mozart
Die Zauberflöte


Wiener Staatsoper, 12. September 2025

von Jürgen Pathy

Das Problem der „Zauberflöte“ ist klar: Sie wird viel zu selten ernst genommen. Patrick Lange hingegen weiß: Schon mit der Ouvertüre muss man alles geben. Und sofort ist es spürbar – diese Liebe zum Detail, dieses Gespür für Phrasierung, für Spannung und Auflösung. Klar, es ist bereits die vierte Aufführung dieser Serie.

„Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte
Wiener Staatsoper, 12. September 2025“
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Das Opern-Air-Konzert im Burggarten begeistert alte und neue Opernfreunde

Opern Air, De Billy, Orchester, Chor © Martina Berger

Man könnte es als die erste Premiere der Saison bezeichnen, als Uraufführung. Im Herbst 1955 stieg die Wiener Staatsoper, das Haus am Ring, wieder aus der Asche. Ist 70 eine magischere Zahl als 75? Jedenfalls könnte hier eine neue Tradition am Anfang jeder neuen Saison entstehen. Wie Direktor Bogdan Roščić betonte, Opern air assoziiert als Wortspiel mit open, mit sich öffnen. Werbung für die Kunstform Oper. Das Publikum war zahlreich vorhanden.

Opern Air Konzert
Ein Galakonzert unter freiem Himmel bei kostenlosem Eintritt

Sonntag, 7. September 2025, Burggarten, Wien


von Lothar und Sylvia Schweitzer

Prof. Viktor Frankl hat einmal die Frage der Konditionierung angesprochen. Was macht einem zum Liebhaber zum Beispiel des Bergsteigens? Das kann sehr unterschiedliche, fast gegensätzliche Ursachen haben. Wir verweisen auf den Klassik-begeistert-Artikel „Mein Weg zum Opernliebhaber war unorthodox“. Deshalb kann Opernmusik auch ohne Bühne durchaus zum sprichwörtlich springenden Funken werden. „Opern-Air-Konzert
Sonntag, 7. September 2025, Burggarten, Wien“
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Philippe Jordans letzter Akt an der Wiener Staatsoper: Während die Chefetage schweigt, tobt das Publikum

Philippe Jordan © Michael Pöhn, Wiener Staatsoper

„Wie bei einer Putzfrau.“ So habe sich Direktor Bogdan Roščić von Musikdirektor Philippe Jordan verabschiedet, sagt ein Insider – nämlich gar nicht. Anscheinend nicht mal im Haus sei er gewesen, als Philippe Jordan seine letzte Vorstellung an der Wiener Staatsoper dirigierte: „Götterdämmerung“, Richard Wagner. Das stimmt so nicht. Roščić war in der Proszeniumsloge, hat diese aber vorzeitig verlassen. Das Publikum hingegen will Jordan gar nicht mehr ziehen lassen. Blumen, 25 Minuten Schlussapplaus für den scheidenden Musikdirektor, der vielen fehlen wird.

Richard Wagner, Götterdämmerung
Wiener Staatsoper,
28. Juni 2025,

von Jürgen Pathy

Es ist deutlich zu erkennen, dass er mit den Tränen kämpft, als Philippe Jordan gestern eines erlebt: den überwältigenden Zuspruch des Wiener Publikums. Fünf Jahre hatte die „Beziehung“ gedauert – mit Höhen, aber auch mit einigen Tiefen. Tiefpunkt des Zwists, den Philippe Jordan und Direktor Bogdan Roščić öffentlich ausgetragen hatten: eine mediale Schlammschlacht Ende 2022 in puncto Regietheater, dem sich Jordan nicht mehr unterwerfen wollte. „Richard Wagner, Götterdämmerung
Wiener Staatsoper, 28. Juni 2025“
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„Siegfried“ in Wien: Andreas Schager lässt es krachen!

Foto © Michael Pöhn

Hollywood hätte kein besseres Drehbuch schreiben können. Dass Wotans Macht im Laufe des „Rings“ schwindet, ist bekannt. Dass Iain Paterson in „Siegfried“ beinahe die Stimme verliert, ist nun sicherlich nicht gewollt gewesen. Dennoch: Würden Sujet und Stimmkraft korrelieren, wäre das die logische Konsequenz. Iain Paterson lasse mitteilen, dass er an einem „aktuen allergischen Schub“ leide, lässt man das Publikum der Wiener Staatsoper wissen. Pause, Beginn 2. Aufzug, „Siegfried“ ist da gerade, als einer der Lang-Brüder vor den Vorhang tritt und das verkündet.

Richard Wagner, Siegfried
Wiener Staatsoper, 25. Juni 2025

von Jürgen Pathy

„Der war schon in der Walküre kaum zu hören“, meint die ältere Dame links neben mir. Parterre Loge 5, Reihe 1, Sitz 1 – das ist der Platz, von dem ich das alles mitverfolge. Zumindest zwei Aufzüge lang, nachdem mich wieder der Eifer packt und die Galerie laut ruft. Stehplatz, Galerie ganz rechts – das ist schon ein befreiendes Gefühl. Rund 160 Minuten im Hocker hängen, ist einfach keine Wohltat. Selbst dann nicht, wenn Andreas Schager wieder eines klar macht: Diesen Siegfried lehrt so schnell nichts das Fürchten. Fafner, den Wurm, erledigt er mit einem Hieb. Mime ereilt dasselbe Schicksal. Schade nur, dass der ihm keinen Bären aufbinden kann: Stunden hätte ich Michael Laurenz noch zugesehen UND zugehört. List, Deklamation und zwergenhafte Verkrampftheit – das hat der alles drauf.

„Richard Wagner, Siegfried
Wiener Staatsoper, 25. Juni 2025“
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