Altinoglu stellt Schostakowitsch zur Rede

CD/Blu-ray-Besprechung: Dmitri Schostakowitsch, Sinfonie 4/5  klassik-begeistert.de, 26. Dezember 2025

CD/Blu-ray-Besprechung:

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 4 c-moll op. 43
Sinfonie Nr. 5 d-moll op. 47

hr-Sinfonieorchester
Alain Altinoglu, musikalische Leitung

ALPHA1173

von Dirk Schauß

Man kann einen Schostakowitsch-Zyklus höflich beginnen. Oder man kann gleich die unbequemen Fragen stellen. Alain Altinoglu entscheidet sich mit dem hr-Sinfonieorchester (international: Frankfurt Radio Symphony) für Letzteres – zumindest zur Hälfte. Der Auftakt seiner geplanten Gesamteinspielung kombiniert die vierte und fünfte Sinfonie, entstanden in den Jahren 1935 bis 1937, also mitten in jener Lebensphase, in der Schostakowitsch lernte, dass Musik tödlich ernst sein kann. Was ist der Mensch, wenn der Staat ihn zerdrückt. Und was bleibt von Kunst, wenn Jubel befohlen wird.

Die vierte Sinfonie ist die eigentliche Aussage dieser CD. Ein Werk, das lange unter Verschluss blieb, weil es schlicht zu ehrlich war. Zu laut, zu widerspenstig, zu wenig sozialistischer Realismus. Hier gibt es kein heldisches Fortschreiten, sondern Zerrissenheit, groteske Überzeichnung und am Ende Erschöpfung. Altinoglu nimmt dieses Stück ernst, ohne es zu musealisieren. Er behandelt es nicht als historisches Dokument, sondern als lebendige Zumutung.

Der erste Satz gerät zum kontrollierten Ausnahmezustand. Die Tempi sind straff, die Übergänge klar, nichts zerfasert. Altinoglu liebt Struktur, das hört man sofort. Aber diese Struktur wirkt nicht akademisch, sondern wie ein Gerüst, an dem sich die Musik aufscheuert. Das hr-Sinfonieorchester spielt präzise mit eruptiver Kraft, die beeindruckt. Besonders die Blechbläser zeigen Zähne, ohne je plump zu wirken. Wenn das Presto losbricht, hat das Gewicht, aber auch Richtung.

Der zweite Satz ist kein ironisches Zwischenspiel, sondern ein kalter Blick nach innen. Altinoglu verweigert sich hier jeder süffigen Bitterkeit. Stattdessen zieht er die Linien nüchtern, nahezu asketisch. Das wirkt zunächst distanziert, entfaltet aber eine eigentümliche Spannung. Man hört nicht das Leiden ausgestellt, sondern das Leiden unter Kontrolle. Gerade das macht es unangenehm – im besten Sinn.

Der dritte Satz schließlich ist der große Abstieg. Mahler schwebt hörbar im Raum, aber ohne epigonales Zitieren. Der Trauermarsch wirkt schwer, doch nicht pathetisch. Immer wieder türmt sich die Musik auf, verspricht Erlösung, nur um dann in sich zusammenzubrechen. Altinoglu kostet diese falschen Apotheosen nicht aus, er lässt sie scheitern. Das Ende mit der verebbenden Trompete und der unbeirrbar tickenden Celesta ist von beklemmender Konsequenz. Nichts für schwache Nerven! Kein Trost, kein Kommentar. Einfach Stillstand. Hier gelingt Altinoglu etwas Seltenes: Er vertraut der Partitur vollkommen.

Ganz anders die fünfte Sinfonie. Das berühmteste Werk Schostakowitschs, sein offizielles „Antwortschreiben an die Partei“, ist auch die heikelste Falle. Spielt man sie zu triumphal, glaubt man die Lüge. Spielt man sie zu ironisch, wird sie zur Karikatur. Altinoglu wählt einen dritten Weg: kontrollierte Sachlichkeit. Das ist legitim, aber nicht immer überzeugend.

Der erste Satz bleibt gemessen, ausgewogen und doch zu deutlich zurückhaltend. Alles ist sauber gebaut, die Spannungsbögen sind logisch, doch die existenzielle Dringlichkeit bleibt gedämpft. Man hört einen guten Plan, aber zu wenig Risiko. Das anschließende Scherzo ist schroff genug in der Kontur, aber in der Farbe erstaunlich freundlich. Hier beißt nichts, hier tanzt nichts am Abgrund. Es bleibt Konzertsaal, nicht Bedrohung. Ironie und Sarkasmus sind nur schemenhaft zu erahnen.

Der langsame dritte Satz ist der stärkste Teil dieser Interpretation. Altinoglu verzichtet konsequent auf Pathos. Kein großes Schluchzen, kein aufgesetzter Schmerz. Stattdessen eine eisige Melancholie, die tatsächlich berührt. Die Streicher des hr-Sinfonieorchesters spielen hier mit großer Disziplin und innerer Spannung. Das ist Schostakowitsch als Erstarrung, nicht als Klage.

Das Finale allerdings irritiert. Der Schluss, der so oft als erzwungener Jubel entlarvt wurde, bleibt hier auffallend leicht. Die Tempi sind moderat, die Dynamik kontrolliert. Die finalen Beckenschläge wirken viel zu brav, ohne Wucht. Von Zwang, von bitterem Triumph, von musikalischer Gewalt ist nichts zu spüren. Das provoziert, aber vielleicht nicht auf die richtige Weise. Eher unfreiwillig. Man fühlt sich an andere jüngere CD-Interpretationen (Klaus Mäkelä) erinnert, die Schostakowitsch lieber umarmen als befragen und den musikalischen Härten aus dem Weg gehen.

Damit ist das Profil dieser CD klar umrissen. Alain Altinoglu bietet einen persönlichen, deutlich westlich geprägten Zugriff, fern der russischen Traditionen von Überzeichnung und existenzieller Härte. Wer Schostakowitsch strukturiert, transparent und eher leichtgewichtig hören möchte, wird hier fündig. Vor allem die vierte Sinfonie überzeugt auf hohem Niveau und rechtfertigt die Aufnahme allein.

Das hr-Sinfonieorchester präsentiert sich als souveräne, hochkonzentrierte Formation, technisch makellos und klanglich flexibel. Die Aufnahmetechnik ist formidabel: weit, wuchtig, dabei stets durchsichtig.

Dieser Zyklus beginnt nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einer offenen Debatte. Die vierte Sinfonie stellt die Frage, die fünfte beantwortet sie nur zögerlich. Genau darin liegt die Spannung für die kommenden Folgen.

Dirk Schauß, 26. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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