Menschen bekommen Gesichter – Die CD „Where To From“ von Hildur Guđnadóttir entführt in intime Seelenlandschaften

CD/Blu-ray Besprechung: Hildur Guðnadóttir Where to From  klassik-begeistert.de, 18. Januar 2026

 

CD/Blu-ray Besprechung:

Der Name der isländischen Cellistin und Komponistin Hildur Guđnadóttir dürfte hierzulande noch wenigen bekannt sein, aber ihre Musik zur Comic-Verfilmung von „Joker“ von 2019, für die sie den Oscar für die beste Filmmusik erhielt, hat dann doch ein breiteres Publikum in den Ohren. Klassikbegeisterte Kinogänger erinnern sich an ihre Musik zum Film „Tár“ von Todd Field aus dem Jahr 2022. Ihre CD „Where To From“ schlägt deutlich leisere Töne an.

Hildur Guðnadóttir Where to From

CD erschienen 2025 bei Deutsche Grammophon, UPC 00028948631100

von Dr. Andreas Ströbl

Man muss sie aushalten wollen, die tiefe Melancholie in den Stücken mit wenigen Streichern, dominiert vom Cello der Komponistin, und den Stimmen, die sich mal summend, mal als Vokalisen an den Klang der Instrumente schmiegen, mal mit reduziertem Text ihre Botschaft übermitteln.

Auf dem Cover-Titel blickt eine Puppenbüste von Gisèle Vienne ins Nichts, andere im Inneren und im Booklet sehen nach unten oder sind abgewandt, eine hat gar keine Augen. Dies sind Gestalten ohne echte Gesichter; den einzigen lebendigen Blick schenkt ein Waldkauz. Dazwischen lassen ebenfalls von Gisèle Vienne geschaffene Photographien isländischer Winterlandschaften den Betrachter frösteln. Man sehnt sich nach Wärme und menschlichen Augen.

Es sind eher Melodiefragmente als tragende Linien; Fermaten lassen innehalten, schaffen Strukturen, bremsen ab, wie Stapfen in tiefem Schnee. Diese Musik ist in sich gekehrt, teils wirkt sie klagend und traurig. „Ich denke, der Grund dafür, dass diese Stücke so intim klingen, ist, dass sie alle in ganz intimen Momenten entstanden sind, in denen ich einfach alleine war mit mir und meinen Gedanken“, so Hildur Guđnadóttir. Manchmal gemahnt das plötzliche Aufhören und Entschwebende der neun, nur wenige Minuten dauernden Stücke an Fragen. „Where to From“ kann mit „Wie geht es von hier aus weiter“ übersetzt werden, aber es fehlt das Fragezeichen. Wieder ein Fragment, entsprechend der Musik.

Die Gesangsstimmen gehören Else Torp, Jessika Kennedy und der Komponistin, die auch eines der Celli spielt. Das andere ist das von
Clare O´Connell, auf der Bratsche ist Eyvind Kang zu hören, auf der Viola da Gamba Liam Byrne.

Meist sind es nur wenige Töne, die eine meditative Stimmung erzeugen. Dissonanzen sind eher angedeutet und werden rasch wieder aufgelöst. Die gesummten oder gesungenen Partien bilden entweder einen Widerhall zu den Streichinstrumenten oder erklingen unisono harmonisch mit ihnen. Selten fordern sie oder drängen zu stärkerer Dynamik. Text gibt es nur in zwei Stücken; das eine ist „I Hold Close“, wo die einführenden Worte, „Ich versuche zu lernen und zuzuhören, und mit der Person in mir zu sprechen“ die intime In-sich-Gekehrtheit der Komponistin treffend wiedergeben. Jenseits aller auch nur angedachten Sentimentalität erhält hier eher die bescheidene Sprödigkeit isländischer Wesensart eine zurückgenommene Stimme.

Das andere Stück mit gesungenen Worten ist „Fólk Faer Andlit“, was „Menschen bekommen Gesichter“ bedeutet. Auch diese abschließende Komposition dauert mit fünfeinhalb Minuten nur wenig länger als die vorigen Stücke. Dennoch offenbart sich hier eine bezwingende Intensität, die sich steigert, wenn man den Hintergrund kennt. Die Abschiebung von unheilbar kranken albanischen Kindern aus Island 2015 hat die Komponistin tief getroffen. So schuf sie dieses Werk, das als großes Kammerensemble mit mindestens 11 Streichern oder mit einem vollständigen Streichorchester sowie einem Chor aufgeführt werden kann. Der reduzierte Text besteht aus dem Wort „miskun“ („Gnade“) und der Formel „Fyrirgefið okkur fyrir“ („Vergib uns für…“), hier gesungen von Hildur Guđnadóttir selbst. Daraus spricht das Bedürfnis, zu bloßen Abschiebenummern gewordenen Menschen wieder Gesichter zu geben.

Diese CD bildet einerseits den „ständigen Musikstrom im Kopf“ der Komponistin und ihre musikalischen Tagebucheinträge, wie sie es selbst beschreibt, ab. Andererseits spiegelt es die tiefe Freundschaft mit den mitwirkenden Musikerinnen und Musikern wider.

Es ist Musik, die einen wohltuenden, sehr eigenwilligen Gegenpol zum lauten Getriebe einer immer mehr ins Rasende geratenden Welt entwirft. Einfach mal Innehalten. In die Seele von Hildur Guđnadóttir hineinhorchen und ihre Musik in der eigenen widerhallen lassen. Gerade in diesen Zeiten sehr zu empfehlen.

Dr. Andreas Ströbl, 18. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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