CD/Blu-ray Besprechung:
Richard Wagner
Tristan und Isolde
Klaus Florian Vogt Tristan
Camilla Nylund Isolde
Georg Zeppenfeld König Marke
Martin Gantner Kurwenal
Tanja Ariane Baumgartner Brangäne
Sächsische Staatskapelle Dresden
Christian Thielemann Dirigent
C Major Blu-ray 770804
von Peter Sommeregger
Am Ende seiner langjährigen Tätigkeit in Dresden wollte Christian Thielemann 2024 noch einen letzten Höhepunkt setzen, nämlich eine Serie von Aufführungen von Wagners „Tristan und Isolde“. Mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Graben der Semperoper, von Richard Wagner selbst einst als „Wunderharfe“ gepriesen, war schon eine optimale Voraussetzung geschaffen.
Aber diese Oper enthält auch die wohl anspruchsvollsten Rollen für Tenor und Sopran, und da liegen die Schwachpunkte der soeben auch auf Blu-ray-Disc erschienenen Aufführung.
Der Tenor Klaus Florian Vogt, man möchte ihn ungern Heldentenor nennen, hat sich über die Jahre sämtliche Tenorpartien Wagners zu erobern versucht, polarisiert aber mit seinen Leistungen massiv, eingeschworenen Fans stehen extrem ablehnende Beurteilungen entgegen. Vogt, dessen Stimme und Vortrag sich elementar von allen bekannten Heldentenören der Vergangenheit und Gegenwart unterscheidet, ist ein stilistisches Phänomen. Sein trockenes, sehr helles Timbre ist wenig ansprechend, seine Textbehandlung monoton. Man kann nur spekulieren, was ihn so erfolgreich macht, mag sein, dass seine androgyne Ausstrahlung in Zeiten der Ablehnung einer toxischen Männlichkeit gefällt, und einem differenzierteren Männerbild nahekommt. Dem Männerbild Wagners und seinen Partituren entspricht er jedenfalls nicht.
Trotz der nicht zu großen, sängerfreundlichen Semperoper, zwingt die fehlende Durchschlagskraft von Vogts Tristan Thielemann zu einer lyrischen, seltsam gebremst wirkenden Realisierung des Orchesterparts. Das erzeugt im Orchester wunderbare einzelne Momente, ist aber mit der in dieser Musik angelegten glühenden Leidenschaft nicht in Einklang zu bringen. Bereits die erste Szene des zweiten Aktes, die von der fiebrigen Ungeduld Isoldes bestimmt sein sollte, gerät seltsam zurückgenommen. Mit Camilla Nylund steht Thielemann zwar eine achtbare Isolde zur Verfügung, aber die Sängerin, die sich erst im Herbst ihrer Karriere zu hochdramatischen Partien entschloss, muss doch mit dem begrenzten Volumen ihres Soprans haushalten. Das Liebesduett wird so ein Zwiegesang der gebremsten Leidenschaft, bei dem man das brennende, glühende Element schmerzlich vermisst.
Gänzlich enttäuschend fällt der dritte Akt aus. Den Fieberphantasien Tristans ist Vogts Stimme schon wegen der fehlenden Tiefe nicht gewachsen, auch fehlt es ihm deutlich an Volumen. Nicht umsonst verfügten und verfügen alle gestandenen Wagnertenöre über eine baritonale Grundierung ihrer Stimme, ein Element, das bei Vogt fehlt. Thielemann wählt hier überbreite Tempi, wodurch der Spannungsbogen der Musik zu reißen droht. Ich erinnere mich an eine Tristan-Aufführung von Thielemann an der Deutschen Oper Berlin, in der ein deutlich überforderter dänischer Tenor im dritten Akt nur noch markierte, und der Dirigent die Chance nutzte, das Orchester voll aufspielen zu lassen und bei den Tempi keine Rücksicht auf den Sänger nehmen zu müssen.
Im Gegensatz zu den Titelrollen entspricht der Rest der Besetzung sehr viel eher den Standards des Wagner-Gesanges. Allen voran setzt Georg Zeppenfeld als König Marke mit seinem wandelbaren Bassbariton ein starkes Zeichen, Tanja Ariane Baumgartners Brangäne übertrifft ihre Herrin Isolde an vollem, sonorem Klang, Martin Gantners Kurwenal schlägt sich trotz etwas trockenem Timbre tapfer, Attilio Glaser kann mit dem jungen Seemann und dem Hirten nachdrücklich auf sich aufmerksam machen, Sebastian Wartig punktet mit einem markant interpretierten Melot.
Die Inszenierung Marco Arturo Marellis, die bereits dreißig Jahre alt ist, besticht immer noch durch geschickte Reduktion und damit Konzentration auf die musikalischen Abläufe. Verglichen mit aktuellen Auswüchsen des so genannten Regietheaters eine Wohltat. Insgesamt hinterlässt die Aufführung aber einen zwiespältigen Eindruck. Thielemanns extrem zurückgenommene, lyrische Realisierung der Partitur hat ihre schönen Momente, bleibt aber wesentliche Aspekte des Werkes schuldig. Die Rücksichtnahme auf den Partien nur bedingt gewachsenen Sängern der Hauptpartien kann diesem Werk nicht gerecht werden.
Peter Sommeregger, 2. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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