Die romantische Schweiz erklingt im Lied

CD-Rezension: Franziska Heinzen und Benjamin Mead  „Lieder us um Tal“  klassik-begeistert.de, 22. Februar 2023

CD-Rezension

Franziska Heinzen und Benjamin Mead
„Lieder us um Tal“
(Prospero Classical Records, Schweiz)

von Jolanta Łada-Zielke

Besprechung des neuen Albums von Franziska Heinzen und Benjamin Mead „Lieder us um Tal“ (Prospero Classical Records, Schweiz)

Die meisten dieser 25 „Lieder aus dem Tal“ – konkret aus dem Kanton Wallis – singt Franziska Heinzen im lokalen, rätoromanischen Dialekt. Dieser ist voll von  Konsonantenclustern, verengten Vokalen, „s“ ersetzt „sch“ und es gibt ein „schlürfendes“ Digramm „ch“. Gesprochen hört sich das etwas holprig an, aber Franziskas Gesang verleiht ihm Leichtigkeit und Frische.  Die Sopranistin verfügt über eine ausgezeichnete Diktion, so dass man beim Hören der Gedichte ungefähr verstehen kann, worüber sie erzählen. Benjamin Mead, der sie am Klavier begleitet, malt die Landschaften der Schweizer Täler mit schönen Klängen.

Das Album enthält ein ähnliches Repertoire, wie die zwei früheren CDs  des Heinzen-Mead-Liedduos. Die Mehrheit der Stücke sind musikalische Miniaturen, die ungefähr eine Minute dauern.  Man weiß, dass romantische Künstler  sich von der Volksmusik und -poesie inspirieren ließen. Die aus Wallis stammende Franziska Heinzen stellt diejenigen keuschen vor, die in den Schweizer Tälern das Material für ihre Werke sammelten. Die Dichter und Komponisten lernten das raue Alpenklima mit seinen strengen Wintern, starken Winden und das steile und unzugängliche Matterhorn, das in der Landschaft dominiert, kennen. Sie merkten jedoch, dass es an diesen Orten nicht an Bewunderung für die Natur, die Liebe, die Alltagssorgen und die Freude fehlt. Das Begleitheft zum Album enthält Informationen zu jedem Schöpfer der Lieder.

Es gibt einige komponierte Lieder zu in Hochdeutsch geschriebenen Gedichten. Dazu gehören „Junges Mädchen in den Bergen“ von Emil Frey, die an Debussy erinnernde impressionistische „Frühlingsnacht“ zu einem Text von Hermann Hesse, und Albert Moeschingers  „Das Mondlicht„.  Das Stück „Ich träumte von einem Myrthenbaum“ von Paul Heyse ähnelt dem Stil Schönbergs. Ähnlich sind „Sei still“ zu einem Gedicht von Henriette Nordheim, welches das ewige Thema von Liebe und Tod behandelt, oder „Wenn es in den Bäumen rauscht“ von Konrad Falke.

© Abhijit Bossotto

Die Stücke auf dieser CD präsentieren verschiedene Entwicklungsphasen der Romantik. Am zahlreichsten sind die Lieder von Eugene Meier (*1934): „D Chiäjeri“, „Dr Schüelschatz“, „Miin Brief“, „Weischus dü“ und das Wiegenlied  „Ds Hittuliechtje“ erinnern im Stil an Frédéric Chopin.  Dagegen klingt „Imbitz Planuu“ wie eine moderne Interpretation eines Volksliedes. „Die Felswand“ von Werner Bärtschi ist ein Schönberg-artiges Melo-Rezitativ. Der Titel suggeriert, dass es sich um ein statisches Stück handeln wird, während es die verzweifelten Versuche eines Wandernden musikalisch darstellt, der eine Hürde umgehen will. Und das sind die Werke von Eugen Meier, die mich am meisten beeindruckt haben, vor allem das Lied „Wela Wäg“,über einen Bergpfad, der eine Metapher für den Lebensweg ist.

Das leichte, melodiöse und humorvolle „Dr Blüüsuchnopf“ erzählt die Geschichte von Clari, die bei einem Liebesspiel mit Joosi ihren Blusenknopf verloren hat. Dieser Joosi taucht auch in dem festlichen Lied „Ds Glasji Wii“ auf. Hier geht die Sopranistin oft in die Brustlage, um die Atmosphäre eines fröhlichen Weinfestes, mit Umtrunk und Gesang, zum Ausdruck zu bringen.

Bereits bei der Besprechung der früheren Alben von Franziska und Benjamin habe ich behauptet, dass die Sängerin gekonnt das Vibrato einsetzt, und es je nach Stimmung des Stücks sparsam oder „verschwenderisch“ dosiert. Manchmal hört man in ihrem Gesang ein junges, verträumtes Mädchen, das gerade in die Welt der Gefühle eintritt, dann wieder eine reife Frau.

Besonders sinnlich ist Heinzens Interpretation des Liedes „Morgens“ von Walter Courvoisier.

In dem dynamischen „Herbstschwind“ vermittelt das Klavier die zerstörerische Kraft des Windes. In „Herbst“ ahmen die Klavierklänge die Regentropfen nach, wobei die Sängerin und ihr Begleiter jeweils eine eigenständige Melodie führen. Ähnlich hört sich „Ach herzeliep“ an. Ein interessantes Stück ist der wie Filmmusik klingende „Bärgwinter“, in dem die Klaviertöne die fallenden Schneeflocken imitieren. Gleiche Stimmung hält man in „Dr. Wägwiiser“ bei. In dem experimentellen „Lied“  von Isabel Mundry wiederum, das eine eisige Landschaft jenseits des Polarkreises beschreibt, spielt Benjamin die Saiten des Flügels. Das Ganze schließt ein humorvolles Stück über die Hausmäuse.

Das neue Album des Heinzen-Mead-Liedduos  hat nicht nur musikalische, sondern auch philologische und ethnografische Vorteile. Es kann Franziskas Landsleuten gefallen, die ihr für die Förderung der Kultur ihrer Region dankbar sein werden. Für Zuhörer aus anderen Ländern hat dieses Album einen hohen Erkenntniswert. Es lohnt sich auf jeden Fall, dieses Programm bei einem Liederabend live zu hören.

Jolanta Łada-Zielke, 22. Februar 2023, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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