Ein herausragendes Duo präsentiert Perlen der französischen Avantgarde

CD-Besprechung: „Les Six“,  Franziska Heinzen, Benjamin Mead

„So ist dieses Album, man muss es entdecken, anhören, sich in die Stimmung bringen lassen. Franziska und Benjamin sind sehr gut aufeinander eingespielt und ergänzen sich perfekt.“

CD-Besprechung: „Les Six“

Franziska Heinzen: Sopran
Benjamin Mead: Klavier

von Jolanta Łada-Zielke

Einige dieser Stücke sind ziemlich kurz, sie dauern weniger als eine Minute. Die Klavier- und Vokal-Klavierminiaturen der Komponistengruppe „Les Six“ gelten als Perlen französischer Avantgarde vom Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie klingen virtuos, scherzhaft, manchmal melancholisch.

Sechs Mitglieder dieser legendären Gruppe, die 1920 das gemeinsame Werk „L’Album des Six“ schufen, experimentierten gern mit der Form, was jedoch auf zuverlässigen Musik- und Literaturkenntnissen basierte. Das waren in alphabetischer Reihenfolge: Georges Auric, Louis Durey, Arthur Honegger, Darius Milhaud, Francis Poulenc und Germaine Tailleferre, die einzige Frau unter den Männern. Ihre Werke geben sowohl Pianisten als auch Sängern große Interpretationsfreiheit.

Es ist großartig, dass genau 100 Jahre später zwei junge Künstler beschlossen, das Publikum an die Existenz dieser Formation zu erinnern. Es sind der britisch-polnisch-deutsche Pianist Benjamin Mead und die schweizerische Sopranistin Franziska Heinzen, die eine neue Version von „L’Album des Six“ aufgenommen haben, angereichert mit den ersten Aufnahmen der Liederzyklen von Georges Auric (1940) und Louis Durey (1920). Die CD wurde bei dem Label Solo Musica veröffentlicht.

Eigentlich hätte die CD pünktlich zum Jubiläum 2020 erscheinen sollen, was sich aber wegen der Corona-bedingten Studioschließung im April 2020 nun etwas verzögert hat“, sagt Benjamin Mead. Das Duo hat mit diesem Programm bereits halb Europa bereist und begeisterte Kritiken gesammelt. Es ist anerkennenswert, dass junge Künstler nach wertvollen Werken aus der Vergangenheit greifen, um sie zu erfrischen.

Auf dem Coverfoto der CD präsentieren sich die beiden Duopartner ziemlich seriös, würde ich sagen. Wenn ich die Verpackung des Albums aufmache, sehe ich auf dem Heft ein weiteres Bild, in dem sich die Künstler gegenseitig anlächeln. So ist dieses Album, man muss es entdecken, anhören, sich in die Stimmung bringen lassen. Franziska und Benjamin sind sehr gut aufeinander eingespielt und ergänzen sich perfekt.

​Die Auswahl der Werke eröffnet ein instrumentales Klavierstück gefolgt von einigen Liedern mit Klavierbegleitung. Das erste ist nach dem Alphabet Georges Auric (1899-1983). Sein „Prélude“ ähnelt einem Volkstanz, dessen Melodie auf die Spätromantik hinweist. In den nächsten zwei Stücken „Nuit Blanche“ und „Regrets“ gibt es ebenfalls viel Chromatik, die Lieder klingen aber überhaupt nicht traurig. Lobenswert ist die Aussprache von Franziska Heinzen; man kann jedes Wort gut verstehen, selbst auf den hohen Tönen. Es ist angenehm, ihre jugendliche, glockenklare Stimme und ihr edles Vibrato in den lyrischen Stücken zu hören. Manchmal, wenn nötig, klingt sie dramatischer. In „Je nommerai ton front“ von Poulenc verwendet sie das Vibrato auch in der Bruststimme. „Enfance“ von Auriac klingt in Heinzens Interpretation sympathisch, als würde ein kleines Kind herumlaufen und überall neugierig umherspähen.

Die Melodie des Lieds „Romance sans paroles op. 21“ von Louis Durey scheint einfach zu sein, sie wird aber so verarbeitet, dass es schwer fällt, sie zu wiederholen. Durey komponierte seinen Liederzyklus zu Gedichten von Rainer Maria Rilke. Die Melodie des Klaviers und der Sopranstimme laufen unabhängig voneinander. In „La biche“ hat die Solistin große Intervallsprünge. Das Lied „Comme un verre de Venise“ singt sie ruhig, an manchen Stellen mit einer Prise Dramatik.

Man vermutet, Dureys Lieblingsthema sei Wasser. In „Eau qui se presse“ imitiert die Klavierpartie fließendes Wasser und Franziska nimmt ein sanftes, schönes Piano auf hohen Tönen. Das Wasser wird ebenso in „Un cygne“ musikalisch dargestellt, obwohl es – wahrscheinlich wegen des Schwans – statischer als in den beiden anderen Stücken klingt. In „La fontaine“ hören wir Töne als Tröpfchen, Triller, Tremolos, die Sopranlinie wechselt ständig die Lage von der hohen zur tiefen.

Während Franziska in den Liedern von Auriac die tiefen Töne sanfter nimmt, verwendet sie bei Arthur Honeggers Stücken häufig die Bruststimme. Die mit Frauennamen betitelten Honegger-Lieder variieren in der Stimmung. „Jeanne“ ist wie ein angenehmer musikalischer Spaziergang; „Adèle“ beginnt dramatisch und endet mysteriös. „Cécile“ enthält viel Chromatik, „Irène“ hat ein heftiges Finale, auch mit der Bruststimme gesungen. In ähnlicher Weise singt die Sopranistin Eric Saties „Chanson“, in dem es um Wahnsinn geht, sowie sein nächstes Stück „Adieu“. Das Stück „Rosemonde“ von Honegger klingt würdevoll.

Ich habe es genossen, Eric Saties Werke zu hören, der als Mentor der Gruppe „Les Six“ gilt. Bei meiner Diplom-Klavierprüfung an der Musikschule spielte ich ein Stück von ihm und verspürte dabei eine große Lust zu lachen. Benjamin Mead geht sehr geschickt mit den Stimmungswechseln um, von fröhlich bis dramatisch. In Francis Poulencs „Valse in C“ hören wir Verarbeitungen des Themas, schnelle Passagen, „Tempo Rubato“ und überraschende Pausen. Darius Milhauds „Mazurka“ ist ein chromatischer Tanz, ähnlich wie Arthur Honeggers „Sarabande H26“. Milhauds Lieder erscheinen als kurze Geschichten: „Fête de Bordeaux“, „Fête de Montmartre“. „Fumée“ klingt flüchtig wie ein musikalisch dargestellter Zigarettenrauch.

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich den Liedern von Germaine Tailleferre, der einzigen Frau unter „Les Six“, zugehört. Auch in ihrem Fall fängt die Auswahl mit einem Instrumentalstück „Pastoral. Enjoue 1919“ an, gefolgt von „Six chansons françaises“. Drei von ihnen: Mon mari m’a diffamée“, Vrai Dieu, qui m’y confrontera“ und On a dit mal de mon ami“ wurden zu anonymen Texten des 15. Jahrhunderts geschrieben, aber in der Fassung von Tailleferre und in der Interpretation von Franziska Heinzen machen sie einen ziemlich „emanzipierten“ Eindruck.

Ich empfehle dieses Album besonders allen, die sowohl klassische Musik als auch „la chanson française“ mögen.

Jolanta Łada-Zielke, 28. Februar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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