Cecil Hotel in München: Kreativ. Spektakulär. Tatort live. Fantastisch!

Videostream: Montagsstück XVI: Cecil Hotel  Bayerische Staatsoper, München, Live-Stream, 1. März 2021

Bayerische Staatsoper, München, Live-Stream, 1. März 2021
Videostream: Montagsstück XVI: Cecil Hotel

Tänzer: Ksenia Ryzhkova, Jonah Cook. Foto: © Wilfried Hösl

von Frank Heublein

Zuerst eine notwendige Information, was es mit dem Cecil Hotel auf sich hat. Das Gebäude, dass das Cecil Hotel beherbergt hat (es heißt mittlerweile Stay on Main), steht in Los Angeles. Das Hotel eröffnete 1924 und wurde schnell umfunktioniert zu einem Ort der billigen dauerhaften Unterkunft. Zwei Serienmörder, die auch im Ballett als Rolle besetzt sind, wohnten dort. Richard Ramírez, der „Night Stalker“, wohnte in den Jahren 1984/85 im 14. Stockwerk des Cecil und war in dieser Zeit für 14 Morde und elf Vergewaltigungen verantwortlich. 1991 stieg der Österreicher Jack Unterweger im Hotel ab, wo er drei Prostituierte ermordete. Jeweils ein Mord dieser beiden Täter ist Teil der Inszenierung.

Im Februar 2013 wurde der Leichnam der bipolaren Studentin Elisa Lam in den Wasserversorgungstanks auf dem Dach des Hotels entdeckt. Auch sie ist Teil der Inszenierung.

Eine nicht unerhebliche Anzahl von Personen beging in allen Dekaden im Hotel Selbstmord, was Ende der 2000er Jahre zum „Kosenamen“ „The Suicide“ (frei übersetzt „Hotel zum Selbstmord“) führte. Daher nimmt Choreograph Andrey Kaydanovskiy einen Selbstmörder mit aufs Leichentableau.

Was in dieser guten halben Stunde Krimi-Ballett passiert: ich sehe genial verquickt, zeitlich verschachtelt und aus räumlich unterschiedlichen Perspektiven, die letzten Momente der vier Leben, die beendet werden.

Am Anfang sehe ich: nichts. Es ist stockdunkel. Es platscht. Jemand atmend gluckernd. Platscht im Wasser. Was ist das? Immer hektischer hören sich die Bewegungen an. Und dann scheinen sich die Wellen zu beruhigen. Ist da etwa jemand ertrunken?

Licht an. Der Lobby-Boy wischt, gelangweilt wie es mir scheint.

Ein Herr im weißen Anzug tanzt herein, es ist Jack. Oha. Seine Hände voller Blut! Er tanzt sich immer blutverschmierter. Fast bemerke ich den zweiten Herren nicht, der einen im Teppich eingerollten Körper transportiert, Richard. Jack schleift seine Prostituiertenleiche herein. Beide Mörder haben das definitive Problem, die Leiche ordentlich zu beseitigen. Die Leichen sind schwer zu handhaben. Widerspenstig.

Das führt zu einem atemberaubenden doppelten Pas de deux mit Frauenleichen. Ksenia Ryzhkova als Prostituierte und Carollina Bastos als Betty spielen Leichen und sollen doch gleichzeitig tanzen. Ich stelle mir vor, dass das ziemlich kompliziert ist. Ich jedenfalls hätte entsetzt aufgelacht, wenn mir der Choreograph eine solche Rolle einer tanzenden Leiche angetragen hätte. Famos, die Choreographie wie auch die Umsetzung. Alle aktive Bewegung geht von den Serienmördern Jack – Jonah Cook – und Richard – Jinhao Zhang – aus. Die Damen„leichen“ fließen in die Bewegung der Männer. Das begeistert mich.

Ding! Die Rezeptionsklingel. Ein fallender Schrei!

Tanzend wankt ein Mann in Frauenunterwäsche und Negligé herum – der Selbstmörder mit Messer im Bauch. Dazu tritt eine junge desorientierte Frau im feuchten Shirt auf, Elisa ist es. Ich höre tropfende Hähne von überall – in meinem Kopfhörer.

Elisa ruft den Aufzug. Der Aufzug ist ein „Ding“-Ton und ein lichtenes Quadrat am Boden. Der Lobby-Boy ist auch der Lift-Boy. Der Aufzug bleibt stecken! Ein grandioser Tanz von Séverine Ferrolier und Dustin Klein im beleuchteten Lichtquadrat. Sie tanzen und spielen die vorgestellten Wände des Aufzugs wahrnehmbar für mich mit. Unglaublich!

Oh Schreck! Ich sehe wie Jack die Prostituierte im zweiten Aufzug ermordert.

Endlich im Zimmerstockwerk angekommen, bin ich: irritiert. Denn beide Frauenleichen sehe ich quicklebendig. Die Prostituierte wird soeben eingelassen in ein Zimmer vom Jack. Betty, Frauenleiche zwei, bekommt ihre Zimmertüre nicht auf, der Lobby-Boy hilft dabei.

Tänzer: Jinhao Zhang, Carollina Bastos. Foto: © W. Hösl

Hm. Die Frauenleichen jetzt lebendig? Läuft die Zeit rückwärts? Nein. Kann nicht sein. Die Handlung springt zurück und wieder nach vorn zwischen den vier Geschichten hin und her. Meine Überlegungen dazu sind nur sehr kurz. Denn geschwind entwickelt sich die Handlung: der Mann in Frauenunterwäsche und Negligé wankt jetzt mit einem Messer im Bauch umher. Es fallen Schüsse. Ein fallender Schrei.

Jetzt verquicken sich die vier Handlungsstränge schnell. So schnell, dass ich all das vermutlich nicht so stringent wiedergebe wie ich es gesehen habe. Ich öffne meine Wahrnehmung entdeckerfreudig den Geschehnissen.

Ich sehe den getanzten Kampf des Jack mit der Prostituierten. Dann wird „umgeblendet“ – genial einfach durch Türen öffnen und schließen einzelner Zimmer. So ändert sich Handlungsstrang und Personal im Nu.

Elisa geht hinein in ihr Zimmer, findet in ihrer psychotischen Apathie die Tür ins Bad nicht. Die Tür geht von innen auf, Elisa verschwindet hinter der Tür. Und schon ist es ein anderes Zimmer, eine andere Handlung. Denn dort ist Richard. Er tanzt ein Solo. Die Zimmertür geht auf. Ich sehe Betty und den Lobby-Boy. Die Szene habe ich schon vorher gesehen. Nur vorher von außen, jetzt sehe ich sie aus umgedrehter Perspektive von innen.

Schnitt. Wieder fallen Schüsse. Der Selbstmörder rammt sich ein Messer in den Bauch. Der Kampf von Jack und der Prostituierten findet seine Fortsetzung. Erneut fallen Schüsse und die Prostituierte flüchtet aus dem Zimmer, Jack folgt ihr auf dem Fuße. Alle Handlungsschnipsel des Mordes von Jack an der Prostituierten sind jetzt erzählt.

Der Selbstmörder stürzt aus dem Fenster. Schreit. Der fallende Schrei. Auch die Selbstmördergeschichte ist jetzt komplett erzählt.

© S. Gherciu

Ich sehe Richard. Er tanzt ein weiteres Solo. Dann Betty ihres. Ein Katz-und- Maus-Spiel im Hotelzimmer. Sie greift ihre Handtasche, verliert sie aus den Händen. Ein Revolver fällt heraus. Sie versteckt sich im Badezimmer, bekommt die Tür aber nicht zu. Richard schießt. Zweimal. Die Schüsse sind nun aufgeklärt.

Richard schleppt den toten Frauenkörper aus dem Bad. Ein weiterer Pas de deux von Killer und seiner Frauenleiche. Genial, wie die Choreographie die Bewegung des Mannes, ihr Bein über seines, wuchtet er die Frau in Richtung Türe, mit der Bewegung der Frauenleiche verbindet. Schlenkernde Frauenarme. Wegknickende Frauenbeine. Vornüber brechender Frauenkörper. Diesen Schwung nimmt Richard auf, Bettys Körper aus dem Zimmer zu bewegen und die Leiche in den Teppich aus dem Gang einzuwickeln.

Er schließt die Zimmertüre. Damit ist auch dieser Handlungsstrang auserzählt. Hinter der Tür steht Elisa. Sie tanzt gleich mit fünf „bipolaren“ Elisas ein Sextett. Die Tür zum Dach öffnet sich. Ein Lichtstrahl. Die Elisas ziehen sich zurück. Wieder höre ich das gluckernd Wasser schluckende keuchende Atmen, das verendet. Die Geschichte von Elisas Tod, die letzte der vier Geschichten ist komplett.

Im Hintergrund umringen Richard, Jack und der Selbstmörder die ertrunkene Elisa. Der Lobby-Boy wischt im Vordergrund den Boden, ganz so als sei es ein gewöhnlicher Tag im Hotel Cecil gewesen.

Die Handlungsstücke der vier separaten Stränge verbinden sich schnell miteinander und ich rekonstruiere die lineare Handlung in meinem Kopf erstaunlich einfach. Das gefällt mir hervorragend an der Inszenierung: ich selbst darf mit konstruieren.

Hier stimmt alles. Bühne, Kostüme, Sound, Choreographie. Tänzer und Tänzerinnen, die alles tanzen können, sogar wie tot. Kreativ. Spektakulär. Tatort live. Fantastisch!

Frank Heublein, 2. März 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung

Choreographie Andrey Kaydanovskiy

Bühne und Kostüme Karoline Hogl

Dramaturgie Richard Schmetterer

Soundtrack Dmitry Cheglakov

Tänzer und Tänzerinnen:

Elisa Séverine Ferrolier

Elisa doubles Maria Chiara Bono, Madeleine Dowdney, Marina Duarte, Elvina Ibraimova, Marta Navarrete Villalba

Jack Jonah Cook

Prostituierte Ksenia Ryzhkova

Richard Jinhao Zhang

Betty Carollina Bastos

Lobby-Boy Dustin Klein

Selbstmörder Robin Strona

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