Foto: Jonathan Tetelman (mit Maske!) als Doktor Faust vor der Verjugendlichung durch Mephistopheles © Geoffroy Schied
Ein fabelhafter wirkmächtiger Abend. Jubel zur Pause. Jubel fürs Orchester zum Start nach der Pause. Noch viel größerer Jubel am Ende mit Standing Ovation für alle. Voll verdient!
Faust
Oper in fünf Akten (1859)
Komponist Charles Gounod
Libretto von Jules Barbier und Michel Carré
Musikalische Leitung Nathalie Stutzmann
Inszenierung Lotte de Beer
Co-Regie Florian Hurler
Le docteur Faust Jonathan Tetelman
Méphistophélès Kyle Ketelsen
Valentin Florian Sempey
Wagner Thomas Mole
Marguerite Olga Kulchynska
Siebel Emily Sierra
Marthe Dshamilja Kaiser
Bayerisches Staatsorchester
Bayerischer Staatsopernchor
Nationaltheater, München, 16. Februar 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend geht im Nationaltheater die dritte Aufführung der Neuproduktion von Gounods Faust in München auf die Bühne. Wo anfangen, wo aufhören mit der Lobhudelei? Ein perfekter Abend!
Alle Einzelstimmen scheinen endlose Kraftreserven zu haben. Eleganz. Dramatik. Leidenschaft. Tumbheit. Teuflische-Gier-Fies-Gemeinheit.
Tenor Jonathan Tetelman als titelgebender Faust. Kann nicht nur gerade mal eben ansatzlos das hohe C rauspacken. Lodernde Leidenschaft. Leiden. Mitleiden. Emotionale Achterbahn. Kann er auch. In Varianten. Meinen Atem raubend gut. Souverän. Exzellent. Fausts dritter Satz beim ersten Treffen mit Marguerite ist: „Ich liebe dich“. Das kann nicht gut werden und enden: bibber, ächz, stöhn!

Bassbariton Kyle Ketelsen als Méphistophélès räumt – die fiesen Gemeinen haben es einfacher! – den größten Applaus ab. Mei, der Mann ist supergut. Seine Intrigen, gemeines Fehlleiten: Marguerite ist die unbewusst Leidtragende: verabreicht teuflisch geleitet der Nachbarin Marthe zu viel Schlaftrunk: tot! Lässt sich von Méphistophélès und den bösen Geistern (der Chor!) verwirren, das eigene Kind zu ersäufen. Uha! Die Wirkmacht des Teufels. Hahaha! Diabolisch. Fies. Berechnend. In der Stimme prägnant, energisch und zielgerichtet entschlossen.

Marguerite singt Sopranistin Olga Kulchynska. Letztes Jahr habe ich sie in Salzburg in Händels Julio Cesare in Egitto gesehen und geliebt (da musste sie gegen vier Counter bestehen). Jetzt Gounod. Kann sie! Genau – so – gut! Kraft in der Stimme: kein Problem. Never! Variationen: Liebe! Verzweiflung! Kokettheit! Kein Problem! Sorry Männer: ich schmelze dahin und kann es dem Faust nicht verübeln. Dieser Marguerite verfalle auch ich.
Valentin wird gesungen von Bariton Florian Sempey. Fulminant. Sonor. Allerdings als Bruder ziemlich beknackt doof! Wie kann er nur! … seine Schwester verfluchen?! Geht gar nicht! Mit dabei die einzige Mäkelei, die ich am Libretto habe und der Inszenierung ankreide: Krieg wird – vom Chor – verherrlicht. Entschuldigung! Jeder Krieg ist scheiße! Da windet sich mein Gemüt und schreit innerlich.

Mezzo Emily Sierra als Siebel kommt aus dem Hauseigenen Opernstudio. Überzeugt in der Hosenrolle. Marguerite liebend, verteidigend. Always by her side. Treu. Aufrecht. Entschlossen.Der Bayerische Staatsopernchor zeigt – wie alle anderen musikalischen Elementarteilchen des Abends – eine bravouröse Leistung. Wuchtig, brodelnd drohend, ausschweifend. Alles drin. Alles super.

Das Bayerische Staatsopernorchester hat an diesem Abend eine Transparenz, die ich selten höre. Töne die sich zur Klangfarbe zusammenschillern. Dirigentin Nathalie Stutzmann hat ein grandioses Tempomanagement, selbst abrupte Wechsel haben schwebende Eleganz. Mega finde ich auch ihre Pausen. Zeitlich exakt, um die Spannung zu halten und trotzdem die eine Emotion nicht mit darauffolgenden zu verwischen. Einfach großartig.
Lotte de Beer und Florian Hurler beschenken München mit einer Inszenierung, in der die asynchron geteilte Drehbühne hervorragend funktioniert. Keine lange Umbauten sind nötig. Die Auf- und Abgänge des großen Chors fließen ohne den Verlauf zu hindern seitlich zu und ab oder sie können sich im Hintergrund aufstellen und werden hereingedreht in die Sicht des Publikums. Es geht Schlag auf Schlag, Dreh auf Dreh! Wichtig bei dieser vergleichsweisen langen Oper.
An diesem Abend laufen alle Räder ineinander: ein klangfarbenreiches jederzeit das passende Tempo setzende Orchester, wuchtig prägnanter Chor und ein außerordentliches Sängerensemble, in dem die Stimmen sich gegenseitig zu Höchstleistung anzünden. Exzellent geführt bis in die exakt richtige Länge der Pausen von Dirigentin Nathalie Stutzmann.
Ein fabelhafter wirkmächtiger Abend. Jubel zur Pause. Jubel fürs Orchester zum Start nach der Pause. Noch viel größerer Jubel am Ende mit Standing Ovation. Voll verdient! Beim „letzten Herausklatschen“ verteilt Tetelman dem Publikum virtuelle Blumen.

Liebe Opernliebhaber und -liebhaberinnen, wenn Sie in den nächsten Tagen die Zeit haben, das Geld, die Geduld bei der Kartenbörse und-oder den Mut und die Nerven vor der Theatertüre, eine Karte zu erhaschen (ich hatte bisher einmal in vielen Jahren keinen Erfolg vor der Türe, an eine Karte zu gelangen und da sang Jonas Kaufmann – Jonathan Tetelman ist eine vergleichbar große Herausforderung): eilen Sie nach München und gönnen Sie sich zwei absolute Knallerabende mit Gounods Faust in der Bayerischen Staatsoper (Premiere am 08.02.26) und Borodins Fürst Igor am Staatstheater am Gärtnerplatz (Premiere am 14.02.2026).
Frank Heublein, 17. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Charles Gounod (1818-1893), Faust Opéra Royal de Wallonie Liège, 12. September 2025
Charles Gounod, Faust (Margarethe) Theater Lübeck, 17. November 2023 Premiere
Festspiel-Liederabend Jonas Kaufmann Nationaltheater München, 24. Juli 2025