Brudermord bei Nacht und Nebel: Claude Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" feiert in Freiburg Premiere

Claude Debussy: Pelléas et Mélisande,  Theater Freiburg, 25. Mai 2019

Foto: © Rainer Muranyi
Theater Freiburg
, 25. Mai 2019
Claude Debussy: Pelléas et Mélisande
Lyrisches Drama in fünf Akten und zwölf Bildern von Claude Debussy

von Leah Biebert

Golaud trägt Pelz, und das Gewehr unterm Arm. Bei Nacht und Nebel verirrt er sich im Wald, findet die weinende Mélisande, will sie mit sich nehmen. Doch sie ist scheu, will nicht angefasst werden, sträubt sich. Es ist der Anfang einer Liebesgeschichte à la Tristan und Isolde, eine verbotene Liebe, ein Mord aus Eifersucht. Die Protagonisten aber sind Pelléas et Mélisande, es ist Claude Debussys einzige Oper, die als das französische Gegenstück zu Richard Wagners Musikdrama gilt.

Im Theater Freiburg kommt Mélisandes Stimme zunächst noch aus dem off – Sopranistin Katharina Ruckgaber ist hinter den Bühnenbildern versteckt, ihr Gesang scheint von weit her zu kommen. Das Bühnenbild ist angenehm schlicht gehalten, die großen Stellwände auf der Drehbühne zeigen dunkle Wälder, Gestein, Wasserfluten. Zwischen ihnen wabert der Nebel.

Bedrohlich wogen unterdessen die Streicher, ihre Linien übernehmen die Bläser, sie steigern sich bin zum forte. Am Bühnenrand stehen ein Tisch, drei Stühle als pars pro toto für das düstere Königsschloss. Wieder die Streicher: Nervös kreisen sie in den höheren Lagen, ein Decrescendo, dann spielen sie feierlich auf, die Blechbläser treten majestätisch hervor. Das Königspaar betritt die Bühne. Gesanglich regiert Anja Jung als Geneviève sofort den gesamten Raum, noch herrischer Jin Seok Lee als Arkel, der mit durchdringender Stimme und strengem Ernst den wohlwollenden Großvater mimt: Er kommt Golauds (Georg Festls) Bitte, ihn und seine Frau Mélisande in Allemond aufzunehmen, nach und weist dessen Bruder Pelléas (John Carpenter) an, ein Leuchtzeichen für sein Schiff zu geben. Mélisande fühlt sich unwohl in der düsteren Atmosphäre des Schlosses, entwickelt zu Pelléas aber eine tiefe Zuneigung.

Die beiden treffen sich am Brunnen der Blinden, lediglich ein Lichtkreis auf dem Bühnenboden – hell tönt die Flöte, ihre Melodie fällt herab, dann erklingt die Harfe, verträumt. Mélisande balanciert spielerisch am Brunnenrand, die Flöte zwitschert immer wieder frech dazwischen. Als ihr Ehering den Brunnenschacht herunterfällt, plätschert auch die Harfenmelodie abwärts – das Philharmonische Orchester zeigt sich in seiner ganzen Farbenpracht.

Mit leichtem Timbre und verzagten Gesten stellt Ruckgaber Mélisandes Unwohlsein zur Schau und bildet damit den verschreckten Gegenpart zum aufrecht-stolzen Golaud. Einfühlsamer, verhaltender auch, John Carpenter als Pelléas, mahnend, die ausgemergelten Bettler, die in einer Grotte Zuflucht gefunden haben, nicht zu wecken. Hier suchen er und Mélisande nach dem verlorenen Ring. Dazu klagt die Oboe, das Orchester bäumt sich auf: Mélisande, die ihm angsterfüllt widerspricht.

Nur für kurze Zeit gibt sich Mélisande ihrem Geliebten hin, den schmachtenden Pelléas nimmt man Carpenter aber nicht so ganz ab. Inmitten der orchestralen Strahlkraft droht er unterzugehen, wirkt zur Leidenschaftlichkeit der Musik eher ausdrucksschwach. Georg Festl hat ein ähnliches Problem, auch er schafft es bisweilen nicht, mit dem Temperament des Orchesters mitzuhalten. Die Rolle des groben Golaud ist in diesem Fall jedoch eine dankbare, denn Festl kann durch sein hitziges Spiel einiges ausgleichen, etwa als er, die schluchzende Mélisande des Ehebruchs beschuldigend, diese vor den entsetzten Augen Arkels an den Haaren durch den Raum zerrt.

Auch im Gespräch mit Katharina Bierweiler, die Golauds Sohn aus erster Ehe mimt, zeigt er sich schauspielerisch flexibel, vom argwöhnischen Ehemann wird er zum autoritären Erzieher, zum beschwichtigenden Vater. Bierweiler, eine Sängerin des Cantus Juvenum Karlsruhe, bringt erfrischende Leichtigkeit in die düstere Geschichte, reagiert aufgeweckt und kindlich schlicht auf die forschenden Fragen Golauds, der mehr über die Beziehung von Pelléas und Mélisande herausfinden will. Seine Eifersucht schließlich treibt ihn bis zum Brudermord – welcher rasch und wenig spektakulär über die Bühne geht.

Debussy vertonte den Text der Oper zunächst ohne Orchesterzwischenspiele zwischen den einzelnen Szenen, fügte diese jedoch später hinzu, damit notwendige Umbaupausen überbrückt werden konnten. Angesichts des unkomplizierten Bühnenbilds dehnen sich die Szenenwechsel der Freiburger Inszenierung in die Länge, auch der letzte Akt der Oper will aufgrund seiner Handlungsarmut – Mélisande hat gerade ihre Tochter geboren und liegt, von Golaud eindringlich befragt, im Sterben – nicht so recht in Fahrt kommen. So ist die Inszenierung vor allem in Konfliktszenen stark; ruhige Momente drohen langatmig zu sein, bieten dafür aber die Möglichkeit, sich voll der Musik hinzugeben.

Angenehmerweise ist die Freiburger Inszenierung nicht mit Bedeutung überladen. Die Sprachskepsis der Jahrtausendwende, die sich in der missglückten Kommunikation der Protagonisten ausdrückt, klingt zwar an, wird aber dramaturgisch nicht ausgeschlachtet. Der Opernabend lädt vielmehr dazu ein, in Debussys märchenhaft-impressionistische Klangwelten einzutauchen und sich den Seelenstimmungen der Protagonisten hinzugeben, die sich mal traumhaft, mal grauenvoll ausnehmen.

Leah Biebert, 26. Mai 2019, für
klassik-begeistert.de

John Carpenter                   Pelléas
Georg Festl                           Golaud
Jin Seok Lee                          Arkel
Katharina Bierweiler        Yniold
Katharina Ruckgaber       Mélisande
Anja Jung                               Geneviève
Philharmonisches Orchester Freiburg
Opernchor Theater Freiburg
Fabrice Bollon                     Musikalische Leitung
Dominique Mentha           Regie

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.