Wagners Lebenswerk an der Themse: Renaissance des Londoner Kulturlebens mit einem Großprojekt

Der „Ring des Nibelungen“ kommt in die English National Opera  English National Opera

Der „Ring des Nibelungen“ kommt in die English National Opera – als Coproduktion mit der Met

„Wie kann Liebe in einer Welt voll aufgeblasener Egos existieren, die nach grenzenloser Macht streben?“

Foto: London Coliseum – English National Opera © ENO.org

von Dr. Charles E. Ritterband

Nach wie vor befindet sich Großbritannien in einem strengen Lockdown – das gesamte Kulturleben liegt darnieder, doch im zweiten Teil dieses Jahres wird vor allem London aus seinem Dornröschenschlaf erwachen. Und darauf darf man sich freuen – namentlich die English National Opera, berühmt für ihre stets hoch originellen Inszenierungen (die in „Klassik begeistert“ mehrfach gewürdigt wurden), lässt mit ihren Plänen aufhorchen: Ab Herbst plant die ENO, erstmals seit 15 Jahren, Richard Wagners Ring-Zyklus auf die Bühne des London Coliseum zu bringen – mit über 2000 Plätzen das größte Theater der Metropole an der Themse. Die Produktion ist als Coproduktion mit der New Yorker Met geplant und soll sich über fünf Jahre erstrecken.

Der Zyklus beginnt mit der „Walküre“, in den kommenden Jahren 2022/2023 steht „Rheingold“ auf dem Programm, gefolgt von einer Reprise der „Walküre“ und Neuproduktionen von „Siegfried“ und der „Götterdämmerung“. Am Dirigentenpult wird der musikalische Direktor der ENO, Martyn Brabbins, stehen. Er versprach für diese Neuinszenierung „Innovation und elektrisierende Theatralität“ – „unser Ziel ist es, eine ebenso starke, ergreifende und unmittelbare Erfahrung zu vermitteln, wie sie Wagner selbst vorschwebte“.

Richard Wagner, © wikipedia

Regie wird der umstrittene (aber mehrfach mit dem begehrten „Oliver“ ausgezeichnete) Richard Jones führen, der den „Ring“ bereits in den späten 1990er-Jahren an der Royal Opera House Covent Garden inszeniert – und die Rheinmädchen in hautenge Latex-Anzüge gezwungen hatte. Auch „La Bohème“ hatte Jones unter der Stabführung von Antonio Pappano auf die illustren Bretter der Royal Opera gebracht. Jones bezeichnet den „Ring“ als Werk, das zugleich mythologische Wurzeln habe und sich ausserordentlich gut ins 21. Jahrhundert einfüge. Er könne sich keine bessere Antwort auf der Opernbühne auf die Herausforderungen dieses Jahrhunderts vorstellen: Wie kann Liebe in einer Welt voll aufgeblasener Egos existieren, die nach grenzenloser Macht streben? Das Bühnenbild wird von Stewart Laing entworfen.

Der Guardian bezeichnet den „Ring“ mit seinen insgesamt 16 Stunden Musik respektvoll als „Mount Everest of Opera“ – die höchste Herausforderung für jede Oper – und fügt hinzu: „Einige mögen sagen: Wagners vierteilige Oper während einer Pandemie in Angriff zu nehmen sei reiner Wahnsinn“. Nun, die English National Opera hat  das Gegenteil bewiesen und will nach der Zwangspause zu Live-Vorstellungen „with a bang“, also mit einem Knalleffekt, zurückkehren.

Das Timing sei gut, sagte die künstlerische Leiterin, Annilese Miskimmon: „Jetzt oder nie.“ Sie fügte hinzu, bei allen in das ambitiöse Projekt Eingeweihten herrsche Aufregung und Enthusiasmus. Es herrsche ein derartiger Hunger bei den Künstlern und überhaupt in der Opernwelt – nicht zur Normalität zurückzukehren, sondern auf Projekte zu schauen, welche inspirieren und herausfordern. In allen Kunstformen hätten sich große Sprünge nach vorn in Zeiten ereignet, in denen diese unmöglich schienen. Die größten Künstler hätten immer Kunst in schwierigen Umständen hervorgebracht – und wir, sagte Miskimmon, stehen in dieser Tradition. Der „Ring“ zähle zur schönsten Musik, die je geschrieben worden sei. Vielsagend sprach sie von einem „theatralischen Appell ans Unbewusste“. Dies sei eines der wichtigsten Kunstwerke, welche den Kampf zwischen Macht und unserer Verantwortung als Menschen zum Thema hätten. „Wie kann Liebe in einer Welt voll aufgeblasener Egos existieren, die nach grenzenloser Macht streben?“ Egal ob man schon Wagner gehört oder den Ring-Zyklus gesehen habe, egal, ob man sich je mit klassischer Musik auseinandergesetzt habe – dies werde zweifellos eine unvergessliche Erfahrung für Menschen jeden Alters, fügte Miskimmon hinzu.

Die letzte „Ring“ Produktion der ENO wurde von Phyllida Lloyd im Jahr 2005 inszeniert, zuvor war es der gefeierte Wagner-Dirigent Reginald Goodall, der den Ring in den frühen 1970er-Jahren dirigiert hatte. Auf die verheissungsvolle Neuproduktion ab Herbst darf man äußerst gespannt sein.

In englischer Sprache

Es ist die konsequent durchgehaltene Tradition bei der English National Opera, sämtliche Opern in englischer Übersetzung zu bringen. Denn das erklärte Ziel dieses Hauses ist es, Opern einem weiten Publikum näher zu bringen. In „ENO’s Vision and Mission“ heißt es: „English National Opera exists for everyone“ – es werde stets ein „frischer, inspirierender Ansatz“ gesucht, um die „Vielfalt unserer Kultur“ wiederzugeben. Oper sei eine lebendige Kunstform, geschaffen, um Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft zu verbinden.

Dieses Ziel wird, wovon ich mich bei sämtlichen Aufführungen im Londoner „Coliseum“ stets überzeugen konnte, in hervorragender Weise erreicht: Das Publikum ist sichtlich vielfältiger als in der traditionsverbundenen Royal Opera House Covent Garden, die Inszenierungen sind ausnahmslos erfrischend originell und visuell oft spektakulär (und musikalisch auf höchstem Niveau). Laut Angaben der ENO kamen fast die Hälfte der Besucher zum ersten Mal in eine Oper; zehn Prozent sind unter 30 Jahre alt. Ein Programm, das Oper in die Schulen bringt, ermöglicht es rund 5000 Schulkindern pro Jahr, zum ersten Mal eine Oper anzuschauen.

Die englische Übersetzung funktioniert meiner Erfahrung nach nicht immer gleich gut – bei italienischem und französischem Originaltext meiner Erfahrung nach überhaupt nicht. Anders bei deutschsprachigen Opern; zwischen der englischen und der deutschen Sprache besteht unbestreitbar eine Affinität.

So kann man dem neuen „Ring“ der ENO mit ungeteilt positiven Erwartungen entgegenfiebern – zumal die English National Opera eine Neuübersetzung des Werkes in Auftrag gegeben hat. Mit dieser immensen Aufgabe beauftragt wurde ein eminenter Wagner-Experte: Der Musikwissenschaftler Professor John Deathridge, der am King’s College Cambridge mit Spezialisierung in deutscher Musik (unter besonderer Berücksichtigung von Richard Wagner) unterrichtet. Bis vor kurzem war er Präsident der Royal Musical Association. Zwei Titel aus seiner Feder: „Wagner jenseits von Gut und Böse“ („Wagner beyond Good and Evil“) und, in bestem englischen Humor, „Strange Love, Or: How We Learned To Stop Worrying and Love Wagner’s Parsifal“ – unübersehbar eine Anspielung auf Stanley Kubricks glänzende Satire über die Atombombe: „Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb“ mit dem genialen Peter Sellers in nicht weniger als drei Rollen.

Dr. Charles E. Ritterband, 5. März 2020, für
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