Erstaunliches Jugendwerk: Korngolds "Violanta" auf DVD

DVD-Rezension: Erich Wolfgang Korngold, Violanta

Foto: Edoardo Piva

„Glückliches Italien, wo man Opern noch im Sinne ihrer Schöpfer aufführen kann, wie der starke Applaus des Publikums am Ende beweist.“

DVD-Rezension: Erich Wolfgang Korngold, Violanta (Dynamic 37876)

von Peter Sommeregger

Der Komponist Erich Wolfgang Korngold, bereits als sogenanntes Wunderkind berühmt und erfolgreich, musste als Jude gegen Ende der 1930er Jahre aus Europa emigrieren und ließ sich in Hollywood nieder. Dass ihm dort eine bedeutende Karriere als Filmkomponist gelang, konnte ihn aber nicht völlig für den Verlust seiner Erfolge als Opernkomponist entschädigen. Seine insgesamt dritte Oper „Die tote Stadt“, 1920 uraufgeführt, war ein echter Welterfolg gewesen, aber wie alle seine Werke im von den Nazis dominierten Europa von den Spielplänen verbannt.

Korngolds Versuche, nach Kriegsende in Europa wieder an alte Erfolge anzuknüpfen, scheiterte auf der ganzen Linie. Das allmählich wieder erwachende Interesse an seinen Werken, das etwa ab den 1970er Jahren einsetzte, erlebte der 1957 Verstorbene nicht mehr. Inzwischen kann man erstaunt und erfreut miterleben, dass auch die anderen Opern Korngolds neben der unverwüstlichen „Toten Stadt“ verstärkt aufgeführt werden.

Das Teatro Regio Torino wagte kurz vor dem Ausbruch von Corona eine Neuproduktion des Jugendwerkes „Violanta“, das Bruno Walter 1916 an der Münchner Hofoper zusammen mit Korngolds Erstling „Der Ring des Polykrates“ uraufführte. Das Renaissance-Drama, das in Venedig während des Carnevals spielt und nur gut 80 Minuten Spieldauer hat, muss man als höchst interessante Neuentdeckung bewerten.

Die farben- und facettenreiche Musik, eine gelungene Mischung aus spätromantischer Melodik und moderneren Stilelementen, vermag durchaus zu fesseln. Das Drama um die venezianische Adelige Violanta, die den Verführer ihrer Schwester in eine Falle lockt, um ihn von ihrem Ehemann ermorden zu lassen, ihm dann aber selbst erliegt, ist schwül und erotisch aufgeladen, ein erstaunlich raffiniertes Werk eines erst 17-jährigen Teenagers.

Als Regisseur und Ausstatter verpflichtete man den inzwischen neunzigjährigen Pier Luigi Pizzi, sozusagen den Doyen der italienischen Opernszene, er taucht die ganze Bühne in Purpur, und ja, es gibt auch ein knallrotes Sofa, auf dem sich Violanta erst mit dem Ehemann, danach mit dem Verführer Alfonso rekelt. Das mag stilistisch aus der Zeit gefallen sein, aber erlaubt ist, was gefällt.

Annemarie Kremer, in einem fast schon gewagten, aber geschmackvollen Kostüm verleiht der Titelheldin physische wie stimmliche Üppigkeit, die Partie scheint ihrem reifen Sopran zu liegen, auch darstellerisch kann sie überzeugen. Den Ehemann Simone gibt Michael Kupfer-Radecky mit schönem, einschmeichelndem Bariton, darstellerisch macht er den eher schwachen Charakter seiner Figur glaubwürdig. Die schönere Rolle hat natürlich wieder der Tenor: Norman Reinhardt wird der Rolle des Verführers sehr gut gerecht, es gelingt ihm aber auch, die Gebrochenheit dieser Figur abzubilden.

Pinchas Steinberg leitet Chor und Orchester des Teatro Regio Torino mit sicherer Hand, er lässt die Musik so aufblühen, dass man fast von einem deutschen Verismo sprechen möchte. Glückliches Italien, wo man Opern noch im Sinne ihrer Schöpfer aufführen kann, wie der starke Applaus des Publikums am Ende beweist. „Violanta“ scheint doch ein durchaus lebensfähiges Werk zu sein, das Lust auf die Fortsetzung der Korngold-Renaissance macht!

Peter Sommeregger, 26. Juni 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik.begeistert.at

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