Joel Frederiksen und das Ensemble Phoenix Munich verströmen empfindsamen Wohlklang

Ensemble Phoenix Munich, Joel Frederiksen,  St. Johannes München, 26. Juli 2020

Ensemble Phoenix Munich. Foto: © Carlos Otero

„Die Stücke fügen sich zu einer ausdrucksvollen, in sich geschlossenen Reise. Die dazu notwendige Konzentration ermöglicht mir der Veranstaltungsraum, der es mir so viel leichter als der digitale Bildschirm macht, mich auf die Musik und die Musiker einzulassen und eine Verbindung herzustellen.“

St. Johannes München, 26. Juli 2020

Ensemble Phoenix Munich: „Musiker auf Reisen – Auf dem Weg zwischen Prag und Wien“

Alena Hellerová: Sopran
Jan Čižmář: Theorbe, Laute
Michael Eberth: Orgel, Cembalo
Theona Gubba-Chkheidze: Violine
Julia Scheerer: Violine
Domen Marinčič: Viola da Gamba
Joel Frederiksen: Bass, Erzlaute & Leitung

Von Frank Heublein

Ein Sopran. Crescendo aus der Stille heraus. Durchflutet mich. Der Bass mit dem gesamten instrumentalen Ensemble setzt ein. Meine ersten Töne, die ich innerlich jubelnd vernehme im ersten Konzert in Corona-Zeiten, bei dem ich physisch anwesend bin – sein darf. Nach über vier Monaten Abstinenz.

Meine überschäumende Vorfreude aufs Konzert verblasst. Denn dieser wunderschöne Beginn von „Exaudi me Domine quoniam benigna est“ von Samuel Friedrich Capricornus (1628-1665) zieht mich augenblicklich in den Bann. Keine zwei Takte und ich bin drin in dieser sehr besonderen musikalischen Reise.

Der erste Ton lässt mich innerlich abheben. Das gesamte siebenköpfige Ensemble sorgt dafür, dass daraus ein Flug wird, der mir die stimmliche Vielfalt des Ausdrucks ins Ohr aber auch vor das innere Auge setzt. Die Instrumente und Stimmen verweben sich ein ums andere Mal in mich überraschenden Kombinationen.

Das Stabat mater (Pianto della Madonna) von Giovanni Felice Sances (1600-1679) singt Sopranistin Alena Hellerová in Begleitung von Jan Čižmář an der Theorbe und Joel Frederiksen an der Erzlaute. Mit ihrem reinen, vollen, unangestrengten und auch in den hohen Tönen warmen Sopran jagt mir Alena Hellerová einen wohligen kalten Schauer den Rücken hinunter. Die zarte Saitenbegleitung ist ein mich mitreißender musikalischer Kontrast.

© Joel Frederiksen

Joel Frederiksens Bass entfaltet bei „Dominus possedit me“ von Giovanni Felice Sances sein ganzes stimmumfängliches Spektrum, das mich zusammen mit seiner Stimme innerlich wandern lässt. Ich steige mit seiner Stimme in große Tiefen hinab. Ich empfinde die mich umfassende Tiefe als bedrohlich. Frederiksens Sprung in die obere Tonlage befreit mich, was durchaus die Absicht des Stücks ist, das wörtlich übersetzt endet mit „Gesegnet sind diejenigen, die meine Wege halten.“

Zerbrechlich, fein, weich, zart spielt Jan Čižmář die Suite in A-Dur von Gottfried Finger (ca. 1660-1730) für Laute solo. So jedenfalls erspüre ich meine Empfindung während des Hörens. Ich bin in einem weiten, noch großflächig unentdeckten inneren Terrain in diesem Moment.

„Jauchzet dem Herrn alle Welt“ von Samuel Friedrich Capricornus ist der Abschluss des Programms und das gesamte Ensemble befeuert mich damit innerlich. Dazu trägt auch der Raum der anmutigen St. Johannes-Kirche bei, in der dieser Konzertabend stattfindet.

Foto: Frank Heublein

Für die Zugabe hat sich Joel Frederiksen eine Herausforderung ausgedacht. Er hat die Instrumentalisten dazu bewegt – deutet er etwa Mittel der unlauteren Überzeugung an? – einen Kanon zu intonieren. So endet das Konzert heiter und ausgelassen. Ich bleibe noch einen Moment sitzen, um ganz allmählich von dieser herrlichen inneren Reise gänzlich zurückzukehren.

Das Programm der musikalisch Reisenden ist geschickt als eine ebensolche Reise geformt vom Leiter Joel Frederiksen. Jedes Stück ist eine Biegung, die mir Gefühle spendet, die in einem starken Kontrast zu meiner vorherigen musikalischen Stimmung steht. Diese jeweiligen Stimmungen brechen einander nicht. Es entsteht vielmehr eine emotionale Verbindung, die mich überrascht, meinem inneren Gefühlsempfang zugleich sofort stimmig vorkommt. Die Stücke fügen sich zu einer ausdrucksvollen, in sich geschlossenen Reise, gerade ob der eindeutigen Abgrenzung der einzelnen Stücke, die mir ihre jeweilige Besonderheit emotional tief vermitteln. Die dazu notwendige Konzentration ermöglicht mir der Veranstaltungsraum, der es mir so viel leichter als der digitale Bildschirm macht, mich auf die Musik und die Musiker einzulassen und eine Verbindung herzustellen.

Frank Heublein, 28. Juli 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Wahnfried Open Air, Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2020

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