"Eugen Onegin": meine Lieblingsoper

Eugen Onegin, Pjotr Tschaikovsky, Meine Lieblingsoper  klassik-begeistert.de

Es ist doch nicht nur die Oper der zwei Arien und zweier Walzer. Es ist Verwobene Schicksalhaftigkeit einer Liebe, die nicht zueinander findet, eben die Unzeit der Liebe. Aber dass man ihr, wenn man sich auf Onegin einlässt, auf ewig verfällt, das sei hiermit bezeugt.

Bild: Pjotr Tschaikovsky, Öl auf Leinwand, 1893,
Nikolai Kusnezow, Tretjakow-Galerie, Quelle: wikipedia.de

von Harald Nicolas Stazol

„’Eugen Onegin‘ ist eine Oper von zwei Arien und zwei Walzern“, sagt meine Nachbarin Doris, die schon 1965 mit ihrem Mann in der Met im Balanchine „Nußknacker“ saß. Die Pracht und Größe des Weihnachtsbaums im Salon der Drosselmeiers gilt in New York City als Indikator der Konjunktur, in den Jahren wurden die Tannen immer höher – „was fasziniert Dich denn so daran?“, fragt sie über die Teetasse, und ich denke kurz nach und finde keine Antwort. Ich weiß nur, dass ich Tschaikovskys Meisterwerk seit einem Jahr non-stop höre, nach des in Versform gehaltenen, nun mit wunderbarer Musik unterlegten Epos von Alexander Puschkin – der ganz nebenbei erst bei seinem 200. Duell getötet wurde.

Am Abend whatsapped Doris noch einmal, „Was ist es, dass dich an Eugen Onegin so anrührt?“ Und ich schreibe: „Die Unzeit der Liebe“ Wir wollen dieses Mysterium zu entschlüsseln suchen.

Nun gut, der erste bombastische Walzer beim Ball auf dem Lande, „oh welche Überraschung!“ rufen die Gäste, aus allen Himmelsrichtungen herbeigeströmt, „oh, was ein Vergnügen“, und man ist plötzlich Ballgast in den Goldenen Säulen St. Petersburgs, wie es allerliebst in „Anna Karenina“ mit Sophie Marceau verfilmt ist, Prinzessin Kitty eilt zu den Klängen jenes Walzers an ihren Verehrern vorbei, knickst rasch vor einem hohen Diplomaten, dem riesigen Parkett zu, wo das ganze Kirov in Formationen tanzt, die

  1. hochkompliziert
  2. dem Rezensenten völlig unbekannt, eine Art Gleichzeitigkeit aller Tänzer und Tänzerinnen
  3. zu einem Hit schon damals
  4. eine der schönsten Melodien dieses Genies Pjotr Ilyitsch

“Prinzessin Kitty lässt jeden Ball glänzen” ruft der Tanzmeister, und mit einem “A-ha-ha” wirbelt er sie wieder aus einer einzigen, unfasslich eleganten Formation zu Madame Karenin.

“Briellez, Briellez, ma Tatjana adorée” singt eine Verehrer im ländlichen Ballsaal, sehr schön, sehr ergreifend.

„Gott gab statt Glück die Gnade der Gewohnheit“ ist m.E. schon eine dritte Arie, ein Duett, nein, im Hintergrund eigentlich zwei: Die Gräfin putzt mit ihrer Freundin und Haushofmeisterin je nach Inszenierung, und derer gibt es viele, Äpfel oder schält Kartoffeln, und sie sinniert, dass sie auch den „Dandy Richardson“ hätte nehmen können, nun, stattdessen nahm sie den Grafen den sie natürlich auf dem obligatorischen Ball kennenlernt “Und er wurde mein Gatte und vertraute mir die Bücher und Finanzen an.”

„Drei Bälle hast du Zeit, Tatjana, liebe Nichte“ sagt bestimmt ihre Tante, „dann musst du verheiratet sein“, nun, sie ehelicht einen Prinzen, und da erst, als er sie im weißen Muff auf dem Eise der Neva Schlittschuh laufen sieht, begreift Onegin an seinem aussetzenden Herzschlag, dass er sie liebt, wie keine andere je, und derer waren einige.

Zurück zum gräflichen Landhaus: Aus der Ferne tönt der Chor der Bauern, „Meine Füße tun weh vom vielen Laufen, meine Hände sind wund von der Ernte“, fast ein Choral. Sie bringen der Matuschka die ersten Ähren. „Nun, das war schön“, singt sie nun in jeder Inszenierung wundervoll einfühlsam und bittet: „Doch nun wollt ihr ein lustigeres Lied anstimmen“ – „Nichts leichter als das!“ und was nun folgt ist mir in schweren Zeiten immer Trost:

„Wie gern, o Mütterchen,

erfüllen wir deinen Wunsch.

Es soll ein Lied erklingen.

Ihr Mädchen, lasst uns ein lustig Liedlein singen!

(Während des Gesanges Tanz der Schnitterinnen.)

Durch das Feld, da fliesst ein Bächlein,

übern Bach, da führt ein Steglein,

führt zu einem kleinen Gärtlein,

und im Garten sitzt ein Mägdlein.

Wer kommt übern Steg gegangen,

blond die Locken, rot die Wangen,

ohne Scheu und ohne Bangen?

Hüt dich, Mägdlein, wirst gefangen.

Spielmann ist’s, er kommt gezogen,

seiner Fiedel, seinem Bogen

kommen Herzen nachgeflogen:

alle Welt ist ihm gewogen.

Mädchen hört die Fiedel klingen,

hört den muntern Spielmann singen,

tief ins Herz die Lieder dringen,

Liebe wohnt auf ihren Schwingen.

Liebchen, schläfst du oder wachst du?

Mädchen, weinst du oder lachst du?

Komm doch, einen Kuss versprachst du.

Eh’ der Spielmann ausgesungen,

eh’ der letzte Ton verklungen,

war es seiner List gelungen,

Mädchen kam zu ihm gesprungen.

Wie die Blüten an den Zweigen

alle sich dem Winde neigen,

also nahmst mit deinem Geigen

jedes Herz du dir zu eigen.“

Beim Glyndebourne Festival tanzt in den landestypischen Bauerntrachten ein recht robustes Landvolk, München 1962, glücklicherweise als schwarz-weiß Aufnahme des Bayerischen Rundfunks erhalten, ist da ein ganzes, leichtfüßiges Ballett, 1997 im Teatro Colon wird die Verantwortung vier liebreizenden Ballerinen anvertraut, dann springt ein Solist hinein. 1984 im Marinsky sind es 10 holde Maiden in bunten Kopftüchern, ein andermal wird der Part des vor Glück und reiner Lebensfreude springenden Bauernjungen allerliebst von einem Élèven kraftvoll umgesetzt.

Allein die Tempi! Da rast ein Pletnjew mit dem Russischen Nationalorchester am 15. September 2012 in der Tschaikovsky-Halle in Moskau – allerdings eben konzertant – im atemberaubenden Tempo über das juchzende Landvolk; und allein daran kann man sehen, wie sich die Zeit seit vierzig Jahren verschnellert hat, lässt es doch Rostropowitsch am Pulte so langsam angehen, dass ganz wundervolle Instrumenteneinlagen, vor allem die zirpenden Geigen, erstmals hörbar werden. Das ist 1970, mit dem Orchester und dem Chor des Bolschoi.

Die Arie der Tatjana, ein glühender Liebesbrief an Onegin, ein zartes Mädchen-Bekenntnis, wird von den Schülerinnen in Russland auswendig gelernt. Die des Onegin von den Buben. Ein Bube allerdings in Riga, mein lieber Freund Oleg, lernte die der jungen Prinzessin, aber das ist eine andere Geschichte…

Einmal trickst der Meister, und ich falle immer wieder drauf herein: Im zwölften Satz des 1. Aktes komponiert Tschaikovsky gleichsam ein frühes Ende – erst der Chor der Bauernmädchen löst die Spannung auf, und es geht butterweich weiter.

Die Biographie „Tschaikovsky“ von Peter Ackroyd, erschienen 1996, London, sei auf das Entschiedenste und Genüsslichste empfohlen!

Sie sehen: Es ist doch nicht nur die Oper der zwei Arien und zweier Walzer. Es ist Verwobene Schicksalhaftigkeit einer Liebe, die nicht zueinander findet, eben die Unzeit der Liebe.

Aber dass man ihr, wenn man sich auf Onegin einlässt, auf ewig verfällt, das sei hiermit bezeugt.

Harald N. Stazol, 21. Dezember 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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