Das Hamburg Ballett verliert mit diesen Mehrteilern sein Alleinstellungsmerkmal

Fast Forward, Premiere eines mehrteiligen Ballettabends  Hamburgische Staatsoper, 22. Februar 2026

Serenade: Futaba Ishizaki, Edvin Revazov, Ida Praetorius, Katharina Müllner (musikalische Leitung), Matias Oberlin, Anna Laudere / The Moon in The Ocean: Ana Torrequebrada und Xue Lin / Totentanz: Charlotte Larzelere, Daniele Bonelli, Louis Musin / Annonciation: Charlotte Kragh und Selina Appenzeller (Fotos: RW)

Vor uns liegt jetzt eine Durstrecke von insgesamt 24 Ballettabenden mit sog. Mehrteilern: Der gestern premierte Vierteiler Fast Forward sowie die übernommenen Stücke The Times are Racing und Slow Burn. Vor allem letzteres Werk füllt bisher nicht einmal ein Drittel des Hauses. Wenn es so weiter geht, wäre nicht nur der materielle, sondern vor allem der ideelle Verlust unüberschaubar. Hamburg hätte sein Alleinstellungsmerkmal verloren: Die zahlreichen Meisterwerke John Neumeiers mit Tänzerinnen und Tänzern zu erleben, die seinen am klassischen Vorbild orientierten, emotional-dramaturgisch bis ins kleinste Detail durchdachten Handlungsballetten ein spezifisches Profil geben.

Fast Forward, Premiere eines mehrteiligen Ballettabends mit folgenden Choreographien:

Serenade, George Balanchine, 35 Minuten,

Musik: Peter Tschaikowsky, Philharmonisches Staatsorchester, Ltg. Katharina Müllner

Totentanz, Marco Morau, 25 Minuten, Musik vom Band

Annonciation, Angelin Preljocaj, 22 Minuten, Musik vom Band

The Moon in The Ocean, Xie Xin, 35 Minuten, Musik vom Band, Uraufführung

Hamburg Ballett, Hamburgische Staatsoper, 22. Februar 2026

von Dr. Ralf Wegner

Bis zum nächsten Handlungsballett liegt eine lange Durststrecke vor uns, und wir haben erst Februar. Während das Hamburger Ballett im spanischen Barcelona viermal mit John Neumeiers ikonischem Meisterwerk Nijinsky auftreten wird, ist es in Hamburg nur dreimal angesetzt, einschließlich der einen Aufführung während der Ballett-Tage. Die von Alexei Ratmansky auf die Ballettbühne gehobene Geschichte um Alice im Wunderland feiert während der Ballett-Tage dafür immerhin fünf Aufführungen.

Vor uns liegt jetzt eine Durstrecke von insgesamt 24 Ballettabenden mit sog. Mehrteilern: Der gestern premierte Vierteiler Fast Forward sowie die übernommenen Stücke The Times are Racing und Slow Burn. Vor allem letzteres Werk füllt bisher nicht einmal ein Drittel des Hauses, mit etwa 40% wollen etwas mehr Zuschauer The Times are Racing sehen und die neue Premiere lockte bisher in den vorgesehenen 10 Vorstellungen auch nur ca. 60% ins Haus. Da der technische Aufwand für diese Stücke eher gering ist, mag der Verlust an der Kasse zumindest zum Teil aufgewogen werden. Man sollte sich aber nur einmal vorstellen, wenn diese noch unter der Intendanz von Demis Volpi geplanten Stücke die Zukunft des Hamburg Ballett gewesen wären.

Der materielle und vor allem ideelle Verlust bliebe unüberschaubar und vor allem hätte Hamburg sein Alleistellungsmerkmal verloren: Die zahlreichen Meisterwerke John Neumeiers mit Tänzerinnen und Tänzern zu erleben, die nahezu ihre gesamte Ausbildung damit verbrachten, seinen am klassischen Vorbild orientierten, emotional-dramaturgisch bis ins kleinste Detail durchdachten Handlungsballetten ein spezifisches, hamburgisches Profil zu geben. Wozu soll man als Ballettinteressierter jetzt noch von weither nach Hamburg fahren; etwa um Mehrteiler zu sehen, die genauso gut anderswo die Bühne füllen könnten?

Serenade: Ensemble (Foto: Kiran West)

Und nun zum gestrigen Abend: Um eine Kopfzeile zu finden, von gepflegter Langeweile bis zum Bewegungskitsch war alles dabei. George Balanchine gehört zu den bedeutendsten Choreographen-Persönlichkeiten der Ballettgeschichte. Er war ein Meister des handlungslosen, konzertanten Balletts und wurde dadurch zum überragenden Repräsentanten des Neoklassizismus, so steh es im Programmheft geschrieben und allgemein anerkannt. Es sieht auch alles sehr leicht und sehr klassisch aus, und hat für mich doch die Anmutung einer künstlichen Sahnehaube auf Gletschereis. Die 20 Tänzerinnen und 6 Tänzer mögen diese Serenade noch so gut synchron und elegant tanzen, sie können die sich beim Zuschauen einschleichende Langeweile nicht überdecken. Zwar freundlich, aber entsprechend verhalten reagierte auch das Publikum.

Totentanz: Charlotte Larzelere, Daniele Bonelli (Foto: Kiran West)

Es folgte ein Totentanz mit drei Personen auf der „musikalischen“ Basis eines blechernen Hammerrhythmus, jedenfalls habe ich es so empfunden. Anfangs liegt jemand, von oben mit einer sich aus dem Bühnenhimmel senkenden Neonröhre beleuchtet, auf einem Tisch, von dem ihn zwei weitere Personen herunterholen und mit ihm im stakkatoartigen Roboterstil interagieren. Dass diese konzisen abrupten Bewegungen Kraft kosteten, nahm man erst am Ende diese weitgehend im Düsteren ablaufenden Spiels wahr. Daniele Bonelli und Louis Musin gaben ihr bestes, auf gleicher Höhe agierte Charlotte Larzelere, eine beeindruckende, allerdings eher physische Leistung. Was da innerlich ablief, erschloss sich mir nicht, außer dass alle drei Beerdigungsschwarz trugen und auch der Hintergrund im Dunkel verschwand.

Annonciation: Charlotte Kragh und Selina Appenzeller (Foto: Kiran West)

Danach gelangte ein Zweifrauenstück zur Aufführung, genannt Annonciation, also die Ankündigung durch einen Engel (Charlotte Kragh), dass Maria (Selina Appenzeller) den Sohn Gottes gebären wird. Maria erwies sich als zart und leidensfähig, kooperierte aber schließlich doch mit dem kraftvoll-kämpferisch auftretenden Engel. Ein angedeuteter Kuss sollte wohl als Symbol für die Empfängnis dienen.

The Moon in The Ocean: Moisés Romero (Foto: Kiran West)

Das letzte Stück, The Moon in The Ocean, eine Uraufführung der chinesischen Choreografin Xie Xin, erinnerte wegen des häufigeren Körpereinsatzes am Boden etwas an Aszure Bartons Slow Burn, diesmal allerdings nicht unter Einsatz der Farbe Rot sondern, dem gewählten Ort entsprechend, in Blau. Die Bodenhaftung wurde allerdings häufiger unterbrochen und von synchronen Armbewegungen in Wellenform, stehend oder auch von anderen hochgehoben, abgelöst. Man konnte es erkennen, wir befinden uns im Meer, wie am Anfang  von Neumeiers Kleiner Meerjungfrau.

Manches schien direkt abgeschaut, so die vorwärtsschwingend fließenden Bewegungen eines von den anderen getragenen Tänzers. Die Gruppen wallten, die Arme harmonisch edel bewegend, wie Weiden im Wind, auseinander, fanden sich gefühlig wieder zusammen, hoben einander in die Höhe oder interagierten mit zwei Mondgöttinnen (Xue Lin und Ana Torrequebrada). Warum für diese Art von Tanz das halbe Männerensemble zum Einsatz kommen musste, erschloss sich mir nicht. Ach ja, die Tänzerinnen durften ja schon bei Balanchines Serenade ihr Können zeigen.

Dem Publikum gefiel das Stück offensichtlich, es zollte den Aufführenden lange jubelnd Beifall.

Dr. Ralf Wegner, 23. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

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