Goethes Faust als bildmächtiges Ballett

Faust, Ballett von Edward Clug, Musik von Milko Lazar,  Oper Leipzig, 1. April 2022

Die Choreographie konzentrierte sich ganz auf den Part des Mephisto. Und dieser wurde von dem hochgewachsenen Genuesen Andrea Carino auch fabelhaft in Szene gesetzt. Schade, dass die rot perückte und grün gewandete Dortmunderin Ester Ferrini nicht mehr zu tanzen hatte, denn sie überzeugte als Marthe tänzerisch mit großer darstellerischer Kraft. Ihr hätte man länger zusehen mögen.

Oper Leipzig, 1. April 2022

Foto: Kurz nach der Vorstellung: Natasa Dudar (Gretchen), Marcelino Libao (Faust), Andrea Carino (Mephisto), Ester Ferrini (Martha)

Faust
Ballett von Edward Clug
Musik von Milko Lazar
Deutsche Erstaufführung

Gewandhausorchester
Matthias Foremny  musikalische Leitung

von Dr. Ralf Wegner

Faust ist ein schwieriger Stoff und ohne die ohrgängige Goethe´sche Sprache schwer zu vermitteln. Der philosophische Tiefsinn ist nicht jedem zugängig und das Drama um Gretchen zwar herzerweichend, aber im gesamten Kontext nur kurz. Insoweit ist die narrative Umsetzung des Faust-Mephisto-Stoffs durch das Team Edward Klug (Choreographie), Marko Japelj (Bühne), Leo Kulaš (Kostüme), Tieni Burkhalter (Video) und Martin Gebhardt (Licht) bildmächtig gelungen.

Dieses Team wird im Abendzettel auch ausführlich biographisch gewürdigt, die engagierten und das Stück ebenfalls tragenden Tänzerinnen und Tänzer allerdings nicht. Deren Lebensläufe seien der Internetseite der Oper Leipzig zu entnehmen. Welche Arroganz steckt dahinter. Wüsste man doch gern, und bereits im Saal, mehr über die dieses Ballett tragenden Tänzerinnen und Tänzer.

So hat der Darsteller des Faust Marcelino Libao lange als Ensemblemitglied bei John Neumeier getanzt und war dort mit seiner Sprungfähigkeit und stets fröhlich-freundlichen Art sehr beliebt. Hier in Leipzig war ihm Goethes Faust-Rolle zugefallen. Bis zur Pause hatte er den alten, sehr gebrechlichen, Wissen suchenden Forscher darzustellen, was ihm wenig tänzerische Freiheit ließ. Nach der Pause konnte er als junger Faust mit den ihm eigenen geschmeidigen Bewegungen überzeugen. Leider wurde seine Rolle in den Liebesszenen mit Gretchen (Natasa Dudar) choreographisch nicht genügend gestützt. Die innere Beziehung der beiden jungen Leute, die optisch ein schönes Paar abgaben, wurde wenig entwickelt. Dennoch gab es schöne Momente; als Beispiel sei die Bankszene genannt, während der sich Faust unter und Gretchen darüber auf der Bank mit hoher Synchronität bewegen.

Marcelino Libao (Faust), Natasa Dudar (Gretchen), (c) Ida Zenna

Die Choreographie konzentrierte sich ganz auf den Part des Mephisto. Und dieser wurde von dem hochgewachsenen Genuesen Andrea Carino auch fabelhaft in Szene gesetzt. Mit vogelartig leicht vorgebeugtem Kopf, dunkel geschminkten, wie vorstehend anmutenden Augen wirkte er hintergründig bedrohlich, drückte aber auch freundschaftliches Interesse an Faust aus und zeigte seine Verführungskünste bei Marthe. Eindrucksvoll gelang die Szene in der gläsernen Studierstube mit Faust im Rollstuhl und den sich an der Decke des Glascontainers, kopfüber auf den Lehnstuhl und Faust gestützt, balancierenden Mephisto. Schade, dass die rot perückte und grün gewandete Dortmunderin Ester Ferrininicht mehr zu tanzen hatte, denn sie überzeugte als Marthe tänzerisch mit großer darstellerischer Kraft. Ihr hätte man länger zusehen mögen.

Die Szenen mit Valentin (Carl von Godtsenhoven) gehörten zu den schönsten des Stücks. Unter von schweren Gewitterwolken verdunkeltem Himmel kämpfte er leidenschaftlich mit anderen Rittern, vorn von Faust, Gretchen, Mephisto und Marthe beobachtet. Auch der Kindesmord wurde prägnant umgesetzt. Während sich Gretchen zunächst in einem Wassereimer ertränken wollte, goss sie dessen Inhalt schließlich in den Kinderwagen. Am Ende sitzt sie einsam und verlassen in dem Glaskasten, der Faustens Studierstube war. Den Rettungsversuch weist sie von sich.

Es war die vierte Vorstellung der deutschen Erstaufführung dieser mehr dem Tanztheater als dem klassischen Ballett zuzuordnenden Choreographie. Die untermalende Komposition war von Milko Lazar; sie wurde vom Gewandhausorchester unter der Leitung von Matthias Foremny ausgezeichnet gespielt. Das Publikum war am Ende begeistert, hinter uns hörte man nur eine einsame Missfallensäußerung.

Dr. Ralf Wegner, 02. April 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Faust, Ballett von Edward Clug, Milko Lazar Musik, Oper Leipzig, 12. Februar 2022

Carmen, Ballett in zwei Akten von Johann Inger, Semperoper Dresden, 30. März 2022

Liliom, Ballett von John Neumeier, Hamburgische Staatsoper, 25. Februar 2022

 

 

 

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