Jessica Pratt ©J. Berger ORW-Liège
Die Oper “Lucrezia Borgia” von Gaetano Donizetti gehört sicherlich zu den Höhepunkten des Bel Canto. Dieses Drama um die als Mörderin verrufene Lucrezia Borgia wurde 1833 an der Mailänder Scala uraufgeführt und erfreut sich seit einigen Jahren über stets neue Inszenierungen. Das Opernhaus in Lüttich hat sich jetzt des Werkes angenommen und mit einer bemerkenswerten Produktion auf die Bühnen gebracht. Neben einer sehr guten Sängerbesetzung, aus der Jessica Pratt als Titelheldin heraussticht, gefällt die Inszenierung des früheren Leiters der Lütticher Oper Jean-Louis Grinda.
Gaetano Donizetti (1797 – 1848)
LUCREZIA BORGIA
Opera seria in zwei Akten mit einem Prolog (Libretto von Felice Romani)
Musikalische Leitung: Giampaolo Bisanti
Inszenierung: Jean-Louis Grinda
Bühne: Laurent Castaingt
Kostüme: Françoise Raybaud
Lüttich, Opéra Royal de Wallonie, 12. April 2026
von Jean-Nico Schambourg
Jean-Louis Grinda war von 1996 bis 2007 Generaldirektor der Lütticher Oper. Danach leitete er bis 2022 die Geschicke der Opéra Garnier in Monaco. Seine Inszenierungen, die er zwischendurch auch immer wieder in Lüttich präsentiert, zeugen stets von Respekt gegenüber dem Komponisten und seiner Musik. Er versucht nie, wie einige seiner Regiekollegen, seine Arbeit durch ausgefallene Regieeinfälle über das Werk zu stellen.
So auch diesmal an der Opéra de Wallonie, wo er Donizettis Oper “Lucrezia Borgia” inszeniert. Seine Regie streicht besonders die Mutterliebe hervor, die die ansonsten verrufene Titelfigur im Geheimen in sich trägt. Um dieses visuell zu verdeutlichen, lässt Grinda bei ihren Begegnungen mit Gennaro, ihrem unwissenden Sohn, Marienbilder von Künstlern der Renaissance auf Säulen projektieren. Am Schluss der Oper, wenn Lucrezia ihren toten Sohn beweint, wird im Hintergrund ein Vorhang mit dem Bild der Pietà hochgezogen.
Auch für andere Bilder bedient sich Grinda bei den Künstlern der Renaissance und lässt auf den Säulen kriegerische Ausschnitte erscheinen. Diese Säulen flankieren fast den ganzen Abend eine riesige Treppe die der Bühnenbildner Laurent Castaingt in die Mitte gesetzt hat. Die Kostüme von Françoise Raybaud sind in Rot gehalten für Gennaro und seine Freunde, während die dunkleren Gestalten des Gefolges von Alfonso in Schwarz daher kommen.

Musikalisch wird die Vorstellung durch die famose Leistung von Jessica Pratt als Lucrezia Borgia überstrahlt. Mit welchem Aplomb sie die Koloraturen der Partitur bewältigt ist überwältigend. Scheinbar mühelos reiht sie mit hellem Klang die Noten zu einer vokalen Perlenkette aneinander und krönt diese dann mit glasklaren Spitzentönen. Da erfreut es den Zuhörer, dass sie auch die für Giulia Grisi 1840 in Paris speziell nachkomponierte Cabaletta “Si voli il primo a cogliere” nach der Arie “Com’è bello” zum Besten gibt.
Aber auch in den elegischen Momenten besitzt die australische Sopranistin die nötige Bühnenpräsenz und die richtigen Stimmfarben, um die Sorgen und Angst der leidenden Mutter auszudrücken, sei dies im Duett mit dem Sohn Gennaro oder mit dem Ehemann Alfonso d’Este.
Dieser wird mit kernigem Bassbariton von Marko Mimica interpretiert. Schon bei seiner Auftrittsarie “Vieni: la mia vendetta” versprüht er Wut und Hass gegen seinen vermeintlichen Nebenbuhler. Seine ein wenig raue Stimme unterstreicht die Autorität des Fürsten und dessen Gewaltbereitschaft. Dies verleiht auch dem Duett Lucrezia-Alfonso im ersten Akt große Glaubwürdigkeit: hier die in Angst um ihren Sohn leidende Mutter mit weichem Sopran, da der in Eifersucht vergehende Fürst mit aggressivem Bass.

Gennaro wird von Dmitry Korchak mit stentorischer Tenorstimme vorgetragen. Durch sein stetig kraftvolles Singen setzt sich der Sänger zwar gut in Szene, leider verliert die Stimme dabei aber an Klangschönheit. Darunter leidet besonders das Duett im Prolog mit seiner ihm nicht bekannten Mutter “Di pescatore ignobile”, das man geschmeidiger zu hören wünscht. Dies zählt auch für die Wiedergabe seiner Arie im zweiten Akt “Partir degg’io”, die auch für die Pariser Aufführung nachkomponiert worden war, auch wenn der Tenor sich immer wieder um einige Nuancen im Singen bemüht.
Von dieser vokalen Kraft fehlt es dem Maffio Orsini von Julie Boulianne. Ist sie szenisch ein glaubwürdiger junger energischer Mann, so hat sie doch Probleme sich stimmlich durchzusetzen. Gesanglich überzeugt sie allerdings mit guter Stimmführung und gutem Legato.
Die Sänger der kleineren Rollen erledigen sich ihrer Aufgaben als Freunde von Gennaro oder Handlanger von Alfonso seriös, werden aber auch öfters vom Orchester überdeckt.
Dieses wird mit fester Hand und viel Elan geleitet von Giampaolo Bisanti, dem Generalmusikdirektor des Hauses. Wie schon angedeutet klingt es zuweilen ein wenig zu kraftvoll, da es die Sänger manchmal überdeckt. Nichtsdestotrotz gibt der Dirigent dem Werk die nötigen Kontouren, um es zu einem spannenden Opernabend zu formen. Der Chor ist von Denis Segond gut vorbereitet.
Das Publikum erfreut sich sichtlich (und hörbar) über diese ausgezeichnete Aufführung, die visuell und musikalisch überzeugt.
Jean-Nico Schambourg, 13. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gaetano Donizetti, Lucrezia Borgia, Bayerische Staatsoper, München