Die Lettische Nationaloper Riga zündet ein musikalisches Feuerwerk zum 100. Geburtstag Lettlands

Galakonzert, 100 Jahre Lettische Nationaloper, Riga

Eine Empfehlung ist dieses kleine sympathische Land in jedem Fall. Und seine Nationaloper auch.

Foto: Sopranistin Dinara Alieva, (c) Lettische Nationaloper
Galakonzert, 100 Jahre Lettische Nationaloper, Riga –
100 Jahre Lettland
Lettische Nationaloper, Riga
, 17. November 2018

von Dr. Gerald Hofner und Ginta Rubene

Lettland feiert bereits dieses gesamte Jahr mit unzähligen kulturellen Ereignissen die Ausrufung der Republik Lettland 1918 – damals als Zusammenschluss der drei unabhängigen Regionen Livland, Kurland und Lettgallen. Eine wunderbare nordische Republik war entstanden.

Dies war auch aus musischer Sicht just in time, wurde doch gerade der Wiederaufbau des abgebrannten Opernhauses abgeschlossen. So dass es am Wochenende der Geburtsstunde Lettlands am 16. und 17. November 2018 auch gleich noch einen weiteren 100. Geburtstag zu feiern gab – den der Lettischen Nationaloper.

Diese 100 Jahre haben viele große Künstlerinnen und Künstler hervorgebracht, die die Musikalität des kleinen Landes in die ganze Welt exportierten – aktuell am bekanntesten sicherlich Andris Nelsons  (musikalischer Direktor, Gewandhaus Leipzig), Mariss Jansons (Dirigent), Elīna Garanča (Mezzosopran), Baiba Skride (Violine), Kristīne Opolais (Sopran).

Auch wenn diese dem nun zu besprechenden „Galakonzert“,  einer konzertanten Serie von romantischen und postromantischen Opernfragmenten, leider fernblieben, bot die Lettische Nationaloper eine beeindruckende Ansammlung hochklassiger Musikerinnen und Musiker. In Zahlen trugen fünf Sängerinnen und 15 Sänger unter der Leitung von fünf Dirigenten in einem 4 ½ Stunden dauernden Spektakel 35 solistische Fragmente aus Opern von 15 Komponisten vor – und das in drei Akten. Das klingt nach viel, und das war es auch.

Inszeniert als konzertantes Singspiel in der Vorhalle eines kubisch anmutenden Gebäudes wurden, passend zu der politischen Unruhe der Gründungsjahre, in Schwarzweiß düstere Stummfilme und Opernmitschnitte aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts auf den transparenten Vorhang projiziert. Zumindest im ersten Teil, der den lettischen Komponisten gewidmet war. Diese Düsternis verlor sich erst, als der zweite Teil begann, mit nicht-lettischen, aber europäischen Komponisten. Vielleicht eine politische Aussage. Ebenso, wie das Fehlen von Stücken russischer Komponisten, die in Riga traditionell und aufgrund der Geschichte ansonsten gerne auf dem Spielplan stehen.

Aber nun zur Musik: Bei den Künstlerinnen und Künstlern gab es durchwegs hohe gesangliche Leistungen. Die Arbeitsteilung der Sängerinnen und Sänger forderten vom Einzelnen kein langes Durchhalten. Und so konnten die Spitzenleistungen abgerufen werden, von einer und einem jeden im eigenen Lieblingsfach, wie es sich in einem Galakonzert zur Hundertjahrfeier einer Republik gehört. Exemplarisch und vielleicht jeweils einen Tick aus den vielen guten Stimmen herausragend seien hier genannt: die schmelzende Lyrik der Sopranistin Dinara Alieva aus Aserbaidschan, der lettische Bariton Jānis Apeinisin der melodischen Eigenkomposition des Hausherrn Ziegmars Liepins,  Murat Karahan, türkischer Tenor und Gute-Laune-Bündel, und der im Kosovo geborene Rame Lahajs, der die Rolle des Tenors in bester italienischer Tradition interpretierte.

Die sich fast im Minutentakt abwechselnden fünf Dirigenten boten durchwegs solide Leistungen. Akzente konnten in den ausgewählten Stücken aufgrund des Feuerwerkscharakters des Abends allerdings auch kaum gesetzt werden. Ruhe in die sich stetig verändernden Besetzungen brachte lediglich der optisch wie musikalisch grandiose Chor durch die gleichmäßigen und sicheren Stimmflächen.

Ein großes Kompliment für die Arbeitsleitung verdient dagegen das Orchester in kleiner romantischer Besetzung, das auch noch nach 4 ½ Stunden präzise spielte. Dass die Schwingungsfähigkeit zum Ende nachließ, war dann allerdings vielleicht weniger der Müdigkeit geschuldet, sondern dem dann doch unnötig langen „dritten Akt“, der kritische Fragen zum Konzept des Abends aufwerfen muss. Während in einem ersten Teil Sing- und Opernstücke überwiegend zeitgenössischer lettischer Komponisten (man erinnere sich – Lettland existiert erst seit 100 Jahren) gespielt wurden, die überraschend fröhlich und mitreißend waren, gab es im zweiten Teil ein Potpourri europäischer Opernkomponisten.

Richard Wagner, der als noch unbekannter junger Kapellmeister zwei Jahre in Riga Dienst tat, musste natürlich dabei sein, genauso wie eine Auswahl an Franzosen, für die die Region schon immer ein Faible hatte. Außerdem Donizetti und Puccini. Danach hätte es auch gut sein können, zeitlich und inhaltlich. Der dennoch folgende 100-minütige dritte Teil mit einer Serie von fast ausschließlich Verdi-Arien erschloss sich dem interessierten Zuhörer konzeptionell nicht. Bei dem seriellen Abfeuern einer losen Folge von Arien kann naturgemäß die Spannung bei aller musikalischer Klasse nicht wie in einer vollständigen Oper aufgebaut werden. Und auch das Finale, der eigentliche Höhepunkt gerade bei einem Galageburtstag, ragte kaum mehr heraus. Warum dieses italienische Finale aus Puccinis Turandot den 100. Geburtstag Lettlands und der Lettischen Nationaloper beschließen musste, hinterließ ein weiteres Fragezeichen. Gerade weil die Gala durch ein wunderbares Chorstück des Letten Janis Medins (1890-1966) fulminant eingeleitet wurde.

Vielleicht sollte der Abend eine Werbung sein für dieses geliebte Opernhaus dieses kleinen Landes und damit für Lettland selbst. Dann kann man nur Respekt zollen. Für dieses Leuchtfeuer an der Ostsee. Und für die musikalische Bedeutung der gerade zwei Millionen Einwohner.

Und das taten die Zuhörer dann auch, wenn sie gerade rechtzeitig zum Hineinfeiern in den 100. Geburtstag kurz vor Mitternacht aus dem Opernhaus traten und sich unter die mit weiteren Lichtinstallationen feiernden Letten mischten.

Eine Empfehlung ist dieses kleine sympathische Land in jedem Fall. Und seine Nationaloper auch.

klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at, 20. November 2018

Solisten: Andris Ludvigs, Inga Kalna, Rihards Mačanovskis, Dana Bramane, Inga Šļubovska-Kancēviča, Jānis Apeinis, Krišjānis Norvelis, Samsons Izjumovs, Kalvis Kalniņš (alle Lettland), Stephen Gould (USA), Rame Lahaj (Kosovo), Irakli Kakhidze (Georgien), Olesya Petrova (Russland), Ain Anger (Estland), Dinara Alieva (Aserbaidschan), Murat Karahan (Türkei), Franco Vassallo (Italien), Liudmyla Monastyrska (Ukraine), Vladislav Sulimsky (Belarus)

Dirigenten: Mārtiņš Ozoliņš, Aleksandrs Viļumainis, Jānis Liepiņš, Normunds Vaicis (alle Lettland), Modestas Pitrenas (Litauen)

Chor und Orchester der Lettischen Nationaloper

Lettische Nationaloper (Direktor Zigmārs Liepiņš): www.opera.lv/en/

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