Madama Butterfly: An der Deutschen Oper herrschen New Yorker Verhältnisse

Giacomo Puccini, Madama Butterfly  Deutsche Oper Berlin, 10. Januar 2026

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel

Eine Ansage vor dem Vorhang heißt in der Theaterwelt meist nichts Gutes, die Krankheitswelle hat die Opernwelt gerade fest im Griff. Trotz einer angekündigten Indisposition sang Asmik Grigorian eine spektakuläre Butterfly und bekam zurecht stehende Ovationen. Verbesserungswürdig war einzig der störende Nacheinlass Zuspätkommender!

Madama Butterfly
Musik von Giacomo Puccini

Tragedia giapponese in drei Akten
Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa
nach „Madame Butterfly“ von David Belasco

Uraufführung am 17. Februar 1904 in Mailand
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 20. Juni 1987

Deutsche Oper Berlin, 10. Januar 2026

von Johannes Karl Fischer

Erst am Neujahrstag hatte Joseph Calleja in Hamburg eine stimmliche Heldentat hinterlegt und Cavaradossi hörbar erkrankt gesungen. An diesem Abend erwischte es Asmik Grigorian. Sie möchte sich im Voraus entschuldigen, falls sie sich etwas zurücknehmen müsse, hieß es.

Asmik Grigorian singt spektakulär

Von der angekündigten Indisposition war, um ehrlich zu sein, wenig zu hören. Wer heute nur wegen der in Salzburg als „größte Opernsensation seit Maria Callas“ benannten Sopranistin angereist war, wäre auch ohne die Krankheitsansage beeindruckt gewesen. Frau Grigorian sang die Cio-Cio-San hinreißend, umschwärmend. Die Melodien hatte sie fest im Griff und befreite die Partie mir ihrer fesselnden Stimme aus der veralteten, statischen Regie. Wie ein emotionaler Sog baute sie die Rolle bis zum Schlussmonolog „Con onor muore“ auf und ersparte diesem wohl dramatischsten, tragischsten Ende aller Opern kein bisschen der zu Tränen mitreißenden Gefühle!

Asmik Grigorian © Timofei Kolesnikov
Stehende Ovationen für Dmytro Popov

Dieser Sensationsleistung stand Dmytro Popov als Benjamin Franklin Pinkerton stimmlich um nichts nach. Heldenhaft und kraftvoll brillierte er durch die Puccini-Partie, als würde er nach den Schlussrufen „Butterfly“ noch eine „Nessun dorma“ als Zugabe drauflegen wollen. Besonders spektakulär wie mühelos ihm das hohe C am Ende des ersten Aktes gelang.

Das Publikum zeigte sich von diesem technisch brillanten Gesang so begeistert, dass es beim Schließen des Vorhangs mitten in Puccinis Liebesnachtmusik hinein applaudierte. Herrschen etwa New Yorker Verhältnisse an der Bismarckstraße?    

Dmytro Popov © Anton Ovcharov

Germán Olvera sang den Sharpless mit Bravour, sein stimmstarker, dennoch sauber klingender Bariton lieferte eine durchwegs sehr überzeugende Leistung als Konsul. Martina Baroni überzeugte als Suzuki, während Burkhard Ulrich den Goro mit viel spaßigem Einsatz souverän sang und spielte. Auch die weiteren zum Teil sehr kleinen Nebenrollen waren allesamt sehr stark besetzt.

Friederich Praetorius holte einen Puccini-Sound aus dem sehr sauber spielenden Orchester und ließ die Motive klangvoll aus dem Graben steigen. Ganz so fulminant wie Matteo Beltramis Tosca an diesem Haus vor zwei Jahren war er allerdings nicht unterwegs, nun ja, die damalige Vorstellung wird nicht nur dirigatstechnisch schwer zu toppen sein…

Zuspätkommende drängen sich in die Saalmitte

Deutlich verbesserungswürdig wäre allerdings die Hauspolitik rund um die heikle Frage „Nacheinlass“. Man kann darüber diskutieren, ob man für Zuspätkommende ein extra unnötiges Öffnen der Saaltüren und den damit verbundenen Lärm rechtfertigen kann. Ob dies auch für Zuspätkommende gilt, deren Zug verspätet ankam, bleibt hier offen.

Die Oper fängt fast immer, auch in Deutschland, pünktlich an. Nacheinlass ja oder nein, das ist eine Entscheidung des Hauses.

Sehr störend war allerdings, dass mitten im ersten Akt plötzlich nicht nur meine halbe Parkettreihe aufstehen musste, um ein paar Gästen den Weg in die Saalmitte zu ermöglichen. Konzentrieren auf die Vorstellung: Unmöglich. Das geht zu weit und so etwas ist mir bislang noch an keinem anderen Haus widerfahren. Wenn schon, dann bitte unauffällig die verspäteten Gäste an den Rand oder in eine Loge setzen!

DOB Butterfly Schlussapplaus (Foto Johannes K. Fischer)

Und zu guter Letzt: All ihren spektakulären Bildern und Sternenhimmel zum Trotz ist die Regie von Pier Luigi Samaritani eindeutig nicht mehr zeitgemäß. Insbesondere die Kostüme verkörpern so ungefähr alle zu Puccinis Zeit vorhandenen Stereotypen gegenüber der hier dargestellten Gesellschaft – ohnehin ein problematisches Thema – und auch die eher statische Personenregie konnte nicht überzeugen. Eigentlich ist diese Handlung ein brennend aktuelles Thema, man müsste das in dieser Partitur deutlich vorhandene Potential in einer für das 21. Jahrhundert angemessenen Darstellung auf die Bühne bringen. In der Partitur steht am Ende übrigens etwas von einer sich gewaltsam öffnenden Tür und einer Szene mit Sharpless, Pinkerton und seinem Sohn auf der Bühne… Das wäre mal ein Anfang.

Warum schrecken mich solche Museumsinszenierung dennoch nicht von dieser wunderbaren Oper ab? Wegen Stimmen wie Asmik Grigorian und Dmytro Popov!     

Johannes Karl Fischer, 11. Januar 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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