Hausmannskost made in Hamburg

Giacomo Puccini Madama Butterfly
Johannes Fritzsch Dirigent
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Madama Butterfly Lianna Haroutounian
Suzuki Nadezhda Karyazina
Pinkerton Brian Jagde
Sharpless Alexey Bogdanchikov
Staatsoper Hamburg, 22. Juni 2017

Die Hamburgische Staatsoper wird in dieser Saison nur eine Auslastung von etwa 73 Prozent erreichen. Diese Kennzahl ist für ein Haus, das von sich die Selbsteinschätzung hat, in der deutschen, ja gar europäischen Spitzenliga mitspielen zu können, kein Ruhmesblatt. Und diese Kennzahl sollten den Kultursenator und den Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg aufhorchen lassen, überweist die Stadt pro Jahr doch knapp 58 Millionen Euro an Zuschüssen an das Haus an der Dammtorstraße. Die Wiener Staatsoper hat eine Auslastung von knapp 100 Prozent (und bekommt Subventionen in Höhe von rund 60 Millionen Euro), die Bayerische Staatsoper in München von über 95 Prozent (und bekommt Subventionen in Höhe von rund 55 Millionen Euro).

Dass selbst eine Jahrhundertoper wie „Madama Butterfly“ von Giacomo Puccini in Hamburg nicht richtig zieht, zeigte auch die Aufführung am 22. Juni 2017. Am Donnerstagabend war die Staatsoper Hamburg wieder einmal nur zu etwa 70 Prozent besetzt.

Das lag mit Sicherheit nicht am Stück. „Meine Butterfly bleibt, was sie ist. Die empfindungsreichste Oper, die ich je geschrieben habe!“, hatte Puccini nach Vollendung des Werkes gesagt. Zu recht, denn die Musik ist wirklich wunderbar. Aber der Dirigent Johannes Fritzsch, Chefdirigent des australischen Queensland Orchestra, und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg schafften es an diesem Abend nur ganz selten, das Magisch-Sinnliche dieses Werkes herüberzubringen. Das war nur etwas mehr als orchestrales Mittelmaß, an einem Sommertag brav heruntergespielt.

Der Chor der Staatsoper, überwiegend Frauen (sie haben nicht viel zu singen), performte an diesem Abend gleichfalls so, dass im Publikum keine Begeisterung aufzukommen vermochte. Die Sängerinnen sollten sich einmal live anhören, mit welcher Hingabe und Sangeslust und –kraft die Sängerinnen und Sänger des Arnold Schoenberg Chores in Wien aufzutreten in der Lage sind, wenn sie regelmäßig im Theater an der Wien ihrem Beruf nachgehen. Da liegen Welten zwischen Hamburg und Wien!

Und die Solisten? Zwei glänzten an diesem Abend: Ein Mezzosopran und ein Tenor. Der US-Amerikaner Brian Jagde als Pinkerton – der als US-Amerikaner zu Besuch in Japan mit der laut Rollenbeschreibung 15 Jahre alten Madama Butterfly ein Kind zeugt – brillierte mit einer umwerfend strahlenden, in der Höhe bestechenden und einnehmenden, warmen Stimme. Bravo! An Ihrer Strahlkraft sollten sich manche Tenöre, die in Hamburg auftreten, ein Beispiel nehmen, Mr. Jagde.

Ja, und dann war da wieder dieser wunderbar volle, samtige Mezzosopran des Hamburger Ensemblemitgliedes Nadezhda Karyazina als Suzuki. In der Tiefe klingt sie (fast) wie ein Alt, so schön, dass vielen Zuschauern Schauer über den Rücken fuhren. Ihre Höhe ist äußerst angenehm im Timbre, insgesamt ein Stimmenwohlfühlpaket, die gebürtige Moskauerin.

Gut, aber nicht sehr gut war die Sopranistin Lianna Haroutounian als Madama Butterfly. Mein lieber Scholli, liebe Frau Haroutounian, da waren im ersten Akt zu viele unsaubere Töne, die ihren Auftritt trübten. Vor allem etliche Spitzentöne kamen nicht rein aus der Kehle. Aber im zweiten und dritten Akt wurde die Armenierin dann nach der Pause viel besser. Keine Missklänge mehr. Schöne, angenehme, gestützte Töne auch im Piano. Und eine bestechende Strahlkraft in der Höhe. Das gab vom Hamburger Publikum den kräftigsten Applaus mit einigen Bravo-Rufen.

Alexey Bogdanchikov, geboren in Tashkent, Uzbekistan, hat eine gut hörbare Bariton-Stimme. Allein, in vielen Passagen fehlt ihm in dieser Oper die Durchschlagskraft – da mangelt es noch ein wenig an Wumms in der Stimme.

Über die Inszenierung von Vincent Boussard wollen wir hier nicht zu viele Worte verlieren. Sie ist schlicht und ergreifend langweilig: Eine Wendeltreppe führt in der Bühnenmitte in die Höhe, das war’s. Die Lichteffekte lassen das Ganze recht ästhetisch erscheinen, aber mehr auch nicht. Die Rollenführung ist viel zu statisch. „Die Kostüme von Christian Lacroix erinnern trotz der Kimonos weniger an Japan, sondern eher an eine peruanische Panflötengruppe“, monierte die Hamburger Klassik-Begeisterte Katrin Hansen, 50. Da geht mehr, das animiert nicht, ein zweites Mal zu kommen.

Summa summarum verdeutlicht dieser Abend, dass dies leider keine Spitzenaufführung in Berlin (mit zwei Spitzen-Opernhäusern), München oder Wien (mit zwei Spitzen-Opernhäusern) ist, sondern Hausmannskost made in Hamburg mit zwei stimmlichen Ausbrüchen nach oben.

++++

Die Handlung: Nagasaki, Japan, um 1900: Pinkerton, Leutnant der amerikanischen Marine, hat sich in Cio-Cio-San, genannt „Butterfly“, verliebt. Die Hochzeit nach japanischem Ritual ist für ihn nur eine Farce – und schon wenig später ist Pinkertons „Spielzeug“ mit ihrem gemeinsamen Sohn wieder allein. Drei Jahre später kehrt er nach Japan zurück, nicht aber wegen Butterfly. Mit seiner neuen Frau will er das Kind abholen und es zu sich nach Amerika nehmen. Butterfly nimmt sich das Leben.

Die Uraufführung der Oper im Jahr 1904 geriet zum historischen Fiasko: Das Publikum der Mailänder Scala wusste mit dem exotischen Stoff nichts anzufangen. Doch Puccini glaubte an das Stück und sollte Recht behalten: Schon wenige Monate später erlebte „Madama Butterfly“ in abgewandelter Fassung bei ihrer Aufführung am Teatro Grande Brescia einen durchschlagenden Erfolg. Bis heute ist Puccinis „Tragedia giapponese“ eine der beliebtesten und berührendsten Opern überhaupt.

Andreas Schmidt, 23. Juni 2017,
klassik-begeistert.de

3 Gedanken zu „Giacomo Puccini, Madama Butterfly, Johannes Fritzsch, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Liana Haroutounian, Nadezhda Karyazina, Brian Jagde, Alexey Bogdanchikov,
Staatsoper Hamburg“

  1. Zur Auslastung des Hamburger Opernhauses

    Als langjähriger Abbonnent und häufiger Operngeher ist mir das Fernbleiben von Publikum vor allem in den letzten zwei Jahren auch aufgefallen. Dafür gibt es wohl mehrere Gründe, die am Haus bzw. an dessen Führung selbst liegen, aber auch außerhalb zu suchen sind.

    Zu letzteren Gründen gehört die nach meiner Erfahrung vor allem beim jüngeren Publikum abnehmende bzw. kaum noch vorhandene Bereitschaft, sich mit etwas nicht sofort zu Kopf oder zu Gemüt steigendem auseinanderzusetzen, vor allem wenn es eine gewisse Länge und nicht immer einen gleichbleibend hohen Spannungsbogen hat. Das ist wohl auch der jetzigen Schulausbildung anzulasten, die weniger abfordert, Schwierigkeiten möglichst umgeht und geistige Anstrengung sowie Durchhaltevermögen nicht belohnt (gerade heute wurde in der hiesigen Tageszeitung kolportiert, dass auf dem Weg zum Abitur viel mehr (schwierige) Inhalte abwählbar sind als in anderen Bundesländern). Warum soll man sich dann noch mit einer langen Oper auseinandersetzen. Deshalb hat der Andrang junger Leute an der Abendkasse auch völlig nachgelassen.

    Damit in Zusammenhang steht auch die Eventisierung des Kulturellen. Die Elbphilharmonie ist überlaufen, weil jeder dabei gewesen sein will; Netrebko oder Kaufmann ziehen das Publikum aus denselben Gründen in jedes Haus. Da spielt dann auch der Preis keine Rolle mehr, wenn man 300 Euro für das Ereignis ausgibt, muss das eventuell auch nur schmale künstlerische Ergebnis hinreichend bejubelt werden (Netrebko einmal in der Laeiszhalle). In Hamburg kommt hinzu, dass die Musicalhäuser mit ihren fast 10.000 Plätzen pro Abend gefüllt sein wollen; es gehört daher nicht zum touristischen Programm, während des Besuchs in der Stadt einmal in der Staatsoper Hamburg gewesen zu sein (wie in München und vor allem in Wien).

    Warum habe ich neben dem Abonnement aber noch eine Operncard? Der wesentliche Grund für häufige Opernbesuche ist nicht die Inszenierung. Die kennt man schnell, es gefällt oder auch nicht. Es sind die Besetzungen mit den Sängerinnen und Sängern, die den Ausschlag geben. Und hier unterscheidet sich der Hamburger von dem Münchner Besetzungszettel (für Wien bin ich nicht entsprechend bewandert). Während es mir in München bei meinen dortigen Aufenthalten in der Regel nicht schwer fällt, eine interessante Besetzung ausfindig zu machen, ist dieses in Hamburg kaum noch der Fall. Noch unter Simone Young war das anders. Um nur ein Beispiel zu nennen: In der „Toten Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold sang der Tenor Klaus Florian Vogt, in der Wiederaufnahme unter Delnon Torsten Kerl. Simone Young hatte zudem ein recht gutes Gesangsensemble aufgebaut, so setzte sie die Mezzosopranistin Katja Pieweck als Brangäne, Ortrud oder auch als Ariadne ein, alles hervorragende Leistungen. Von der neuen Direktion wurde die Sängerin in das zweite Glied gesetzt. Nur der Tenor Dovlet Nurgeldiyev wurde, zum Glück, weiter mit großen Rollen betraut.

    Das Publikum reagiert natürlich auf große Namen, denn die tauchen ständig zum Beispiel im Radioprogramm (NDR-Kultur) auf. Früher wurden in der Hamburgischen Staatsoper allgemein bekannte Sängerinnen und Sänger zusammen mit Ensemblemitgliedern besetzt und unterstützten sich so gegenseitig (z. B. Peter Seiffert als Bacchus mit Katja Pieweck als Ariadne). Die nächste Saison scheint ja diesbezüglich besser zu werden. Wenn auch nicht alle die Kaufmann/Harteros-„Tosca“ am Dienstag, 17. April 2018, werden sehen können, füllen sich die Vorstellungen drum herum vielleicht häufiger.

    Ein nicht zu unterschätzender Faktor in Hamburg ist auch die fast nicht vorhandene Berichterstattung über das Hamburgische Opernhaus (das gilt auch für die Ballettserien). Es gibt nur noch eine große Tageszeitung, die kulturell berichtet und dort nur eine Redaktion, die sich voll der Orchesterberichterstattung gewidmet hat. Das Verständnis für Oper (oder auch für Ballett) ist dort gering. Weder werden gesangliche Leistungen mit einer gewissen Regelmäßigkeit bewertet, noch auf immer wieder vorkommende herausragende Opernserien hingewiesen, wie in diesem Jahr den gesanglich großartigen Aufführungen von Macbeth (Platanias, Melnychenko, Vinogradov, Nurgeldiyev) oder den inhaltlich bedrückenden Karmeliterinnen (Hayoung Lee, Soffel, Bell, Pieweck, Gansch, Barrard, Nurgeldiyev).

    Lässt nicht aber auch der Andrang in München nach? Für die Opernfestspiele im Juli 2017 sind noch häufig Karten zu erhalten, für die hervorragend besetzte „Jenufa“ (mit Karita Mattila als Küsterin u.a.) soagr noch in allen Preiskategorien. Vielleicht ist es tatsächlich ein Zeichen der Zeit, dass „Hochkultur“ aus unserem gesellschaftlichen Focus immer mehr verschwindet.
    Ralf Wegner

  2. Hausmannskost in der Hamburgischen Staatsoper?
    Ich war am 28. Juni 2017 in Madama Butterfly von Giacomo Puccini.
    Ein sehr schöner Abend, stimmt, leider zu viele freie Plätze.
    Die Sopranistin Lianna Haroutounian als Madama Butterfly war an diesem Abend wirklich fantastisch, für mich die dominierende Künsterlerin am Abend, neben einem sehr guten Brian Jagde als Pinkerton. Da wäre ich zur nächsten Aufführung wieder hin gefahren.
    Und das sicher nicht wegen der Inszenierung von Vincent Bussard – einfach nur langweilig.
    Mehr (positive) Präsenz in – auch neueren Medien – würde der Oper sicher sehr helfen.
    Wolfgang Ries

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