Und dann ist es ganz, ganz große Oper!

Giuseppe Verdi, Les Vêpres siciliennes, Nationaltheater München, 26. Juli 2018

© Wilfried Hösl
Giuseppe Verdi, Les Vêpres siciliennes,
Nationaltheater München, 26. Juli 2018

von Sebastian Koik

Das Finale ist der Wahnsinn. Ganz, ganz große Gefühle. Mehrere Figuren singen um ihr Leben, singen um alles, was ihnen etwas bedeutet. Der große Saal des Nationaltheaters ist dicht gefüllt mit ganz verschiedenen Emotionen. Die Luft brennt, man ist elektrisiert. Das Orchester spielt, als gäbe es kein Morgen. Man wünscht sich, dass dieses faszinierende Spektakel niemals aufhören möge und trauert und leidet in höchstem Glück bereits ein wenig, da man ahnt, dass auch dieses Opernglück endlich ist. 

Im letzten Akt stimmt alles. Die Solisten liefern allesamt eine Weltklasse-Leistung ab und vermischen in einem großen leidenschaftlichen Feuerwerk ihre Stimmen auf das Schönste.

Im letzten Akt gibt es nichts zu mäkeln. Verdi hätte sicher seine Freude, dieses Ereignis mitzuerleben. Es entfaltet sich Opernmagie. Der Applaus ist dann auch gewaltig. Das Publikum schwebt berauscht, beglückt und voller Wachheit und Energie in den warmen Münchner Sommerabend. Und auch davor ist alles auf sehr hohem Niveau.

Rachel Willis-Sørensen (Hélène) © Wilfried Hösl

Die amerikanische Sopranistin Rachel Willis-Sørensen begeistert als Hélène mit einer dichten, cremigen und gefühlsstarken Stimme. Ihre Höhen sind herrlich klar und schillern prachtvoll. Nach ganz starkem Beginn klingt ihre Stimme zwischenzeitlich manchmal etwas unschön hysterisch und nervös, und sie trifft nicht jeden Ton. Doch bald fängt sie sich wieder. Am meisten begeistern ihre Höhen in lauten und kraftvollen Passagen – ganz besonders im unvergleichlich glorreichen Finale.

Der US-amerikanische Tenor Bryan Hymel gefällt als Henri mit warm-weicher Stimme, stabilen, langen Tönen und langem Atem. Sein Auftitt ist sehr souverän und hat nur einen Makel. Es ist schade, dass Hymels Gesang oft etwas geschrien klingt, dabei hat man den Eindruck, dass er das in der Form gar nicht nötig hat, da er eigentlich eine große Stimme hat und es ein wenig leiser immer noch laut genug wäre. Im gewaltig leidenschaftlichen Finale ist das dann allerdings nicht unpassend und stört überhaupt nicht mehr.

Der rumänische Bariton George Petean singt geschmeidig warm, herrlich , sonor und mit viel Luft und Kondition den Guy de Montfort.

Wie sein Kollege Hymel neigt auch Petean ein wenig dazu, schreiend zu klingen. Auch hier wäre man mit einem etwas niedrigeren Pegel zufrieden, aber auch hier ist im dramatischen Finale alles einfach nur gut.

Erwin Schrott (Procida), Bryan Hymel (Henri), Rachel Willis-Sørensen (Hélène) © Wilfried Hösl

Der uruguayische Bassbariton Erwin Schrott hat einen unfassbar glamourösen Auftritt als Jean de Procida. Der Führer des sizilianischen Aufstands trägt ein märchenhaft funkelndes Goldkostüm von fast überirdischer Schönheit. Sein Gesang kann allerdings nicht jederzeit mit seiner berückend prächtigen, äußeren Erscheinung mithalten. Herrlich schön sind seine sonoren, teilweise erdigen Tiefen!

Seine Höhen sind etwas dünn und lang angehaltene Töne wackeln manchmal etwas. Hier fehlt ihm gelegentlich auch etwas Luft. Der Uruguayer, der seit 2010 auch die spanische Staatsbürgerschaft hat, ist darstellerisch ganz stark und mit großer Bühnenpräsenz gesegnet. Sein Spiel ist leidenschaftlich und seine Mimik furchterregend.

Der Ex-Ehemann von Anna Netrebko besitzt österreichisch-deutsche Vorfahren und sieht aus wie ein Hollywoodstar. Beim Schlussapplaus darf er auch lächeln und bringt dann sicher erst recht die meisten Damen zum dahinschmelzen.

Ganz wunderbar, leidenschaftlich und energisch, dirigiert der Israeli Omer Meir Wellber das Bayerische Staatsorchester! Das Kollektiv musiziert mit Schärfe und Biss und mit süditalienischem Feuer und Temperament. Unter dem Dirigat von Meir Wellber erzeugen die Musiker über den ganzen Abend große musikalische Spannung und reißen schwungvoll mit. Die Musiker sind auf Zack, das Becken schlägt sehr präzise.

Der Chor der Bayerischen Staatsoper unter Stellario Fagone glänzt nicht ganz so sehr wie sonst, was wahrscheinlich an der französischen Sprache liegt.

Sehr gelungen ist die Inszenierung von Antú Romero Nunes. Das Himmelsschleier-Brautkleid zum Schluss ist ein unvergessliches, märchenhaftes Bild.

Omer Meir Wellber, Musikalische Leitung
Antú Romero Nunes, Inszenierung
Matthias Koch, Bühne
Victoria Behr, Kostüme
Nick & Clemens Prokop, Sound Interference
Dustin Klein, Choreographie
Michael Bauer, Licht
Rainer Karlitschek, Dramaturgie
Stellario Fagone, Chöre
Rachel Willis-Sørensen, Hélène
Bryan Hymel, Henri
George Petean, Guy de Montfort
Erwin Schrott, Procida
Helena Zubanovich, Ninetta
Matthew Grills, Danieli
Galeano Salas, Mainfroid
Callum Thorpe, Robert
Long Long, Thibaut
Johannes Kammler, Le Comte de Vaudemont
Alexander Milev, Le Sire de Béthune

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper
SOL Dance Company (Leitung: Eyal Dadon) 

Sebastian Koik, 27. Juli 2018,
für klassik-begeistert.de

 

 

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