Staatsoper Hamburg: Bieito inszeniert das Verdi-Requiem als Bühnenspiel zwischen den Welten

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem,  Hamburgische Staatsoper, 8. Januar 2019

Foto: Brinkhoff/Mögenburg (c)
Hamburgische Staatsoper, 8. Januar 2019
Giuseppe Verdi, Messa da Requiem

Musikalische Leitung: Paolo Arrivabeni (Hamburg-Debüt)
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühne: Susanne Gschwender
Kostüme: Anja Rabes
Licht: Franck Evin
Dramaturgie: Janina Zell
Chor: Eberhard Friedrich
Sopran Maria Bengtsson, Mezzosopran Nadezhda Karyazina, Tenor Dmytro Popov, Bass Gábor Bretz, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

von Eva Stratmann

Eine Momentaufnahme aus dem Familienalltag eröffnet das Requiem: Mutter und Vater spielen mit ihrem Sohn vor einer raumhohen Regalwand im Ikea-Stil Ball. Hinter den 12 mal acht Quadern des Riesenregals halb verborgen der Chor. Dahinter nochmal ein Regal.

Ja, richtig. Es geht um Verdis „schönste Oper“, seine katholische Totenmesse von 1874, in Szene gesetzt vom enfant terrible Calixto Bieito. Doch ein Bühnenskandal bleibt diesmal in der Staatsoper Hamburg aus. Kein Sex, kaum Blut, allerdings einige Tote und nur kurz eine (fast) nackte Frau. Der Katalane zeigt statt schockierenden Bildern eine detailreiche Feinheit und Tiefe und inszeniert die Vergänglichkeit allen Lebens.

In der harmonischen Familienszene stirbt der Junge vor den Augen seiner Eltern. Und da setzt er ein, der grandiose Chor, von dem die Strahlkraft eines jeden Requiems abhängt: Angefangen beim gewaltigen Donner der Zornestages „Dies Irae“ besingt der Chor das ewige Licht „Lux Aeterna“ und bettelt schließlich mit seinem „Libera me“ um die Befreiung der Seelen aus dem Fegefeuer. Von Anja Rabes in farbenfrohe Alltagskleidung gewandet, singt sich der Chor als Gemeinschaft von Gläubigen mit Feinheit und Klangkraft in das Gemüt der Zuhörer. Präzise, sensibel und eindringlich machen die Sänger hörbar und fühlbar, was der Moment des Todes bedeutet. Die alltägliche Garderobe und die schnörkellose Kulisse machen die sakrale Thematik des Requiems sehr weltlich: Es geht um Leben und Tod,  Trauer und Verlust. Und führt auch nichtreligiöse Menschen an die alten Fragen des Menschseins heran: Was kommt nach dem Tod? Wohin gehen wir? Was ist Gnade?

Die Eltern (Maria Brengston und Gábor Bretz) trauern um ihren toten Sohn. Die leidende Mutter, die ihr Kind sterben sieht, steht immer wieder im Zentrum des Geschehens. Die erste Regalwand gewährt nun Einblick die Zwischenwelt, wozu sich die Regaltüren leicht geöffnet haben. Fröhliche Kinder spielen Ball, eine alte Dame in pinkfarbenem Morgenmantel spaziert durch den Raum. Die Bühnenelemente gruppieren sich wie von Geisterhand in zwei flankierende Elemente, aus denen Kinderleichen hervorgezogen werden. Später dann senkt sich die  riesige Rückwand, bis sie flach auf dem Boden liegt. Die Regalfächer werden zu Grabeskammern, aus denen sich Hände ringend die toten Chorsänger erheben –  inbrünstig betend, bittend, flehenden das „Libera me“ auf den Lippen, bis sie im Laufe der knapp anderthalbstündigen Oper wunde Knie mit Blut durchtränkten Bandagen haben.

Die gleichermaßen schlichte wie monströse Regalkonstruktion von Susanne Gschwender wandelt sich durch farbige Lichtakzente in die Gestalt einer Kirche mit bunten Fenstern, gibt dann wieder in gleißendem Licht die Anmutung des Jenseits. Mal trennt sie den Raum, mal klettern die Darsteller durch die Regalfächer, dann hängen sie an Seilen herunter oder sitzen schließlich in den Fächern des liegenden Riesenregals in ihren Gräbern und flehen um Erlösung.

Das Solo-Quartett ist in seiner Besetzung ein durchgehender Hauptgewinn: Bass Gábor Bretz und Sopranistin Maria Bengtsson als Elternpaar sowie Tenor Dmytro Popov und Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina wirken mit charakterstarkem, unverwechselbarem Ausdruck. Der Dirigent Paolo Arrivabeni meisterte an diesem Abend seine Hamburg-Premiere mit präziser und brillanter Arbeit.

Alles in allem eine absolut gelungene Inszenierung, ich würde Sie sofort noch einmal besuchen.

Eva Stratmann, 9. Januar 2018, für
klassik-begeistert.de

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