Nabucco: Enkhbat, Vinogradov, Bohinec © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Am Freitag 27. Februar 2026 sang Anna Netrebko erstmals die Abigaille, die vermeintliche und intrigante Tochter des Assyrer Königs Nabucco, der den jüdischen Tempel in Jerusalem zerstörte und die Hebräer ins babylonische Exil zwang.
Anna Netrebko meisterte diese gesanglich höllisch schwere Rolle in ihrer inzwischen in eine tiefere Lage mutierte Jahrhundertstimme mit Leuchtkraft, überragender Stärke und doch subtiler, geschmeidiger Wärme und Raffinement.
Dies obwohl, wie anschließend der Dirigent Marco Armiliato im persönlichen Gespräch erläuterte, der russische Weltstar an diesem Abend mit immer akuterer Indisposition zu kämpfen hatte.
Giuseppe Verdi Nabucco
Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Inszenierung: Günter Krämer
Bühne: Petra Buchholz
Choreinstudierung: Thomas Lang
Orchester und Chor der Wiener Staatsoper
Wiener Staatsoper, 27. Februar und 2. März 2026
von Dr. Charles E. Ritterband
Wie ganz anders präsentierte sich das Haus am Ring drei Tage später: Anna Netrebko hatte, schweren Herzens und nach stundenlangem Ringen, ihre Präsenz in der Vorstellung Montag, 2. März absagen müssen.
Ein Ersatz war so kurzfristig offenbar schwer zu finden – statt der vom Publikum so sehr erwarteten Anna Netrebko wurde aus Prag die durchaus renommierte tschechische Sopranistin Eliška Weissová als Abigaille herbeigeholt. Die Vorstellung begann um sieben Uhr, um 17.30h war die Sängerin erst am Wiener Hauptbahnhof eingetroffen. Man kann sich unschwer vorstellen, unter welchem Stress diese Frau gestanden haben muss.
Leider machte sich dies vor dem ausverkauften Zuschauerraum der Staatsoper, einem wegen der Netrebkos Absage maßlos enttäuschten und – man muss es sagen – gnadenlos anspruchsvollen Publikum krass bemerkbar. Ob aus Stress oder weil sie der extrem schwierigen Abigaille schlicht nicht gewachsen war – die Weissová stieß schrille Töne aus, welche die Schmerzgrenze des Publikums auf eine harte Probe stellten und von diesem mit einem beispiellosen Buh-Konzert und bösen Zwischenrufen wie „go home!“ quittiert wurden.

Für die tschechische Sopranistin, die sich unverkennbar aber doch letztlich vergeblich alle Mühe gab, war dies zweifellos ein kaum erträgliches Spießrutenlaufen. Das Publikum war klar gespalten zwischen den gnadenlosen Buh-Rufern und den höflichen Gentlemen und ihren Ladies, die der Sängerin doch am Ende einigen Applaus spendeten. Aber ein Genuss war dieser Abend, zumindest was die Abigaille betraf, eindeutig nicht.
Leider ist ähnliches auch über die zwar ein Vierteljahrhundert alte, trist-öde und in der Personenführung mit ihrem Rampensingen völlig einfallslose Inszenierung von Günter Krämer und Petra Buchholz (Bühne) zu sagen. Was die Israeliten da auf der Bühne tun und weshalb bleibt völlig schleierhaft. Dass die exilierten Hebräer das legendäre Chorstück „Va’, pensiero“ im Liegen anstimmen und sich dann allmählich erheben, mag als symbolträchtig durchgehen. Musikalisch ist die reife Leistung des Staatsopern-Chors (Choreinstudierung: Thomas Lang) zu erwähnen.

Auch die Charakterisierung der Juden als „Volk der Schrift“ – da flimmern permanent hebräische Schriftzeichen über den Bühnenhintergrund – mag durchaus sinnvoll sein. Und wenn sich Nabucco als Gott deklariert, wird hier nicht wie in den meisten anderen Inszenierungen eine Vulkanexplosion oder ähnliches auf die Bühne gebracht, sondern, ziemlich subtil, fallen die Schriftzeilen in sich zusammen und werden unleserlich. Nicht völlig logisch, aber nette Idee.
Das Orchester unter der ebenso souveränen wie stimmigen Stabführung von Marco Armiliato brillierte in den kraftvollen und glänzte mit intelligenter Zurückhaltung in den subtil-nuancierten Passagen.
Stimmlich und als Figur überragend in beiden Aufführungen, die wir sehen konnten, der Nabucco des großartigen mongolischen Baritons Amartuvshin Enkhbat – kraftvoll, königlich nobel und doch zugleich voll menschlicher Wärme und Empathie. Perfekt austarierte Zwischentöne und feinste Charakterisierungen dieses zerrissenen Machtmenschen.

Alexander Vinogradov beeindruckte als Zaccaria mit schier ungezügelter Dominanz und ungebremster stimmlicher Stärke. Ähnlich die schier ungezügelt kraftvolle Fenena der Monika Bohinec.
Dr. Charles E. Ritterband, 4. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Abigaille: Anna Netrebko (27.2.) / Eliška Weissová (2.3.2026)
Nabucco: Amartuvshin Enkhbat
Ismaele: Ivan Magrì
Zaccaria: Alexander Vinogradov
Fenena: Monika Bohinec
Oberpriester des Baal: Dan Paul Dumitrescu
Abdallo: Lukas Schmidt
Anna: Maria Zherebiateva
Giuseppe Verdi (1813-1901), Nabucco Theater Bonn, 3. Oktober 2025
Giuseppe Verdi, Nabucco Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 2. Oktober 2024