Serena Sáenz als Gilda © Geoffroy Schied
Den größten Schlussapplaus heimsen Bariton Ariunbaatar Ganbaatar als Rigoletto und Sopran Serena Sáenz als Gilda vollkommen zu Recht ein. Der Chor ist an diesem Abend die dritte Wirkmacht, die mich überzeugt.
Rigoletto
Melodramma in drei Akten (1851)
Komponist Giuseppe Verdi
Libretto von Francesco Maria Piave nach
Victor Hugos Schauspiel Le Roi s’amuse.
Musikalische Leitung Maurizio Benini
Inszenierung Barbara Wysocka
Bühne Barbara Hanicka
Kostüme Julia Kornacka
Licht Marc Heinz
Chor Christoph Heil
Dramaturgie Malte Krasting
Bayerisches Staatsorchester
Bayerischer Staatsopernchor
Nationaltheater, München, 11. März 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend steht im Nationaltheater die zweite Aufführung der Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper von Verdis Rigoletto in München auf dem Programm.
Verdis Klangfarbe, die er „tinta musicale“ nennt, ist zentraler Wirkmechanismus seiner Werke. Anders doch in gleicher Richtung fängt das auch Victor Hugo ein – sein Zitat ist im Programmbuch zu lesen: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Tja, da fühle ich, ach, diese entsetzliche Lücke in mir.
Musikalisch umfängt mich dieser Abend nur in Teilen. In Teilen empfinde ich Stimmen und Orchester eher nebeneinander her als einander verstärkend. Das Dirigat Maurizio Beninis findet für mich an diesem Abend keine Lösung, die Bindung von Orchester und Stimmen konsequent aufrechtzuerhalten. Das Orchester entwickelt in mir wenig Emotion. Denn immer wieder erlebe ich gerade die A-cappella Stellen der Arien und Duette atmosphärisch intensiv und die Intensität nimmt ab, wenn das Orchester einsetzt. Die Klangfarbe schillert nur gelegentlich.

Einmal mehr formt der Bayerischer Staats- in diesem Fall: Männer- Opernchor brillant Stimmung, erfüllt meine (Sehn-)Sucht, mich in den Bühnenmoment hineinzuversetzen. Er schafft Momente großer Intensität. Tenor Bekhzod Davronov singt den Duca di Mantova technisch brillant, doch häufiger fehlt seiner Stimme die Durchschlagskraft und Energie, die Gewissenslosigkeit und Gier des Herzogs für mich überzeugend rüberzubringen. Das gilt auch für den Gassenhauer der Oper La donna è mobile. In zwei wichtigen Szenen zeigt er, was in ihm steckt. Im ersten Akt ist das Duett mit Gilda sängerisch auf Augenhöhe, da bizzelts zwischen den beiden. Auch mit seiner Arie zu Beginn des zweiten Aktes Ella mi fu rapita! / Sie wurde mir geraubt kommt die gesungene Emotion, sein (sexuelles) Interesse an Gilda in mir an.
Bariton Ariunbaatar Ganbaatar hat Volumen und singt seinen Rigoletto entschlossen und überzeugend. Wenngleich im dritten Akt die oben erwähnte mir fehlende Bindung zwischen Stimme und Orchester seine Verzweiflung ob der geraubten Tochter und sein Rachevorhaben, den Herzog zu morden in mir schmälern.

Sopran Serena Sáenz als Gilda lässt beeindruckend locker ihre Stimme tanzen. Glockenhell und zugleich mit reichlich Klangwärme und energetischer Kraft. Sie vermag als Einzige des Sängerteams des Orchesters volle Zuwendung zu erzwingen. Zugleich ist die Stimmenpassung in ihren Duetten mit dem Herzog oder Rigoletto exzellent.
Musikalisch hochinteressant ist das Quartett im 3. Akt. Meinem musikalischen Aufhören ist auch Enttäuschung beigemischt. Das Orchester kommt über die Stimmen, in meinen Augen ist es zu laut. Auf der Bühne ist das Quartett nicht ausgewogen. Denn Davronovs Herzog und Mezzo Elmina Hasan als Maddalena geraten gegenüber Ganbaatars Rigoletto und Sáenz’ Gilda sängerisch ins Hintertreffen.
Die Inszenierung funktioniert. Die Handlung ist – vornehm ausgedrückt – löchrig. Diese Löcher werden inszenatorisch gut überbrückt. Das Libretto pointiert auf exponierte „große Emotionen“, die ins Zentrum der solistisch-sängerischen Nummern gestellt werden. Zwischendrin wird kurz zusammengefasst. Etwa durch Rigoletto, wenn er singt: Della vendetta alfin giunge l’istante! Da trenta dì l’aspetto / Endlich kommt der Augenblick der Rache! Seit dreißig Tagen erwarte ich ihn. So schnell kann ich an diesem Abend die zeitlichen Leerstellen nicht füllen, um die „große Emotion“ hier: Rache mitfühlen zu können.

Der letzte Ort der Inszenierung ist ein BDSM-Haus. Mir ist aus der Inszenierung heraus nicht klar, warum. Ich kann in diesem Rahmen schwer nachvollziehen, warum Maddalena als BDSM Frau so stark für Herzog empfindet, dass sie ihn retten möchte.
Regisseurin Barbara Wysocka erklärt das zwar gut im Programmbuch: „Jedes der zentralen Motive [FH: der Oper Rigoletto] ist heute präsent: Maskierung, Machtmissbrauch, sexuelle Gewalt, das Streben nach Kontrolle.“ Damit ergibt die Nutzung des BDSM Motivs Sinn. Ich bin Verfechter der Auffassung, dass ein Stück ohne vorherige Lektüre des Programmbuchs interpretierbar sein sollte. Die erwähnten Motive macht mir Barbara Wysocka in ihrer Inszenierung zu wenig klar.
Quasi Exkurs: Der Text vom Gassenhauer La donna è mobile ist zutiefst frauenfeindlich. Auszug gefällig? La donna è mobile / […] È sempre misero / Chi a lei s’affida (Das Weib ist unbeständig / […] Der ist arm dran, der sich auf sie verlässt). Dabei ist es der diese Arie singende Herzog, der eine Frau nach der anderen besteigen will. Unerträglich! Also: auch wenn er ins Ohr geht, einmal bewusst gehört, gefällt er mir nicht mehr. Regisseurin Barbara Wysocka drückt meinen Unmut aus, den der Inhalt dieser Arie in mir entfacht. Sie sagt im Interview (im Programmbuch abgedruckt): „Weil wir in Zeiten leben, in denen Lüge zur Sprache der Macht geworden ist. In denen Gewalt normalisiert wird. In denen Opfer beschuldigt werden. In denen mächtige Männer sich für unantastbar halten. Rigoletto ist keine Geschichte aus der Vergangenheit. Rigoletto ist eine Warnung. Eine Dystopie. Ein Ruf nach Veränderung.“ Unterschreibe ich. Jedoch auch nicht an der dafür geeignetsten Stelle, bei dieser männer-ego-fantasierenden Arie, wird diese Idee prägnant herausgearbeitet.
Die stärkste Aussage dieser Inszenierung für mich: wenn hier jemand was opfert, ist es eine Frau. Männer – auch Rigoletto! sind egoistisch, machen sich nur einen Kopf um sich selbst. Die Einzige, die bewusst etwas opfert – sich selbst – ist Gilda. Sie emanzipiert sich damit und entscheidet sich gegen jede Vernunft für den eigenen Tod und setzt sich über den bis zu diesem Moment dominanten Vater hinweg.
Den größten Schlussapplaus heimsen Ariunbaatar Ganbaatar und Serena Sáenz vollkommen zu Recht ein. Der Chor ist an diesem Abend die dritte Wirkmacht, die mich überzeugt. Sie sind meine atmosphärischen Leistungsträger des Abends. Meiner Begleitung hat es rund herum gefallen. Bin ich verwöhnt?!
Frank Heublein, 12. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Il Duca di Mantova Bekhzod Davronov
Rigoletto Ariunbaatar Ganbaatar
Gilda Serena Sáenz
Sparafucile Riccardo Fassi
Maddalena Elmina Hasan
Giovanna Shannon Keegan
Il Conte di Monterone Martin Snell
Marullo Thomas Mole
Matteo Borsa Granit Musliu
Il Conte di Ceprano Roman Chabaranok
La Contessa di Ceprano Nontobeko Bhengu
Gerichtsdiener Daniel Vening
Page der Herzogin Lucy Altus
Rising Stars 31: Serena Sáenz, Sopran – die mit den Koloraturen tanzt klassik-begeistert.de