Ramón Vargas, der Ausnahmetenor, bleibt uns hoffentlich noch lange erhalten

Giuseppe Verdi, Un ballo in maschera,  Giuseppe Verdi, Un ballo in maschera, 4. Juni 2019

Foto: http://www.ramonvargas.com (c)
Tobias Richter verabschiedet sich als Intendant von der Genfer Oper

Grand Théâtre de Genève, 4. Juni 2019
Giuseppe Verdi, Un ballo in maschera

von Kirsten Liese

Es gibt derzeit nicht allzu viele Tenöre, die mit  knapp 59 Jahren noch jugendliche Strahlkraft und Schmelz aufzubieten vermögen. Entsprechend beeindruckt es, wie sich der Mexikaner Rámon Vargas in Genf präsentiert: Groß, machtvoll, rund und in allen Registern schlank und schön tönt seine Stimme in Giuseppe Verdis „Maskenball“. Noch dazu durchlebt er seinen Schwedenkönig Gustavo in seiner verhängnisvollen Liebe für Amelia, die Frau seines besten Freundes, ungemein berührend. Anflüge von Verschleiß? Fehlanzeige. Vargas ist noch stärker in Hochform als zuletzt in Wien, wo er den Gustavo im Herbst vergangenen Jahres sang und nur mäßige Kritiken bekam. Wer allerdings die Spitzen mit herrlichem Belcanto so mühelos erreicht, ist mit seiner Stimme und Karriereplanung sorgsam umgegangen.

Bei dem Regisseur Giancarlo Del Monaco, Sohn des berühmten Tenors Mario Del Monaco und einst Assistent von Größen wie Wieland Wagner, Günther Rennert und Walter Felsenstein, ist Vargas gut aufgehoben. Er gibt ihm Raum, sich ganz auf den musikalischen Ausdruck zu fokussieren, zwischen leidenschaftlichem Begehren und Edelmut.

Mag Del Monacos Personenregie streckenweise auch etwas statisch anmuten, so bleiben Sänger und Publikum doch in seiner soliden Produktion verschont vor abstrusen Eingriffen oder Umdeutungen. Ganz getreu der Partitur mit einfachen Bewegungen und Gesten erzählt er die tragische Geschichte einer unmöglichen Liebe und schicksalhaften tödlichen Prophezeiung. Die Musik hat stets die uneingeschränkte Vorfahrt.

Un ballo in maschera © GTG / Carole Parodi

Intendanten wie Tobias Richter, die sich für solche Qualitäten einsetzen und entsprechend Künstler engagieren, die dafür stehen, gibt es europaweit nicht mehr viele. Schon zu Beginn dieses Jahrtausends fand Del Monaco, der in den 1980er-Jahren noch das Macerata Festival in Italien leitete, von 1997 bis 2001 die Oper in Nizza und seit 2009 das Opernfestival in Teneriffa, an den renommierten, internationalen Bühnen kaum noch Beschäftigung.

Mit Tobias Richter, Sohn des legendären Organisten und Orchesterleiters Karl Richter, verabschiedet sich nun zur Sommerpause auch in Genf der letzte Theatermanager der alten Schule. Unter seinem Nachfolger Aviel Cahn wird sich – das zeichnet sich bei einem Blick auf die kommende Spielzeit ab – das Genfer Publikum auf den denkbar größten Kontrast einstellen müssen. Mit Werken wie „Einstein on the beach“ und „Saint Francoise d’Assise“ steht deutlich sprödere Kost auf dem Programm, eine türkische Autorin wird die Dialoge in einer Neuproduktion von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ aus heutiger Sicht bearbeiten. Und mit der Uraufführung einer Oper von Christian Jost wird ein Beitrag zur Situation von Migranten erwartet. Die Weichen für verstärkte politische Ambitionen sind damit gestellt.

Aber zurück zum „Maskenball“.

Richard Peduzzi, bekannt für seine kargen, aber stets sehr atmosphärischen Bühnenräume, die er für Patrice Chéreau entwarf, hat diesmal verschiebbare Fassaden aus Holz für den Königspalast entworfen, die sich bisweilen öffnen und schließen. Zum Auftritt der Wahrsagerin Ulrica wird die Bühne schwarz, auf einem großen Stein thronend, umgeben von mystischem Rauch, prophezeit sie dem König seine Ermordung durch denjenigen, dem er als Nächstes die Hand reicht.

Un ballo in maschera © GTG / Carole Parodi

Das Schönste, was diese Produktion optisch zu bieten hat, sind freilich die von Gian Maurizio Fercioni entworfenen Kostüme. Er erweist gleichermaßen der  Mode des 18. Jahrhunderts mit ihren Allonge-Perücken und weiten Roben Referenz, bringt über den Chor gelegentlich aber auch in schwarzen Fräcken gewandete Gestalten mit Hüten ein, die an surreale Bilderwelten eines René Magritte erinnern und damit dem mysteriösen Anstrich der Handlung Ausdruck geben.  Tatsächlich wurde ja der reale schwedische, für seine Lebenslust berüchtigte, König Gustav III.  1792 auf einem Maskenball der Stockholmer Oper vor den Augen der Ballgesellschaft von dem maskierten Grafen Johann Jakob Anckarström angeschossen, nachdem er von Verschwörern in einem anonymen Brief davor gewarnt worden war.

Un ballo in maschera © GTG / Carole Parodi

Vor allem aber beschert dieser „Maskenball“ ein Fest der Sängerinnen und Sänger. Neben Vargas glänzt allen voran der Bariton Franco Vassallo in der Partie des Grafen Anckarström mit schlanker Stimmführung, großen Reserven und Wohllaut in allen Registern.

Mit der Russin Irina Churilova ist zudem eine sehr achtbare, kultiviert singende, mit einem warmem Timbre gesegnete Amelia  an Bord. Wie ihr Sopran in der entscheidenden Arie „Dell’ore mie fugaci“ („In meiner letzten Stunde“) in Größe erblüht, geht ans Herz. Und auch wenn man sie mit ihrer berühmten Landsfrau Anna Netrebko (noch) nicht auf eine Stufe stellen mag, die Töne von einer noch größeren Schönheit hervorbringt, so zeichnet sich doch klar der Trend ab, dass die Primadonnen für das italienische Fach derzeit zunehmend aus Osteuropa kommen, sei es nun aus Russland (Aida Garifullina, Elena Sementschuk), Bulgarien (Sonya Yoncheva), Georgien (Nino Machaidze), Litauen (Asmik Grigorian) oder Rumänien in Gestalt von Judit Kutasi, der Ulrica des Genfer „Maskenballs“. Auch sie trumpft in allen Registern ihres Mezzosoprans mit großem Volumen auf, singt überwiegend sehr glutvoll, gelegentlich allerdings mit etwas flackerndem Vibrato. Eine wunderbare Entdeckung bescherte nicht zuletzt Kerstin Avemo als androgyner Oscar, ein bezaubernd heller Sopran.

Un ballo in maschera © GTG / Carole Parodi

Das Orchestre de la Suisse Romande und der Chor des Grand Théâtre präsentierten sich unter der Leitung von Pinchas Steinberg mit dem gewohnten Elan aufwartend, ebenso in Hochform.

Zum unwillkürlichen Protagonisten auf der Premierenfeier wurde dann aber aus gegebenem Anlass doch Tobias Richter. Seit 2009 hat er die Geschicke der Genfer Oper geleitet und geht nun, wo es am schönsten ist. Uns, dem Publikum, wird er fehlen. Aber Ramón Vargas, der Ausnahmetenor, bleibt uns hoffentlich noch lange erhalten.

Kirsten Liese, 5. Juni 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeister.at

 

 

 

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