Musikgenuss auf höchstem Level

Foto: © Magali Dougados

Grand Théâtre de Genève, 28. Februar 2020

Giacomo Meyerbeer, Les Huguenots

von Jürgen Pathy

Chancen sollte man nutzen, wenn sie sich einem bieten – vor allem, wenn sie so selten sind. Mit „Les Huguenots“ bringt das Grand Théâtre de Genève ein Meisterwerk auf die Bühne, das in Genf vor rund neunzig Jahren zum letzten Mal aufgeführt wurde. Kein Wunder. Meyerbeers Grand Opéra zu stemmen, stellt ein jedes Opernhaus vor große Herausforderungen – finanziell als auch organisatorisch. Rund zwanzig Solisten, eine Schar an Statisten, ein überdimensionaler Chor und ein voll besetzter Orchestergraben sind vonnöten, um dieses opulente Spektakel, das rund vier Stunden dauert, überhaupt auf die Beine zu stellen. Damit das Ding zieht, wirkt und begeistert, erfordert es noch dazu eine handvoll hervorragender Gesangssolisten, einen umsichtigen Dirigenten inklusive großartigem Orchester. In Genf stehen zum Glück alle zur Verfügung. „Giacomo Meyerbeer, Les Huguenots,
Grand Théâtre de Genève, 28. Februar 2020“
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Entstaubt, entrümpelt, entstellt: Mozarts "Entführung aus dem Serail" in Genf

Foto: © GTG / Carole Parodi

„Mir persönlich ist der gute, alte, anachronistisch-barocke, von mir aus xenophob-sexistische Mozart dann doch hundert Mal lieber als der Murks einer politisch korrekten, zeitgenössischen Interpretation, in der die Moral der Geschichte dennoch fehlt.“

Grand Théatre de Genève, 24. Januar 2020

Die Entführung aus dem Serail. Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart.

von Charles E. Ritterband

Der Zufall wollte es, dass ich zwei Tage zuvor im Wiener Burgtheater der geräuschvollen Massakrierung von Goethes Faust – mit effektvollen pyrotechnischen Effekten, dröhnender Disco-Musik und großflächigen Eingriffen eines zeitgenössischen Textdichters ins Original – beigewohnt hatte. Der „Déjà-Vu-Effekt“ war also unvermeidlich, als ich kurz darauf im prachtvollen Genfer Grand Théatre die kreative Entrümpelung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ anschauen durfte. Im Burgtheater gab es allerdings eine Pause, die manche Zuschauer, wie auch ich selbst, zur Flucht ins nahegelegene Café Landtmann nutzten. „Wolfgang Amadeus Mozart, Die Entführung aus dem Serail,
Grand Théatre de Genève, 24. Januar 2020“
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Ramón Vargas, der Ausnahmetenor, bleibt uns hoffentlich noch lange erhalten

Foto: http://www.ramonvargas.com (c)
Tobias Richter verabschiedet sich als Intendant von der Genfer Oper

Grand Théâtre de Genève, 4. Juni 2019
Giuseppe Verdi, Un ballo in maschera

von Kirsten Liese

Es gibt derzeit nicht allzu viele Tenöre, die mit  knapp 59 Jahren noch jugendliche Strahlkraft und Schmelz aufzubieten vermögen. Entsprechend beeindruckt es, wie sich der Mexikaner Rámon Vargas in Genf präsentiert: Groß, machtvoll, rund und in allen Registern schlank und schön tönt seine Stimme in Giuseppe Verdis „Maskenball“. Noch dazu durchlebt er seinen Schwedenkönig Gustavo in seiner verhängnisvollen Liebe für Amelia, die Frau seines besten Freundes, ungemein berührend. Anflüge von Verschleiß? Fehlanzeige. Vargas ist noch stärker in Hochform als zuletzt in Wien, wo er den Gustavo im Herbst vergangenen Jahres sang und nur mäßige Kritiken bekam. Wer allerdings die Spitzen mit herrlichem Belcanto so mühelos erreicht, ist mit seiner Stimme und Karriereplanung sorgsam umgegangen. „Giuseppe Verdi, Un ballo in maschera,
Giuseppe Verdi, Un ballo in maschera, 4. Juni 2019“
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Der "Ring" in Genf: werknah und fantasievoll ...
und eine Reise wert

Foto: Götterdämmerung © GTG / Carole Parodi
Oper Genf / GRAND THÉÂTRE DE GENÈVE, 15. und 17. März 2018
Richard Wagner, Siegfried und Götterdämmerung

von Jacqueline Schwarz

Der erste starke Eindruck festigt sich nach der Halbzeit: Richard Wagners „Ring“, mit dem das Genfer Opernhaus nach seiner Sanierung wiedereröffnete, kommt in der Inszenierung von Dieter Dorn so werknah  und fantasievoll daher wie wenige andere Produktionen aus jüngerer Zeit. Einen großen Teil daran hat ein imposantes Ensemble an schwarz kostümierten, gesichtslosen Bewegungskünstlern (Einstudierung körperlicher Ausdruck: Heinz Wanitschek) und Puppenspielern (Marionetten-Konzeption: Susanne Forster und Stefan Fichert). Einige von ihnen machen mit flatterndem Tuch den Rhein, andere galoppieren mit Pferdekopf-Attrappen und wilder Mähne als Waltrautes Ross quer über die Bühne oder mimen im Fellkostüm den Bären, den Siegfried in der Schmiede mit sich führt. Mit dem Waldvögelchen, das Puppenspieler zusammen mit weiteren Vögeln wie Schmetterlinge an langen schwarzen Stäben bewegen, wird es auf der kargen schwarzdunklen Bühne bunt und poetisch. „Richard Wagner, Siegfried und Götterdämmerung,
Oper Genf / GRAND THÉÂTRE DE GENÈVE, 15. und 17. März 2018“
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Oper Genf: Wagner-Fans feiern Orchester und Dirigenten wie die Könige

Foto: © GTG / Carole Parodi, Oper Genf
Opéra de Genève / Oper Genf,
12. und 13. März 2019
Richard Wagner, Das Rheingold und Die Walküre

von Jacqueline Schwarz

Furchtlos, sichtlich bemüht, die eigene Wut zu unterdrücken und erhobenen Hauptes stellt sich Brünnhilde ihrem zornigen Gottvater Wotan: „Hier bin ich Vater, gebiete die Strafe“. Petra Lang hat sich in dieser Partie schon mehrfach als eine der Besten unserer Zeit empfohlen, ob 2013 in Marek Janowskis unvergessenem Berliner Wagnerzyklus oder 2018 im Dresdner „Ring“ unter Christian Thielemann. Stets groß, schlank und schön strahlt ihr Sopran in allen Registern.

© GTG / Carole Parodi

Psychologisch wirkt ihre Wunschmaid seit ihrem Rollendebüt vor sechs Jahren noch ausgereifter. Souveräner, energischer und trotziger noch tritt sie dem aufgebrachten, strengen Vater jetzt entgegen, nuancenreich spiegeln sich ihre Emotionen  in ihren Blicken und Gesten. In dem Isländer Tómas Tómasson hat sie an der Oper Genf einen kongenialen Partner zur Seite, der sein aus vertraglichen und moralischen Zwängen resultierendes Unglück glaubwürdig durchlebt und mit seiner starken Präsenz an so große Wotan-Darsteller wie John Tomlinson oder Albert Dohmen erinnert. Mit Ausnahme von Anja Kampe und Vitalij Kowaljow bei den Osterfestspielen Salzburg 2017 kommen mir keine anderen Sänger in den Sinn, die in den vergangenen Jahren in dieser Szene vergleichsweise tief berührt hätten. Was Lang und Tómasson hier aufbieten, wenn sie um ihre Positionen ringen, bis er, mit seinen Widersprüchen konfrontiert, schließlich einwilligt, die Lieblingstochter mit einem Feuerwall zu umgeben, den nur ein tapferer Held durchschreiten kann und sie sich in den Armen liegen und gar nicht mehr loslassen wollen, ist großes, packendes Theater. „Richard Wagner, Das Rheingold und Die Walküre,
Opéra de Genève / Oper Genf, 12. und 13. März 2019“
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