Wer kann in sich selbst das Gefühl der Liebe erzwingen? Niemand.

Jean-Baptiste Lully, Atys,  Grand Théâtre de Genève, Genf, 27. Februar 2022 PREMIERE

Fotos: (c) Gregory Batardon

Grand Théâtre de Genève, Genf, 27. Februar 2022 (Premiere)

Rezension Atys von Jean-Baptiste Lully

von Frank Heublein

Aviel Cahn, der Intendant tritt anfangs auf die Bühne. Das sind schlechte Nachrichten. Dieses Mal aber nicht im Zusammenhang mit der Oper Atys von Jean-Baptiste Lully, die heute, Sonntag den 27. Februar 2022 im Grand Théâtre de Genève, in Genf also, Premiere feiert.

Aviel Cahns Hände zittern vor Aufregung und Erregung beim Verlesen des Aufrufs gegen den Krieg, den Putins Russland gegen die Ukraine führt. Es erscheint mir, sie liegt begründet in der Last der unbedingten Notwendigkeit, sich mit diesem Krieg auseinanderzusetzen. Er geht uns alle an in der Welt. Einige wenige „Aufhören“ Rufe gibt es, als er die Schweizer aufruft, sich nicht hinter der Neutralität zu verbarrikadieren. Das Publikum erhebt sich. Das Orchester Cappella Mediterranea intoniert eine elegische Komposition eines ukrainischen Komponisten als Zeichen der Unterstützung der Ukraine.

Dieser Krieg wirkt in mir als Filter, emotional wie interpretatorisch. Er verändert meine Wahrnehmung des heutigen Abends. Ich finde Parallelen. Die Göttin Cybèle legt fest, dass Atys sie zu lieben hat. Ganz im Stil des absoluten Herrschers Ludwig XIV. („Der Staat bin ich“). Ganz im Stile Wladimir Putins, der festlegen und entscheiden will, was weltweit Wahrheit ist, was alles Russland zu gehört.

Dirigent Leonardo García Alarcón sagt im Programmheft: „Ce que je souhaite transmettre au public c’est à quel point cette œuvre peut émouvoir, même aujourd’hui, pour que l’âme du compositeur puisse revivre un moment entre les interprètes et les spectateurs.“ – „Was ich dem Publikum vermitteln möchte: wie sehr dieses Werk auch heute noch bewegen, die Seele des Komponisten wieder aufleben kann im Moment zwischen den Künstlern und den Zuschauern.“ (Programm S. 26, eigene Übersetzung mit Unterstützung von deepl.com)

Alarcón kann das Folgende so konkret nicht gemeint haben angesichts des Redaktionsschlusses, der zeitlich vor dem Russland-Ukraine-Krieg lag. Die göttliche absolutistisch-königliche heutzutage autokratisch genannte Bestimmung nicht nur von Ereignissen, von allgemeingültiger Wahrheit, sondern selbst von menschlichen Gefühlen schlägt fehl und endet im Fiasko. In der Oper Atys. Wenn ich die Geschichte betrachte: auch in der Welt, in der ich lebe. Atys wählt den Tod, da die Geliebte Sangaride tot ist.

Viele Ukrainer stellen sich heute einem übermächtig erscheinenden Aggressor entgegen. Sie fassen den Tod aus gefühlt tiefster Verbundenheit zu ihrem Heimatland ins Auge, sie werden nicht zur Landesliebe gezwungen. Welch schwerwiegender, endgültiger emotionaler Moment der Entscheidung. Auf rationaler Ebene sind diese beiden Dinge Oper und der Russland-Ukraine-Krieg nicht vergleichbar, auf emotionaler Ebene im Grad der verzweifelten Entschlossenheit schon.

Fotos: (c) Gregory Batardon

Es ist der entscheidende Widerspruch in der Göttin Cybèle, der die Geschichte tragisch enden lässt. Selbst zu lieben, wen sie will, zugleich dieses Gefühl anderen aufzwingen zu wollen. Und bei Zurückweisung gnadenlos infame Rache zu üben, weil sie die Macht dazu hat.

Es liegt für mich in der kompositorischen Anlage der Oper, der Zeit und der beauftragenden Umgebung des Königshofes Ludwig des XIV. begründet, dass selbst große tragische Momente musikalisch würdevoll klingen. Durch die royale Würde der musikalischen Komposition entwickele ich eine Distanz zum Stück, die nur im vierten Akt vollständig aufgelöst wird.

Das Orchester Cappella Mediterranea hält in jeder Sekunde des Abends atemberaubende Spannung. Dirigent Leonardo García Alarcón, der seine beindruckend große Armspannweite schwungvoll präzise einsetzt, lässt weder dem Orchester zum Verweilen noch dem Publikum zum Szenenbeifall Zeit. Eine großartige musikalische Leistung von höchster Qualität. In jeder Sekunde muss ich der Musik mit höchster Konzentration aufmerksam folgen, sonst verpasse ich etwas womöglich Entscheidendes.

Fotos: (c) Gregory Batardon

Die titelgebende Rolle des Atys singt Tenor Matthew Newlin. Die Rolle wird im Libretto als haute-contre, als „hoher Tenor“ bezeichnet. Seine Stimme ist präsent, kraftvoll, die hohe Lage hat er toll im Griff. Zuweilen wirkt seine Stimme etwas stählern auf mich. Das verstärkt in einigen leisen Passagen meine oben angesprochene emotionale Distanz. Seine Bühnenpräsenz und sein Spiel überzeugen mich vollständig im vierten Akt, gerade auch in den leisen liebenden Passagen mit Sangaride. Ich erlebe in seinem stimmlichen Ausdruck eine große Bandbreite von Emotionen.

Die Göttin Cybèle singt Sopran Giuseppina Bridelli. Sie zeichnet eine tragende volle klare Stimme aus. Die oben beschriebene emotionale Distanz verspüre ich auch bei Ihr. Die Offenbarung der Liebe Atys zu Sangaride verletzt sie emotional. Doch scheint mir die Verstärkung durch den ungehörigen Ungehorsam Atys, sie nicht zu lieben, entscheidender. Grausam kalt entschlossen. Diese Gefühlskälte singt sie erschreckend gut im fünften Akt. Das Leben Sangarides wird ein Spielball Ihrer Rache. Sie lässt Atys umnebeln, raubt ihm die Sinne. Auf das er selbst die Geliebte Sangaride tötet.

Fotos: (c) Gregory Batardon

Sopranistin Ana Quintans als Sangaride gerät ins Spannungsfeld der Erwartungen, welches ausgelegt wird von der Göttin Cybèle, König Cénélus, Ihrem Vater Flussgott Sangar. Sogar vom Geliebten Atys, der wie Sangaride ebenfalls verstrickt ist ins Netz vergleichbarer Erwartungen, den höher gestellten Personen zu entsprechen, deren Liebe zu erwidern. Ana Quintans verleiht mit Ihrem weichen, schmeichelnden Sopran der Rolle vibrierend emotionalen leidenden wie leidenschaftlichen Ausdruck der auf mich überspringt.

Im vierten Akt verändert sich die Beziehung zwischen Atys und Sangaride hochdynamisch. Zu Anfang des Aktes wissen Sie um ihre gegenseitige Liebe. Zugleich werden beide zur Liebeserwiderung aufgefordert. Die Göttin Cybèle verlangt die Liebe des Atys, Cénélus die der Sangaride. Beide versuchen anfangs dem aufgezwungenen Willen entsprechen. Die beiden verbiegen sich, betrügen sich gegenseitig. Einerseits um dem göttlichen oder royalem Willen zu folgen. Andererseits um dem oder der Anderen die scheinbar richtige Entscheidung leichter zu machen. Tänzerpaare schwingen sich gegenseitig an einem über den Bühnenboden geworfenen Seil. Sinnbild des Versuchs der beiden, dem Willen der Mächtigen zu entsprechen.

Doch wer kann schon in sich selbst das Gefühl der Liebe erzwingen? Ihre Gefühle füreinander sind zu stark. Sie entflammen musikalisch wie sängerisch! Atys und Sangaride finden wieder zueinander, stärken das gemeinsame Band. Als König Cénélus mit Vater Sangar und einer ganzen Schar weiterer Unterstützern Druck auf Sangaride ausübt, beansprucht Atys sie im Namen der Cybèle und rettet sie aus der mit eindrucksvoll sängerischen Engelszungen erzwungenen „liebe und heirate mich – jetzt!“ Situation.

Fotos: (c) Gregory Batardon

Angelin Preljocaj verantwortet Regie und Choreografie. Er lässt Sänger und Sängerinnen zum Teil tänzerische Bewegungen vollführen. So werden diese durch Tänzer und Tänzerinnen in einigen Passagen gespiegelt in ihren Bewegungen. In Duetten fällt es mir zum Teil schwer, Sängern und Tänzern gleichzeitig meine Aufmerksamkeit zu schenken. Ich bedaure in diesen Momenten, dass ich entweder die Eleganz des Tanzes oder die physische Expression der handlungstragenden Stimmen verpasse und will doch beides in mir aufnehmen. In Chor-Massen-Szenen funktioniert die Verschmelzung zu einem Eindruck von Gesang und Tanz in mir besser. Atemberaubend fließend, mächtig als homogene fließende Bewegung der Gruppe tanzt das Corps du Ballett die im vorherigen Absatz erwähnte Aufforderung des Königs und seiner Unterstützer. Diese Verschmelzung erzeugt starke emotionale zugleich ambivalente Resonanz in mir. Denn was ich sehe und höre, ist beeindruckend schön. Zugleich wird Sangaride unglaublich unter Druck gesetzt. Insgesamt geht Angelin Preljocajs Konzept der Verschmelzung der Kunstformen für mich auf. Es intensiviert in mir die Handlung und den jeweiligen Ausdruck der Gefühle.

Fotos: (c) Gregory Batardon

Prune Nourry erstellt spannende sehr flexible Bühnenaufbauten. So zeigt die vollflächige hohe dicke Mauer aus weißen Steinen schnell Risse, die aussehen wie von Wurzeln geschlagen. Aus denen winden sich Tänzer auf die Bühne. In der Mitte wird ein Teil „herausgebrochen“. Die Wand selbst verschiebt sich ineinander und gewinnt so eine Stufe, auf der die Tänzer agieren. Im zweiten Teil ist die Bühne dunkel schwarz, die Liebe Atys und Sangarides wird überschattet. Im finalen Akt wird der tote Atys an den Fuß eines Baumes gelegt, der sich zum Lebensbaum entfaltet. So findet die Bühne selbst zurück zu den Wurzelrissen im Mauerwerk im ersten Teil. Die Veränderung der Bühne ist ein Spiegelbild der Handlung. Zeigt Veränderung, Auflösung von Gewissheit, Verschärfung der Situation und was Liebe anstellt: sie durchbricht wie Wurzeln menschliches Mauerwerk.

Jeanne Vicérial Kostüme sind kontrastiert Weiß-Schwarz oder pastellfarben. Besonders finde ich die Ideen für das Ballett. Mal hauteng ganzkörperschwarz sich aus Schatten herausschälend. Mal fließen sie Streifen-Kostümelemente wie Flüssigkeit über die Körper der Tänzer und Tänzerinnen. Toll!

Die finale Klage der Göttin, ihre Liebe Atys an den Tod verloren zu haben, ist Mahnung. Dazumal für den König Ludwig XIV., an diesem Abend insbesondere für den Machthaber Putin stellvertretend für die Machtgierigen auf dieser Erde: die Liebeserwiderung bei Mitmenschen erzwingen zu wollen, sich für Nichterwiderung blindlings, krass und unumkehrbar zu rächen – das endet im verzweifelten Drama und Zerstörung, die alle betreffen.

Frank Heublein, 02. März 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Programm

Atys, Tragédie lyrique von Jean-Baptiste Lully (1632-1687)

Besetzung

Atys Matthew Newlin
Cybèle Giuseppina Bridelli
Sangaride Ana Quintans
Cénélus Andreas Wolf
Idas Michael Mofidian
Doris Gwendoline Blondeel
Mélisse Lore Binon
Le sommeil Nicholas Scott
Morphée Valerio Contaldo
Le temps Luigi De Donato
Le fleuve Sangar Luigi De Donato
Flore Lore Binon
Iris Gwendoline Blondeel
Melpomène Marta Fontanals-Simmons
Zéphir Nicholas Scott
Phobétor Michael Mofidian
Dieu de Fleuve Valerio Contaldo
Phantase José Pazos

Regie und Choreografie Angelin Preljocaj
Bühne Prune Nourry
Kostüme Jeanne Vicérial
Licht Eric Soyer
Dramaturgie Gilles Rico
Choreinstudierung Alan Woodbridge
Dirigent Leonardo García Alarcón
Orchester Cappella Mediterranea
Ballet du Grand Théâtre de Genève

DVD-Rezension: Jean-Baptiste Lully, Atysklassik-begeistert.de

Giacomo Meyerbeer, Les Huguenots, Grand Théâtre de Genève, 28. Februar 2020

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Entführung aus dem Serail, Grand Théatre de Genève, 24. Januar 2020

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