Haupteingang der Kölner Philharmonie mit Kölner Dom © KölnMusik/Guido Erbring
Mit „galaktischer“ Musik lädt das Gürzenich-Orchester Köln in die Kölner Philharmonie. Das Programm: eine bunte Mischung aus Musik des
20. Jahrhunderts. Dass aber Vieles nicht nach Plan laufen wird, macht schon vor Konzertbeginn die Nachricht deutlich, derzufolge der eigentlich vorgesehene Dirigent Harry Ogg ausfällt. Ist es da Glück im Unglück, dass mit dem Franzosen Ludovic Morlot (52) ein Ersatz gefunden wurde, der immerhin keine Programmänderungen nötig macht?
Gürzenich-Orchester Köln
Frauenchor der Hochschule für Musik und Tanz Köln
Philipp Ahmann, Einstudierung
Ludovic Morlot, Dirigent (in Vertretung für Harry Ogg)
Renaud Capuçon, Solist
Thomas Adès – Three-piece Suite from Powder Her Face (Suite No. 1) für großes Orchester
Samuel Barber – Konzert für Violine und Orchester op. 14
Gustav Holst – „Die Planeten“ – Suite für großes Orchester op. 32
Zugabe:
Richard Strauss – Daphne-Etude, TrV 272b
Kölner Philharmonie, 7. März 2026
von Daniel Janz
Manche Musik fängt den Zeitgeist erschreckend genau ein
Das erste Werk hätte man jedenfalls getrost austauschen können. Thomas Adès’ „Three-piece Suite“ Nr. 1 ist so unstetig wie wirr. Ihre Form verweigert konsequent jegliche Wiedererkennbarkeit. Die „Musik“ quakt und grunzt wie ein vor sich hintorkelnder Betrunkener daher. Kaum stellt sich ein Eindruck ein, löst ein neuer ihn ab. Als würde einen beim Scrollen am Handy alle paar Sekunden ein Pop-Up belästigen, meint die Sitznachbarin des Rezensenten. Ob das Publikum deshalb nach dem ersten Satzes klatscht, als wäre die Suite zuende? Immerhin stellt sich in Satz 2 durch hibbelige Schlagzeugeffekte so etwas wie ein wiedererkennbarer Rhythmus ein.
Ganz anders stellt sich Samuel Barbers Violinkonzert dar. Was die Musik von Adès an Eingängigkeit vermissen lässt, kompensiert dieses Werk fast über. Barbers Suche nach Schönheit in den Klängen wird wunderbar von dem Solo-Violinisten Renaud Capuçon (50) aus Frankreich eingefangen, der seine Violine in Abwechslung zu versöhnlichen Klavierklängen und sanften Einwürfen des Horns zum Singen bringt.

Der erste Satz dieses 1939 komponierten Auftragswerks klingt sogar noch nach dem Konzert nach. Zwischen seinen hoffnungsvoll schmachtenden Klängen und lebhaften Ausbrüchen mündet er stets wieder in sein Hauptthema. Ob Barber hier bereits den zweiten Weltkrieg antizipierte? Auch der dritte Satz, in dem Capuçon atemberaubend schnell über sein Instrument rast, entfaltet pure Dramatik. Kein Wunder, dass dieses Werk in den USA so beliebt ist. In Deutschland dürfte es auch gerne öfter erklingen.
Ein besonderes Juwel melodischer Schönheit findet sich im zweiten Satz, als die Oboe ein zartes Solo anstimmt. Leider aber schießt hier das Publikum quer – nahezu das komplette Solo wird durch einen nervigen Handyklingelton verbimmelt, als hätte jemand Adès Musik als Handlungsauftrag missverstanden. Die ganze Schönheit des Satzes: der Ignoranz einer Person geopfert. Immerhin kann Capuçon den Schaden durch Zugabe der Daphne-Etude von Richard Strauss teilweise wiedergutmachen. Wie auch schon zwischen den Sätzen erntet er dafür am Ende begeisterten Applaus.
Was macht den Unterschied zwischen gut und hervorragend?
Mit Gustav Holsts bis heute einflussreicher Komposition über „Die Planeten“ geht es nach der Pause in die Vollen. Das Orchester startet unter Ludovic Morlot auch gut. Am besten gelingen die Planeten „Merkur“, „Saturn“ und „Uranus“. Dabei wird es vor allem eine Suite der Sololeistungen. Glänzen kann beispielsweise das Euphonium im erstens Satz „Mars“. Die Solos des Horns im zweiten Satz „Venus“ strahlen voller Anmut und die erste Violine zeigt gleich in mehreren Sätzen ihre Qualität. Neben den feinen Streichern, die einzig im Bass etwas schwächeln, faszinieren besonders die Harfen und Celesta. Und das Schlagzeug ist zu jedem Einsatz ein Genuss, besonders der „Uranus“ wird durch sie zum Erlebnis. Im Holz überzeugen Fagotte und Flöten am meisten. Und auch die Bassoboe fällt mit den Flöten im „Saturn“ positiv auf.

Das geschulte Ohr bemerkt aber auch, dass Morlot für den letzten Schliff wohl Probenzeit gefehlt hat. Denn neben den Vorzügen dieser Aufführung macht sich eine ungünstige Balance zwischen den Instrumentengruppen und besonders im Blech bemerkbar. So stechen die Trompeten regelmäßig hervor. Da, wo sie die Melodien führen, ist das phänomenal stark. Doch da, wo sie im Hintergrund bleiben sollten, decken sie oft andere Gruppen, vor allem das Holz und die heute im Tutti etwas zurückhaltenden Hörner, zu. Gleiches gilt für die Bassposaune, die viele ihrer Einsätze sehr laut ins Tutti reinknarrt und dadurch andere Instrumente überlagert.
Der ärgerlichste Fehler ist gleich zu Beginn, als sich die Orgel im Satz „Mars“ verzählt und zu früh losdonnert. Es folgt große Verwirrung im Orchester bis zum Dirigierpult. Dass alle Beteiligten den Satz trotzdem einigermaßen souverän abschließen, ist ein kleines Kunststück. Das Publikum scheint das Malheur auch zu überhören, wie dessen erneuter Zwischenapplaus zeigt. Generell klatscht es nach nahezu jedem Satz. Als ob dieses Verhalten zu den Stücken davor nicht lästig genug war. Warum kann man die Musik nicht einfach einmal ausklingen lassen?

Das Publikum bleibt heute bis zum Schluss eine Zumutung
Ein Konzert störungsfrei aufzuführen, ist in Köln aber wohl sowieso zu viel verlangt. Ausgerechnet bei den sehr leisen Schlusstönen des wunderbar klaren Frauenchors geht es im „Neptun“ wieder los: Brrr, Tralala und Ring – Ding – Klingeling! Als hätten Teile des Publikums kollektiv den Wecker gestellt, bimmeln gleich mehrere Handys das sphärische Finale kaputt. Zum Heulen! Dieses Publikum lernt es wohl nie!
Damit endet ein Konzert, das sehr unter den Umständen zu leiden hatte. Nicht alles ist den Künstlern anzurechnen, die in großen Teilen Stehende Ovationen ernten. Aber auf das Publikum bezogen war dieser Abend eine Zumutung und Zeichen dafür, dass es in Köln vor dem Konzert wohl Ansagen zum Wahren einer gewissen Etikette braucht. Dieses flegelhafte Verhalten bedroht sonst noch den Genuss an der Musik. Und ist Genuss nicht der Grund, ins Konzert zu gehen? Damit das in Zukunft noch gelingt, braucht es nicht nur musikalische Qualität, sondern auch ein Publikum, bei dem sich die Musik entfalten kann. Gerade Letzteres ließ heute zu wünschen übrig.
Daniel Janz, 9. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru, Kian Soltani, Solist Kölner Philharmonie, 23. Januar 2026
Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3 d-Moll, Mahler Chamber Orchester Kölner Philharmonie, 8. Februar 2026