Würden die Wunder unserer Welt immer so klingen, der Mensch hätte die Erde längst gerettet

Gürzenich-Orchester Köln, Simone Menezes, Dirigentin  Kölner Philharmonie, 4. November 2025

Amazonia © Sebastião Salgado

Gürzenich-Orchester Köln
Simone Menezes, Dirigentin

Camila Provensale, Sopran

Sebastião Salgado (†), Fotografien

Heitor Villa-Lobos – Bachianas Brasileiras Nr. 4, Prelúdio (Introdução) – Lento, W424, 1941/42
Philip Glass – Águas da Amazônia, daraus Metamorphosis I, 1993-1999/2016
Heitor Villa-Lobos – Suite aus Floresta do Amazonas, 1958

Kölner Philharmonie, 4. November 2025

von Daniel Janz

Großevent in der Kölner Philharmonie! Flyer, Plakate und Pressemitteilungen versprachen bereits seit geraumer Zeit einen musikalischen Leckerbissen. Nicht nur stand mit dem Titel „Amazônia“ bereits seit Monaten ein Programm fest, das in eine uns ferne Welt entführen will. Auch hat man den Mut bewiesen, mit Heitor Villa-Lobos endlich einmal einen Komponisten aufzugreifen, der hier so gut wie nie erklingt. Das lässt bereits im Vorfeld eine atemberaubende Erfahrung erwarten. Oder wenn man nach der furchtbar neugestalteten Homepage der Philharmonie geht: ein „Crossover“ mit „Entdeckungen“, das „#inspirierend“ ist und „Brücken bauen“ will.

Heitor Villa-Lobos ist ein Name, den in Deutschland bestenfalls Experten kennen. Obwohl dieser brasilianische Ausnahmekomponist ein unglaublich reiches Schaffen hinterließ, sind Aufführungen seiner Musik hier singuläre Events. Möglicherweise hat der Abend heute aber einen Schritt zur Änderung dieses Umstands getan? Mit zwei seiner Werken und dem Minimalisten Philip Glass im Gepäck hat die italienisch-brasilianische Gastdirigentin Simone Menezes (48) nämlich ein ganz besonderes Geschenk für den heute fast ausverkaufte Saal am Rhein mitgebracht.

Ein Hauch Südamerika weht durch den Saal

Das erste Werk gleicht einer Elegie. Die rein von Streichern getragene Bachianas Brasileira Nr. 4 illustriert einen musikalischen Gedanken voller Sehnsucht. Schnell führt dieses Thema auf einer Reise durch die Tonarten bis in schwindelerregende Höhen der Violinen. Auch Konzertmeister und Gast Filip Saykov (27) beeindruckt, wie er mit seinen Soli aus dem Streicherchor heraussticht. Mit fast übertriebener Gestik provoziert er auch den letzten Funken Ergriffenheit zu einem Werk, das auch so zum Schwelgen einlädt. Und obwohl sich das Thema bis zum Ohrwurm wiederholt, überrascht das Ende. Insgesamt ein gut pointiertes und fabelhaft gespieltes Stück!

Das Werk von Philip Glass offenbart sich indes als harmoniearm. Für dieses Stück über den Amazonas suchte Glass einst Inspiration in der brasilianischen Volksmusik. Trotz fehlender harmonischer Abwechslung bereichert diese Orchesterversion Ohr und Auge aber genug. Wie die vielen Wiederholungen mit Klangfarben, Effekten und Details gespickt werden, hat Unterhaltungscharakter. Es ratscht, es tost, schrubbt, knistert, rattert und rumst in endlosen Variationen zum Motiv der Flöten und Trompeten. Ständig bäumt sich das Orchester auf, nur um abzubrechen und wieder von vorne zu beginnen. Als hätte Bruckner einen neuen Boléro komponiert und wäre von Strawinsky revidiert worden… das kennt man auch von Wojciech Kilars Musik.

 

Mit Bild und Gesang entsteht der Amazonas im Konzertsaal

Hauptwerk des Abends ist aber die audiovisuelle Produktion Amazônia. Nach den Worten von Dirigentin Simone Menezes ging diesem inzwischen international erfolgreichen Projekt eine siebenjährige Vorbereitung voraus. Dabei ende es (in ihren Worten) nie, sondern ändere sich lediglich in Anbetracht vom Vermächtnis des kürzlich verstorbenen Sebastião Salgado (23. Mai 2025). Dieses Konzert sei nämlich das erste seit dem Tod des Fotografen. Umso mehr bewegt Salgados Videobotschaft, in der er mahnende Worte zur Rettung des Regenwaldes an die Nachwelt richtet.

Zur Untermalung seiner (aktuell auch im Rautenstrauch-Joest Museum in Köln ausgestellten) Naturfotografien erklingt die von Menezes zusammengestellte Suite aus der Musik von Heitor-Villa Lobos. Obwohl diese Musik einst für den Hollywood-Film Tropenglut (orig.: „Green Mansion“) entstand, bietet sie wenig eingängige Melodien. Stattdessen ist sie deskriptiv, wirkt oft szenisch und klangmalerisch. Da ertönen Vogellaute, das Orchester bricht aus, immer wieder erklingen intime Szenen mit Gitarre, Klavier und Celesta und über allem schweben Salgados Fotografien.

Zum reinen Musikgenuss fehlt hier der rote Faden, insofern ist die optische Ergänzung willkommen. So wird aus dem hörbaren Gewusel eine bildliche Darstellung der Wunder im Amazonasbecken voller atemberaubender Szenen. Im „Tanz der Krieger“ unterstreichen die Fotos die Majestätik der Tropen, im „Tanz der Natur“ begegnen einem indigende Regenwaldbewohner als menschliche Zeugen dieser Welt und die Fotografien zu „Auf dem Weg zur Jagd“ vermitteln zur aufreibenden Musik einen bemerkenswerten Eindruck des Lebens in der Natur.

Derweil verleiht die italienisch-brasilianische Sopranistin Camila Provensale dem Ganzen insbesondere in den Abschnitten „Segelboote“, „Liebeslied“ und „empfindsame Melodie“ ihre Stimme. Der Rezensent empfindet ihren Beitrag allerdings als störend. Denn der portugiesische Text bzw. seine Übersetzung werden nicht zu den Bildern eingeblendet, sondern sind nur im Programmheft nachzulesen, was sehr vom Bühnengeschehen ablenkt. Des Weiteren lassen Textverständnis und Ausdruck der Diva Wünsche offen; es entsteht der Eindruck, dass sie zu oft auf den Vokalen verharrt, aber die restlichen Silben verschluckt. Ergreifen kann der Gesang daher nur an wenigen Stellen, so zum Beispiel in der letzten Zeile vom „Liebeslied“.

Nach dem dramatischen Epilog, der als erster und letzter Part dieser Suite auch ein musikalisches Wiedererkennungsmoment bietet, überwiegen aber die positive Eindrücke. Auch wenn der Rezensent etwas distanziert vor diesem Werk sitzt, reißt es fast das gesamte Publikum zu einem furiosen Abschlussapplaus aus den Stühlen. Der Pathos dieser Musik zu den bewundernswerten Fotografien Salgados ergibt deutlich eine Mischung, die viele Menschen erreicht. Und für so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt unseres Planeten gibt es letztendlich doch kein schöneres Ergebnis.

Daniel Janz, 6. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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