Foto: Mariangela Sicilia come Desdemona (Otello) 2022 TCBO (c) Andrea Ranzi – Teatro Comunale di Bologna
Die Sopranistin Mariangela Sicilia hat unlängst an der Hamburgischen Staatsoper ihr Debut als Maria Stuarda in Gaetano Donizettis gleichnamiger Oper gegeben. Wir haben angelegentlich über Regietheater, schwerste Beleidigungen und Pop-Kultur gesprochen. Gleich zu Beginn habe ich die Italienerin gefragt, wie viel Selbstbeherrschung ihr italienisches Temperament erlaubt….
Jörn Schmidt im Gespräch mit Mariangela Sicilia, Teil II
klassik-begeistert: Unrein, Bastard, Dirne… Maria Stuarda konnte ganz schön austeilen. Ist das Frauenbild, das Donizetti hier zeichnet, noch zeitgemäß?
Mariangela Sicilia: Das Zitat muss ich geraderücken, in den Kontext der Geschichte stellen. Maria war als Königin verraten, abgesetzt und eingekerkert. Eine absolute Grenzsituation, sie war am Ende ihrer Kräfte. Der einzige Weg in die Freiheit war, vor Elizabetta niederzuknien und um Gnade zu flehen. Nach dieser Geste der Unterwerfung sah sie sich öffentlich provoziert und beleidigt. Ihr verbaler Ausbruch war nicht nur Wut: Es war verletzter Stolz… besser, sie wollte ihre Würde zurück.
klassik-begeistert: Wie hätten Sie in solch einer Situation reagiert?
Mariangela Sicilia: Ehrlich gesagt, ich hätte nicht einmal die Hälfte von Elizabettas Beleidigungen ertragen können, geschweige denn nach einer solchen Demütigung.

klassik-begeistert: Wie stehen Sie zum Regietheater? Wenn also ein Regisseur Maria Stuarda einen anderen Charakter verordnet und die Handlung auf links dreht…
Mariangela Sicilia: Ich stehe dem offen gegenüber. Ein Regisseur hat das Recht und vielleicht sogar die Pflicht, eine Oper zu hinterfragen, eine neue Perspektive zu eröffnen und Spannungen herauszuarbeiten, die heute anders wirken als im 19. Jahrhundert. Solange die neue Lesart das Ergebnis ernsthafter Auseinandersetzung mit Partitur und Libretto ist.
klassik-begeistert: Also hat alles seine Grenzen?
Mariangela Sicilia: Würde ich meinen. Verändert man die Figur der Maria Stuarda radikal und ignoriert dabei Gaetano Donizettis Musik, entsteht ein Bruch. Die Partitur skizziert bereits einen präzisen psychologischen Verlauf: Stolz, Demütigung, Ausbruch, Transzendenz. Das alles kann man nicht einfach auf den Kopf stellen, ohne mit der musikalischen Struktur in Konflikt zu geraten. Gerade bei historischen Opern wie Maria Stuarda kann Regietheater tatsächlich schnell mal in die Hose gehen….
klassik-begeistert: In der aktuellen Hamburger Inszenierung von Gaetano Donizettis Tragedia Lirica droht das aber nicht?
Mariangela Sicilia: Definitiv nicht: Es handelt sich um eine moderne, stilisierte, symbolische Inszenierung, die dennoch die Beziehungen zwischen den Figuren und das Zusammenspiel von Text und Partitur voll und ganz widerspiegelt.

klassik-begeistert: Zurück zu Mina, hören Sie ihre Alben heute immer noch?
Mariangela Sicilia: Ja, natürlich. Und nicht nur das. Ich höre generell sehr gerne Popmusik. Wie jeder echte Italiener freue ich mich auf das Sanremo-Festival. Das ist jedes Mal eine verrückte Woche voller Klatsch und Tratsch rund um die Welt der sog. Unterhaltungsmusik.
[Anm. Jörn Schmidt: Das Festival della Canzone Italiana ist der bedeutendste und älteste Popmusikwettbewerb Italiens und gilt als Anregung zur Ausrichtung des Eurovision Song Contests]
klassik-begeistert: Könnte man sagen, ein gut gemachtes Chanson oder auch ein intelligenter Pop-Song, das ist im Grunde eine Miniatur-Oper?
Mariangela Sicilia: Wenn der Song gut gemacht ist… Das Publikum liebt Musik, die eine Geschichte erzählt – gleich ob Oper, Chanson oder Pop. Der Hörer erkennt desgleichen authentische Komplexität. Popmusik ist ja nicht per se ohne jeden Anspruch. Sondern sie ist erst dann von geringer Qualität, wenn sie zu Formeln, Wiederholungen und harmonischer sowie textlicher Banalität verkommt.

klassik-begeistert: Dann müsste eigentlich jeder Hörer von Pop-Musik irgendwann den Weg zur Oper finden?
Mariangela Sicilia: Das könnte funktionieren – wenn Oper es schafft, etwas zu vermitteln.
klassik-begeistert: Hat umgekehrt die Oper Eingang in die Pop-Kultur gefunden?
Mariangela Sicilia: Das wohl bekannteste Beispiel ist Bohemian Rhapsody von Queen, geschrieben von Freddie Mercury. Den Plattenbossen galt der Song als zu lang, zu komplex, zu überladen, zu fragmentiert. Irgendwie zu „seltsam“, absolut nicht radiotauglich…
klassik-begeistert: Wieso erwies sich dies als Fehlurteil?
Mariangela Sicilia: Der Song wurde aus meiner Sicht gerade deshalb ein außergewöhnlicher Erfolg, weil er eine Struktur aufweist, die einer Oper vergleichbar ist – komprimiert auf wenige Minuten Spielzeit. Bohemian Rhapsody ist ein perfektes Beispiel dafür, dass ein Pop-Song eine kleine Oper im Miniaturformat sein kann.

klassik-begeistert: Sind Sie das erste Mal in Hamburg, wie gefällt es Ihnen hier?
Mariangela Sicilia: Ja, ich bin tatsächlich das erste Mal hier. Es ist eine sehr stimmungsvolle Stadt. Ich fühle mich hier außerordentlich wohl, bin oft unterwegs, besuche Museen und mache Spaziergänge – soweit es die Temperaturen zulassen… Jetzt, im Februar, diese Kälte, die bin ich nicht gewohnt.
klassik-begeistert: Elbphilharmonie und die Hamburger Kunsthalle haben Sie bereits besucht, was möchten Sie in Hamburg unbedingt noch erleben?
Mariangela Sicilia: So vieles… Ich möchte unheimlich gerne bei wärmeren Temperaturen zurückkehren und eine Bootstour machen. Hamburg vom Wasser aus muss noch viel faszinierender sein. Und ich möchte durch den Alten Elbtunnel gehen, das, muss ein ganz besonderes Erlebnis sein.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jörn Schmidt, 24. Februar 2026, für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Giacomo Puccini, La Bohème Macerata Opera Festival, 11. August 2024