Christian Thielemann: „Es ist sehr beflügelnd, mit dem Orchester zu arbeiten“

Interview mit Christian Thielemann von Kirsten Liese   klassik-begeistert.de, 4. Mai 2023

Foto: © Matthias Creutziger

Interview mit Christian Thielemann von Kirsten Liese

Christian Thielemann über seine  letzte Spielzeit in Dresden, die Sächsische Staatskapelle und seine vorerst letzten Meistersinger

Nachdem er krankheitsbedingt die von ihm wiederbelebten Strauss-Tage in Dresden abgesagt hatte, kehrt der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle für  drei Vorstellungen der Meistersinger am 7., 10. und 14. Mai ans Pult der Semperoper zurück. Zu erleben ist die Wiederaufnahme der Salzburger Osterfestspielproduktion von 2019 in teilweise neuer Besetzung. Zwischen den Proben fand sich Zeit für ein Gespräch mit Kirsten Liese.

Kirsten Liese: Nach einer krankheitsbedingten Pause kehren Sie am Sonntag  ans Pult der Sächsischen Staatskapelle für die Meistersinger zurück. Haben Sie eigentlich die Strauss-Tage, die Sie leider absagen mussten, aus der Ferne verfolgt?

Christian Thielemann: Nein, dazu reichten meine Kräfte nicht aus. Wenn man nicht da ist, ist man halt nicht da.

Kirsten Liese: Wie ist es nach so langer Abwesenheit, wieder mit dem Orchester zu arbeiten?

Christian Thielemann: Wenn ein Stück längere Zeit nicht gespielt wurde, gibt es  einiges zu tun. Das sind ja sehr schwere Stücke. Heute erlebte ich eine traumhafte Probe von überwiegenden Teilen des dritten Aktes und vom Vorspiel. Der Kontakt mit dem Orchester ist ungebrochen schön.

Kirsten Liese: Bei den Strauss-Tagen wurden Sie schmerzlich vermisst. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass man in Dresden deutlich zu spüren bekam, was man an Ihnen hat. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob das vorher der Fall war, sonst hätte man doch sicherlich alles dran gesetzt, Sie an diesem Ort zu halten.

Christian Thielemann: …doch, doch, wir haben ja beim Publikum immer einen unglaublichen Erfolg gemeinsam gehabt. Es ist sehr beflügelnd, mit dem Orchester zu arbeiten. Wir haben jetzt so schön die Meistersinger wieder eingefahren und großartige Sänger. Aber Sie müssen halt immer viel arbeiten, das konnte ich schon in meiner Assistentenzeit bei Karajan miterleben. Damals war er schon über 20 Jahre Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, da hätte man annehmen können, da sei alles flott gelaufen. Ich erinnere mich aber, dass er in Salzburg im Parsifal und im Holländer sehr intensiv geprobt hat, an der Durchhörbarkeit und der Dynamik. Ich glaube, das ist ein immerwährender Prozess. Das ist eigentlich auch spannend, dass man immer wieder die Dinge, die man schon gesagt hat, nochmal sagt, um sie in Erinnerung zu bringen, zumal wenn neue Kollegen im Orchester sitzen. Seit den letzten Aufführungen der Meistersinger gibt es schon wieder so manche Neuankömmlinge und solche, die dieses Stück noch nicht gespielt haben, da haben Sie dann als Dirigent das Vergnügen, die einzuweisen.

Kirsten Liese: Jetzt bewegen Sie sich auf Ihre letzte, im Juli 2024 endende Spielzeit in Dresden zu. Ist es ein Zufall, dass Sie vor Ihrem Weggang  Ihre Lieblingsstücke auftischen: die Meistersinger, Tristan und Die Frau ohne Schatten, die dann den Abschluss bildet?

Christian Thielemann: (lacht) Das sieht vielleicht so aus, aber diese Programmgestaltung hat mit meinem Scheiden nichts zu tun.  Die Frau ohne Schatten  plant man nicht kurzfristig, und auch den Tristan hatte ich mit Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt schon vor etlichen Jahren angedacht. Das sieht wie geplant aus,  ist aber in diesem Fall tatsächlich ein Zufall.

Man fragt sich, was wäre jetzt dran, und  im Orchester regte sich der Wunsch, in Erinnerung einer sehr schönen musikalischen Einstudierung unter Giuseppe Sinopoli vor längerer Zeit, mal wieder Die Frau ohne Schatten  zu spielen. Aus dem Orchester kam auch die Frage, warum machen wir nicht den  Tristan, und da habe ich gedacht, eigentlich stimmt das, den sollte ich hier doch wenigstens einmal gemacht haben.

Kirsten Liese: Einige Stücke haben Sie in den vergangenen Jahren mehrfach  an verschiedenen Orten dirigiert, insbesondere den  Lohengrin. Die Frau ohne Schatten kommt jetzt im nächsten halben Jahr gleich zwei Mal hintereinander, erst in Wien, dann in Dresden,  den Ring haben Sie ebenfalls mehrfach hintereinander dirigiert, zweimal in Berlin als Einspringer für Daniel Barenboim, im Januar dann in Dresden. Wie sieht es denn mit den Meistersingern aus: Bringen Sie die demnächst noch anderswo oder sind das vorerst die letzten drei Aufführungen dieses Stücks?

Christian Thielemann: Das haben Sie gut beobachtet, manchmal kommt es zu solchen Ballungen. Der Lohengrin steht demnächst auch irgendwann noch in Wien an, wo ich ihn übrigens noch nie dirigiert habe, die  Meistersinger habe ich aber nach den drei Vorstellungen in Dresden nicht mehr auf dem Programm, den Ring dann 2024 wieder in Mailand, wo ich bislang noch nie Oper dirigiert habe. Den Tristan hatte ich eigentlich gar nicht mehr vor, den habe ich nach Dresden auch überhaupt nicht mehr auf dem Programm. Mit der Frau ohne Schatten werde ich nach Dresden auch mal wieder pausieren.

Diese Ballungen von manchen Stücken haben mit der Nachfrage zu tun. Und in Wien war es so, dass ich darum gebeten habe, mich mit der Wiederaufnahme der Frau ohne Schatten zu betrauen, bevor andere Kollegen womöglich in das Material Einzeichnungen vornehmen, die sich dann nicht mehr entfernen lassen.

Kirsten Liese: Das macht natürlich diese drei Meistersinger-Aufführungen kostbar, weil man sich fragt, wann die dann mal wieder unter Ihrer Leitung zu erleben sein werden, zumal in einer vergleichsweise ansprechenden Inszenierung wie der von Jens-Daniel Herzog, auf die wir gleich nochmal zu sprechen kommen.

Sowohl die  Meistersinger als auch Die Frau ohne Schatten werden zu meinem Ärger – Ihrem wahrscheinlich auch – immer wieder mit Vorurteilen belastet. Über die Strauss-Oper heißt es, sie sei angeblich frauenfeindlich, die Meistersinger sind vermeintlich „nationalistisch“…

Christian Thielemann: Sie haben völlig Recht, man wird damit konfrontiert, aber ich habe es mir abgewöhnt, die ewig gleichen Fragen zu beantworten.  Beide Stücke sind sehr farbenreich und bei den Meistersingern fällt mir immer auf, dass dieses Stück  zu weiten Teilen eine Mischung aus Lortzing und Mendelssohn ist und diese ungeheuerliche Atmosphäre hat, die Sie in einer bestimmten Art hinbekommen müssen. Wenn Ihnen das gelingt, hat das einen derartigen Zauber, dass alles andere in den Hintergrund rückt. Die Fragen des Drumherums laufen sich irgendwann tot.

Die Frau ohne Schatten ist ein Fest der Extreme, es macht einfach riesigen Spaß, das Orchester zu steuern, wenn ein riesiges Strauss-Orchester so schön Pianissimo spielt wie wir das seinerzeit in Wien und Salzburg hinbekommen haben. Dann überlegen Sie sich, dass Sie die nächsten Aufführungen auch nochmal dirigieren wollen. Ich habe Die Frau ohne Schatten in Berlin, an der Met, in Salzburg und in Wien dirigiert, die kommende in Dresden wird meine fünfte (!) Neuproduktion sein. Ich glaube, dann reicht es an Neuproduktionen dieses Stücks in meinem Leben.

Kirsten Liese: Leider werden Dirigenten oft mit Inszenierungen konfrontiert, die der Musik gegen den Strich gehen. Ihr in Wien ebenfalls sehr geschätzter Kollege Riccardo Muti sagt, dass Dirigenten in früheren Zeiten vom Publikum für die Qualität der Inszenierungen mit in die Pflicht genommen wurden. War ein Regisseur schlecht, wurde nicht nur er ausgebuht, sondern auch der Dirigent einer Premiere…

Christian Thielemann: Das war früher anders. Heute werden Musik und Szene voneinander  getrennt. Ich bemühe mich  immer um sehr gute  Kompromisse. Meist gelingt mir das auch. Sie haben Recht, das hat sich sehr verändert. Ich finde es ja auch interessant, dass ein Regisseur, der ausgebuht wird, oft Karriere macht. Hingegen dürfte es mit der Karriere eines Dirigenten, der aus musikalischen Gründen ausgebuht wird, sehr schwierig werden. Aber der Regisseur suhlt sich im Buh und freut sich. Vielleicht nicht alle Regisseure, aber trotzdem kann es sein, dass die Karriere weitergeht.

Ich suche mir die Regisseure aus. Aber manchmal sage ich mir, wenn ich ein Werk so oft wie den Lohengrin dirigiert habe, bin ich froh, wenn mir jemand mal was Neues bietet, sofern das Konzept kohärent ist. Dann sage ich mir: Probier’s doch mal. Ich finde, man sollte nicht zu strikt sein.  „Der Regel Güte daraus man erwägt, dass sie auch malne Ausnahm verträgt“, sagt der Hans Sachs im dritten Akt. Die Meistersinger sind eine Fundgrube für solche Bonmots. (lacht)

Kirsten Liese: Für die Meistersinger hatten Sie durchweg gute Regisseure: Götz Friedrich an der Deutschen Oper, Wolfgang Wagner in Bayreuth, Otto Schenk in Wien, zuletzt Jens-Daniel Herzog in Salzburg und Dresden.

Christian Thielemann: Oh ja, ich hab Glück gehabt. Manchmal haben Sie kein Glück und stolpern in eine Produktion hinein. Im Laufe der Jahre wird man vorsichtiger.

Kirsten Liese: Sie haben damals, als Sie in Salzburg die Meistersinger rausbrachten, auf der Pressekonferenz so schön erzählt, wie Sie sich die Produktion vorstellen, die sich dann auch so darstellte. Ihnen war es  wichtig, dass der Schauplatz Nürnberg wieder einbezogen wird und Poesie. Gibt es in dieser Inszenierung eine Szene oder einen Moment, den Sie herausheben würden oder besonders berührend finden?

Christian Thielemann: Ich mag die Idee, die Geschichte im Theater spielen zu lassen, im Nürnberger Theater, vor allem den Moment zum Ende des zweiten Akts, wenn sich in der Prügelfuge die Premierengäste auf die dunkle Bühne verirren. Das ist sehr, sehr gut gemacht. Die Logen des Dresdner Hauses tauchen auch auf. Es ist eine Verschwägerung des Dresdner Opernhauses mit dem Nürnberger Opernhaus und der Sachs sozusagen der Intendant des Nürnberger Hauses. Das passt alles hervorragend zusammen, und ich bin sehr froh, dass es eine gangbare und nicht belehrende oder verstörende Inszenierung ist. Dazu wäre mir dieses Stück auch viel zu wertvoll. Goethe hat doch richtig schön gesagt: „Man merkt die Absicht und ist verstimmt“. Die Vorurteile gegen die Meistersinger ändern sich ja nicht. Und dann haben Sie diese Wunderpartitur. Nach der heutigen Probe hat mir jemand gesagt, der im Saal anwesend war, er habe Mittelstimmen gehört, die er sonst nicht gehört habe. Wenn Sie mir so etwas sagen, ist das für mich die allergrößte Freude.

Kirsten Liese: Ein paar Worte noch zu den neuen Besetzungen: Camilla Nylund, mit der Sie sehr, sehr viel zusammenarbeiten – Sie ist auch im kommenden Tristan ihre Isolde und in der Frau ohne Schatten abermals die Kaiserin – war in früheren Aufführungen das Evchen. Jetzt kommt für sie Julia Kleiter. Ist Nylund aus dem jugendlich lyrischen Fach schon etwas herausgewachsen?

Christian Thielemann: Camilla Nylund ist aktuell in San Francisco für die Kaiserin und konnte nicht. Jetzt haben wir die wunderbare Julia Kleiter, die einfach super zu diesem Cast passt. Und der Mužek als Stolzing mit seiner herrlichen Stimme ist so wunderbar, den hatte ich schon in Bayreuth im Holländer. Und dann bietet natürlich der Zeppenfeld ganz, ganz große Kunst, den habe ich in der Rolle als Sachs ja mitkreiert, und dann die wunderbare Christa Mayer, das ist eine Luxus-Magdalena. Die singt Ihnen vom Weihnachtsoratorium und Missa Solemnis bis zur Amneris alles. Das ist der Hammer. Noch dazu ist Daniel Behle ein toller David, so musikalisch und so fein. So kann ich zum Orchester sagen, wenn die jetzt auch mal leise singen auf der Bühne, können wir ja noch leiser spielen im Graben. Die Beziehung mit dem Orchester ist so wunderbar.

Kirsten Liese: Wie geht es nach dem Abschied aus Dresden weiter?

Christian Thielemann: Bei uns am Theater kann sich von jetzt auf gleich alles ändern. Es geschehen ja die unglaublichsten Dinge, denke ich nur wieder an Barenboim: Ich sitze zu Hause in der Küche beim Frühstück, da klingelt aus heiterem Himmel das Telefon und  Barenboim sagt, Du musst den Ring machen, die Proben fangen übermorgen an. Da habe ich gesagt: „Daniel, das ist ja allerhand, übermorgen fahre ich nach Dresden.“ Dann mussten wir das irgendwie austüfteln. Wenn ich nicht den tollen Guggeis gehabt hätte, die fantastischen Assistenten und dieses irrsinnig gute Orchester, dann wären wir baden gegangen – mit Pauken und Trompeten.  Das Theater ist voller Überraschungen, und deshalb bleiben wir auch alle fit und flexibel.

Kirsten Liese: Auf alle Fälle können Sie sich vor Angeboten und Nachfragen in den kommenden Jahren nicht retten.

Christian Thielemann: Man sagt ja immer, wenn im Leben eine Tür zugeht, gehen drei andere auf. Und bei mir sind 20 andere aufgegangen. Als der Barenboim anrief, dachte ich, ich falle vom Stuhl. Dann sollte ich mit dem Orchester noch nach Asien fahren, weil er die Tournee auch nicht übernehmen konnte, habe ich in meinen Kalender geschaut und festgestellt, da habe ich Zeit, also habe ich das auch noch zugesagt. Hätte mir das vor einem halben Jahr jemand prophezeit, hätte ich gedacht, derjenige hat wohl zuviel getrunken (lacht).

Herr Thielemann, vielen Dank für das Gespräch!

Kirsten Liese, 4. Mai 2023, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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