Buhorkan in Bayreuth

Bayreuther Festspiele 2022 – ein Zwischenruf von Kirsten Liese  klassik-begeistert.de

Elisabeth Teige (Gutrune). Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther

Wie schlimm es um die Entwicklungen bestellt ist, wird vielen offenbar erst jetzt richtig bewusst. Im frenetischen Buh-Orkan hat sich der Frust entladen. Kam er noch rechtzeitig, um die Talfahrt zu bremsen?

Oder muss der Kartenverkauf erst dramatisch einbrechen, damit das geschieht?

Bayreuther Festspiele 2022

Ein Zwischenruf
von Kirsten Liese

Ich werde in diesen Tagen vielfach, teils mitleidig gefragt, ob ich denn in Bayreuth bin, oder erstaunt, warum ich mir denn das Spektakel des neuen Rings entgehen lassen würde.

Ich habe mich tatsächlich zum Verzicht auf diese Produktion entschieden, weil ich ein Debakel erwartet habe.

Den ersten Akt der Götterdämmerung habe ich mir im Fernsehen angesehen. Länger habe ich es nicht ausgehalten. Der Mann, der Grane sein soll, also eigentlich Brünnhildes Ross, über dessen Haupt Siegfried seinen Vergessenstrunk ausschüttet und der am Ende der Gibichungenszene blutüberströmt am Boden liegt, hat mir schon gereicht. Dann habe ich abgeschaltet.

Das ist der Vorteil, wenn man nicht im Festspielhaus sitzt, wo man – wollte man es vorzeitig verlassen – erst einmal Zuschauer neben einem aufstehen lassen müsste. Ein ehemaliger Kollege gab mir dazu mal einen Tipp: Hustenanfall vortäuschen. Aber Spaß beiseite.

Wenn wir einmal ehrlich sind, ist doch eine solche Regie – nach den Entwicklungen der vergangenen Jahre –  kaum verwunderlich. Ich sage da nur Tobias Kratzer. Dessen Tannhäuser– Inszenierung war ebenso miserabel. Auch bei ihm wurde ein Musikdrama Richard Wagners  zu einem Selbstbedienungsladen, in dem man nach Herzenslust wüten, Geschichten und Figuren dazu erfinden und sich lustig machen darf. Nur wurde Kratzer dafür hoch gelobt.

In den Feuilletons jubelten ihm dieselben Leute zu, die sich nun über Valentin Schwarz enttäuscht zeigen. Ich schrieb weiland einen der wenigen Verrisse, mit dem sich meine Redaktion in einem Opernmagazin nicht glücklich zeigte. Wenn fast alle den Tannhäuser toll fanden, dann muss er ja toll gewesen sein.

Kurzum, es ist verständlich, wenn ein junger Regisseur sich aufgrund solcher Resonanz denken mag, umso verrückter ich in dem Werk herumfuhrwerke, desto mehr winkt der Erfolg. Also knüpft er daran an.

Wenn wir wirklich zu großer Theaterkunst zurückkehren wollen, bedarf es anderer Weichen.

Dann sollten wir uns Regisseure ins Gedächtnis rufen, die weder absurde fiktive Storys einbrachten noch Wagner veralberten, sondern tief bewegten, Größen wie Jean-Pierre Ponnelle, Patrice Chéreau, (der zwar auch für seinen „Ring“ weiland im Premierenjahr ausgebuht wurde, aber sich auf einem ungleich höheren Niveau bewegte), oder so alte Theaterhasen wie Wieland und Wolfgang, Götz Friedrich oder August Everding.

Noch ein Wort zu Iréne Theorin. Dass sie keine gute Brünnhilde abgeben würde, war ebenso absehbar. Sie sang schon vor zehn Jahren in Berlin mit einem so schrecklichen Dauervibrato, dass ich – wo immer sie auf Besetzungslisten auftauchte- sofort Abstand davon nahm, mir die entsprechende Produktion anzuschauen.

Abgesehen davon, dass ich nicht begreifen kann, wie man die Heldinnen in Wagners Opern in einem derart hässlichen Outfit auf die Bühne schicken kann. Pardon, aber Frau Theorin sah aus wie eine Scharteke. Und auch die Gutrune von Frau Teige erschien sehr unvorteilhaft gekleidet, sah in meinen Augen billig aus wie eine nuttige Barbie. Nun gut, ich erwarte nicht, dass alle Sängerinnen Schönheiten sind, in erster Linie kommt es auf die Stimme an, aber wenn die Erscheinung zu der Figur wenig passt, wäre es doch eine Herausforderung für Kostüm- und Maskenbildner, sie ein bisschen attraktiver und jünger erscheinen zu lassen, nebenbei gesagt auch den Siegfried. Und ich rede hier ja nur von dem ersten Akt der „Götterdämmerung“, über alles andere kann  ich gar nicht mitreden.

Wie schlimm es um die Entwicklungen bestellt ist, wird vielen offenbar erst jetzt richtig bewusst. Im frenetischen Buh-Orkan hat sich der Frust entladen. Kam er noch rechtzeitig, um die Talfahrt zu bremsen?

Oder muss der Kartenverkauf erst dramatisch einbrechen, damit das geschieht?

Zu allem Unglück sieht es danach aus, als komme Bayreuth  Christian Thielemann abhanden, der unbestritten beste Wagner-Dirigent unserer Zeit. Absurderweise hat man ihn seiner Position des Musikdirektors- und damit aller Befugnisse, die es dazu braucht, solche Fehlbesetzungen und –bestellungen zu verhindern,  enthoben und wie es scheint, wird er wohl ab 2023 in Bayreuth erst einmal gar nicht mehr beschäftigt.

Schon 2012 schrieb ich weiland in der „Berliner Morgenpost“ Christian Thielemann sei der einzige Künstler unter Dirigenten und Regisseuren, der noch für Weltklasse auf dem Grünen Hügel steht. Das ist bis heute so geblieben.

Das Niveau ist seither auch im Graben abgesunken. Der Walküren-Ritt  habe „sehr schlaff und zäh – langweilig wie platt gekautes Wrigleys Spearmint“ geklungen, schrieb der Herausgeber Andreas Schmidt in diesem Blog. Und der ist im Allgemeinen weniger streng und scharfzüngig in seinem Urteil als ich.

Auch so ziemlich alle anderen Dirigenten blieben in den vergangenen Jahren recht glücklos. Und nun droht also der einzige  Leuchtturm abhanden zu kommen. Er wird dann freilich woanders strahlen, 2024  zum Beispiel für einen neuen Ring in Mailand.

Auch diese Tragödie kommt nicht überraschend. Zwar stellte kaum jemand Thielemanns Genialität  jemals infrage, aber immer wieder werden ihm Steine in den Weg gelegt, die es ihm nahezu unmöglich machen, gegen die nun immer sichtbarer werdenden Defizite gegenzusteuern.

Gerade unlängst kursierten wieder einmal abstruse Vorwürfe gegen ihn, unter solchen unzumutbaren Zuständen kann eine große Persönlichkeit dauerhaft nicht arbeiten. Wenn ein ernsthaftes Interesse daran bestünde, dass weniger erfahrene Dirigenten von Christian Thielemann lernen, sollten wir ihn als großes Vorbild feiern wie die Italiener ihren Riccardo Muti, anstatt permanent an seiner Persönlichkeit herumzunörgeln.

Ich fahre übrigens doch noch nach Bayreuth. Aber nur für ein Interview und um mir Thielemanns vorerst letzten  Lohengrin an diesem Ort noch einmal anzuschauen, sofern mir noch eine Karte vergönnt sein sollte.

Kirsten Liese, 7. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Lohengrin Bayreuther Festspiele, 4. August 2022

Der Zyklus ist nun vollendet – Thielemann, Wiener Philharmoniker, Bruckners Neunte Großes Festspielhaus, Salzburg, 30. Juli 2022

Richard Wagner, Tristan und Isolde Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2022 (Eröffnung)

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