Festspielluft I: Festspielstürme wichen dem Wotan-Mond

Festspielluft I: Festspielstürme wichen dem Wotan-Mond  klassik-begeistert.de

Egils Silins (Wotan), Attilio Glaser (Froh), Christa Mayer (Fricke), Raimund Nolte (Donner), Daniel Kirch (Loge). Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Vielleicht gehören stürmische Nachrichten auch zu den normalen Festspielen. Ebenso wie das unfreundliche Personal beim Gasthaus Oskar.

von Peter Walter

Stürmisch war es um diese Festspiele schon seit Jahren. Februar 2020: Die Wagner-Welt fiebert auf den Sommer zu, ein neuer Ring soll es sein. Günther Groissböck, John Lundgren und Petra Lang dürfen nicht fehlen. April 2022: Viel ist passiert, immer noch kein Valentin-Schwarz-Ring. Groissböck hat den Wotan hingeschmissen, Lundgren soll übernehmen. Von Lang als Brünnhilde ist keine Rede mehr. Als Alberich ein unbekannter Isländer – Olafur Sigurdarson… hat der überhaupt einen Fan-Club?

Dann dreht Lundgren eine Wotan-Proberunde in Wien. Leider nicht sehr erfolgreich, die bringt ihm viele Buh-Rufe und einen Rausch an wenig begeisterten Kritiken. Klassik-begeistert-Herausgeber Andreas Schmidt schreibt: „Es bleibt spannend, wie dieser John Otto Lundgren in diesem Sommer die wichtigste männliche Rolle der Bayreuther Festspiele singen wird“.

Keine drei Wochen später die Pressemeldung aus Bayreuth: Lundgren „muss […] seine Mitwirkung als „Wotan“ und „Wanderer“ […] bei den Bayreuther Festspielen 2022 absagen.“ Stattdessen soll er den Holländer singen. Eine Rolle, die ihm letztes Jahr alles andere als jubelnde Begeisterung gebracht hat.

Cornelius Meister 2018   Foto: Marco Borggreve

Auch dort wird am 8. Juli eine Umbesetzung angekündigt, der Schwede singt also gar nicht in Bayreuth. Zufall? Oder haben ihm die Wiener Kritiker tatsächlich seinen Bayreuth-Sommer gekostet? Mitte Juli muss – krankheitsbedingt – auch noch das Ring-Dirigat umbesetzt werden.

Am 25. Juli ist es dann endlich so weit. Premiere, eine etwas überraschende Tristan-Neuinszenierung. Das Festspielhaus ist wieder vollgefüllt, auch innen muss keine Maske mehr getragen werden. Keine lästigen Registrierungs-Zelte, die Toiletten und die Garderoben sind geöffnet. Auch die nervige Ausweis-Kontrolle lässt grüßen.

Tristan und Isolde, Bayreuther Festspiele 2022. Foto: Enrico Nawrath.

Sechs Tage später (wozu eigentlich die spielfreie Woche?) endlich der lang ersehnte Ring. Von „Mittelmaß“ ist am ersten Abend die Rede. Buh-Rufe sind – anders als Karten – keine Mangelware. Aber das Highlight: Olafur Sigurdarsons Alberich, künstlerisch völlig unübertroffen. Spätestens jetzt steht er wohl auf allen wichtigen Alberich-Telefonlisten ganz oben.

Rheingold, Bayreuther Festspiele 2022. Foto: Enrico Nawrath.

Weitere fünf Tage später: Götterdämmerung. Meine Einschätzung: „Minutenlange Buh-Rufe, die u-Formanten bringen den Holzboden unter den Füßen zum Schwingen.“ Aber einen Buh-Rufer hat niemand erwähnt: Wotan. Denn kaum aus dem Festspielhaus raus, beginnt es zu regnen. Und – wie bei der Tristan-Premiere – nicht nur das, bei Blitz und Donner, Sturm und Braus geht’s nach Haus’. Anscheinend wollte der liebe Gott seine Meinung nicht ungehört lassen. Oder Herrn Meister zeigen, wie man den Himmel hell fegt. Fehlte nur noch der Blitzeinschlag ins Festspielhaus.

Bayreuther Festspiele 2022; Walküre; Insz. Valentin Schwarz

Alles wie beim Alten? Wäre eine schöne Abwechslung – die letzten „regulären“ Festspiele waren 2019. Wobei auch da die Premiere von Demos gegen einen mittlerweile  – in der westlichen Welt –verbannten Dirigenten überschattet wurde. Also sind die letzten normalen Festspiele vier Jahre her?

Vielleicht gehören stürmische Nachrichten auch zu den normalen Festspielen. Ebenso wie das unfreundliche Personal beim Gasthaus Oskar. Ausnahmsweise kann man dort bis eine Stunde nach Vorstellungsende essen. Aber ja nicht 61 Minuten später kommen, dann hat die Küche schon dicht! Wobei: Müsste die Uhr nicht ab dem letzten Akkord ticken? Oder ist das der Grund, warum Cornelius Meister konsequent fünf Minuten schneller als angekündigt durch ist?

Peter Walter, 7. August 2022 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview mit Valentin Schwarz, Regisseur Neuinszenierung Wagners „Ring des Nibelungen, Bayeuth 2022

Richard Wagner, Götterdämmerung Bayreuther Festspiele, 5. August 2022

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.