„Ist es nicht nur ein Fiebertraum?“ – „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach wird in Lübeck gefeiert

Jacques Offenbach, Hoffmanns Erzählungen  Theater Lübeck, 31. Januar 2026, Premiere

© Theater Lübeck –  Olaf Malzahn

„Gespenster-Hoffmann“ hat man den wohl eigenwilligsten Kopf der romantischen Literatur, den Juristen, Komponisten, Kapellmeister, Musikkritiker, Zeichner und Karikaturisten, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, genannt. Die Bezeichnung von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ als „phantastische Oper“ ist daher inhaltlich konsequent. Wie diese phantastischen Elemente in der Lübecker Inszenierung umgesetzt wurden, durfte ein erwartungsfrohes Premierenpublikum am 31. Januar im Jugendstiltheater der Hansestadt erleben.

Jacques Offenbach, „Hoffmanns Erzählungen” („Les contes d’Hoffmann“)
Libretto von Jules Barbier

Konstantinos Klironomos, Tenor
Frederike Schulten, Mezzosopran
Jacob Scharfman, Bariton
Wonjun Kim, Tenor
Sophie Naubert, Sopran
Andrea Stadel, Sopran
Aditi Smeets, Sopran
Delia Bacher, Mezzosopran
Changjun Lee, Bass
Tomasz Mýsliwiec, Tenor
Viktor Aksentijević, Bariton

Takahiro Nagasaki, Dirigent

Philipp Himmelmann, Inszenierung

Chor und Extrachor des Theaters Lübeck
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Theater Lübeck, Premiere, 31. Januar 2026

von Dr. Andreas Ströbl

Was ist Wirklichkeit?

„Ist es nicht nur ein Fiebertraum?“, fragt Hoffmann im Olympia-Akt den Automaten, den er für ein lebendiges Mädchen hält, und in den er sich wie im Wahn verliebt hat. Grundsätzlich wird ja in Offenbachs Oper nicht klar, ob die drei Frauen tatsächlich eine einzige darstellen oder alle gar nur eingebildete Projektionsflächen des in eine Schaffenskrise geratenen Künstlers sind.
Philipp Himmelmann beleuchtet in seiner Interpretation zentral die Figur dieses unruhigen, suchenden Geistes; in der Lübecker Produktion verbinden sich darüber hinaus die Schriftstellerei und die Kompositionskunst bzw. ist offen, was dieser Getriebene andauernd auf zahlreiche lose Seiten schreibt. Sind es Verse, Noten, beides? Zumindest hält er die Produkte seines Schaffens mit Vehemenz immer wieder den jeweiligen Frauen vor, die das Geschriebene in Gesang verwandeln.

Wie in einem Fiebertraum dreht sich die Bühne von David Hohmann; es sind drei Unterteilungen, aber es ist immer das gleiche Interieur einer gehobenen Gastwirtschaft mit spartanischer Inneneinrichtung. Durch die Türe geht es stets in den nächsten, scheinbar identischen Raum, als flöhe der Protagonist und alle, die seine Existenz ausmachen, umsonst aus seinem eigenen Inneren in doch immer wieder die gleiche Szenerie; er gerät so erneut in denselben Seelenraum, unaufhaltsam, wie in einem horizontalen Hamsterrad.

Die Kostüme von Meentje Nielsen sind der wesentlichen Schaffensphase E. T. A. Hoffmanns, also dem frühen 19. Jahrhundert, entlehnt, spielen aber partiell mit Reminiszenzen an andere Moden. Die drei zentralen Frauenfiguren sind allesamt markant rot gewandet, Olympia als Gliederpuppe trägt ein durchbrochen gearbeitetes Kleid, das auch ihren Kopf wie ein blutiges Netz überzieht, während Antonia bewusst trutschig-mauerblümchenartig erscheint. Giuliettas Samtanzug wirkt dagegen mondän und kostbar.

© Theater Lübeck – Olaf Malzahn

Zwar ist das Licht von Falk Hampel bewährt ideenreich, aber diesmal wird gekonnt mit den Schatten der Mitwirkenden gespielt (außer natürlich bei Schlemihl!), die manchmal an Filmklassiker, wie „Nosferatu“ denken lassen, oder einen verborgenen Wesenszug mancher Darsteller zu eröffnen scheinen. Wie Hampel es schafft, ein einsames Glas Rotwein wie einen flüssigen Rubin erleuchten zu lassen, ist schon meisterhaft.

Erneut eine herausragende Ensembleleistung – ohne einen einzigen Gast!

GMD Stefan Vladar wird auf der Premierenfeier betonen, dass auch ein kleineres Haus, wie das Lübecker Theater, mühelos eine so hochkaratige Produktion, wie diesen „Hoffmann“ stemmen kann, weil es über ganz hervorragende Kräfte verfügt. Auch der Regisseur hat das bereits in einem Interview engagiert herausgestellt (https://klassik-begeistert.de/interview-kb-im-gespraech-mit-dem-regisseur-philipp-himmelmann-theater-luebeck-21-januar-2026/).

Konstantinos Klironomos gibt einen phantastischen Titelhelden mit markigem, kernigem Tenor, aber zugleich angreifbarer Seelentiefe. Er bestreitet die hochanspruchsvolle Partie völlig mühelos und ist auch in den Höhen ungemein stark. Dieser Hoffmann ist egoman und sieht in seinem Suchen nicht, was ihm eigentlich fehlt – eine Gefährtin auf Augenhöhe, der er nichts beweisen muss.

© Theater Lübeck – Olaf Malzahn

Seine Muse bzw. Nicklausse ist die Mezzosopranistin Frederike Schulten, die mit dem „Octavian“ im „Rosenkavalier“ im vergangenen Jahr einen gewaltigen Sprung nach vorne getan hat (https://klassik-begeistert.de/richard-strauss-der-rosenkavalier-theater-luebeck-premiere-am-18-oktober-2025/) und nun erneut zeigt, dass sie auch den ganz großen Rollen gewachsen ist. Mit wunderbarer Präsenz und warmer, volumenreicher Stimme meistert sie diese Rolle absolut überzeugend.

© Theater Lübeck – Olaf Malzahn

Die vier Bösewichte Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel und Dapertutto verkörpert Jacob Scharfman mit bewährt vollem, maskulinem Bariton. Das Schönste aber ist seine Gestik und Mimik – er hüpft wie ein Frosch, kriecht wie ein Dämon, hält seine funkelnden Schätze als hochunseriöser Verkäufer in seinem Mantelfutter feil. Wie er mit der Sprache spielt, manchmal krächzt und girrt, ist einzigartig.

In diesem Aspekt wenigstens ebenbürtig ist ihm Sophie Naubert als Olympia, die nicht nur bravourös die halsbrecherischsten Koloraturen mit Nachtigallen-Sopran hinlegt, sondern mit wundervollem Humor der Rolle in Text, Ton und Darstellung eine ganz neue Dimension gibt. Ihre Verrenkungen gehen ans Äußerste des Möglichen und sie singt auch noch aus einem zusammengerollten Teppich heraus!

© Theater Lübeck – Olaf Malzahn

Andrea Stadel ist die unglückselige Antonia, deren Darbietung der am eigenen Gesang sterbenden Künstlerin zu Herzen geht. Sie ist ein echtes Opfer Hoffmanns, der aber schon auf dem Weg zur nächsten großen Liebe ist.

Das ist Giulietta, der Aditi Smeets eine selbstbewusste, elegante, ja glamouröse Gestalt verleiht. So umgarnend ihr warmer Sopran wirken kann, so kalt ist ihr höhnisches Lachen. Sie kann es sich leisten, den schwärmerischen Dichter einfach abblitzen zu lassen. Die berühmte Barkarole mit Frederike Schulten schmilzt wie klanggewordenes venezianisches Crème-Eis.

Auch die Nebenrollen sind hochkarätig besetzt, wie Cochenille/Pitichinaccio, den der Tenor Wonjun Kim darstellt, oder Antonias Mutter, die Delia Bacher mit seelenschwerem Mezzosopran aus dem Totenreich erstehen lässt.

Changjun Lee mit sattem Bass ist Crespel, Tenor Tomasz Mýsliwiec spielt Nathanael und Spalanzani, und schließlich verhilft der Bariton Viktor Aksentijević Herrmann und Schlemihl zu beeindruckender Präsenz.

Musikalische Edelsteine, nicht nur in der Diamantenarie

Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck zaubert unter Takahiro Nagasaki vollen, leidenschaftlichen Offenbach-Klang. Der erste Kapellmeister hat, um die Übergänge fließend zu gestalten, eigens Zwischenmusiken komponiert. Das setzt die Tradition des „Hoffmann“ fort, an dem ja viele Tonsetzer nach Offenbachs Tod gearbeitet haben. Nagasakis Zusätze fügen sich so harmonisch in das musikalische Gesamtbild, dass alles wunderbar ausgewogen und stimmig klingt.

© Theater Lübeck – Olaf Malzahn

Chor und Extrachor des Theaters Lübeck unter Jan-Michael Krüger bilden den stimmlichen Gegenpol zum satten, aber fein abgestimmten Orchester und den Solisten. Gerade in den Piano-Stellen im ersten Akt zeigt der Chor seine Stärke, lässt es aber zum Finale nochmal richtig krachen.

Am Ende irrt ein Künstler, der nicht ans Ziel gekommen ist, quer über die Bühne, mit hohlem, verzweifeltem Blick. Wohin führt sein Weg? Die bisherigen Versuche zumindest schlugen fehl. So bleibt der Ausgang offen.

Völlig unzweifelhaft indes ist, dass Lübeck wieder einmal einen großen Opernabend erlebt hat. So schnell hat sich das Publikum selten von den Sitzen erhoben, um langanhaltenden Beifall zu spenden. Zu Recht! Klare Empfehlung: Unbedingt hingehen!

Dr. Andreas Ströbl, 2. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die nächsten Vorstellungen sind am 7. und 19. Februar sowie am 8. März.

Interview: kb im Gespräch mit dem Regisseur Philipp Himmelmann Theater Lübeck, 21. Januar 2026

Jacques Offenbach, Les Contes d’Hoffmann, Opéra fantastique in 5 Akten Staatsoper Hamburg, 6. Juni 2023

Jaques Offenbach, La Périchole Museumsquartier Halle E, 20. Jänner 2023

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