OFFENBACHS MEISTERWERK KATAPULTIERT DAS PUBLIKUM IN CHAMPAGNER-LAUNE

Jacques Offenbach, La Belle Hélène (Die schöne Helena),  Staatsoper Hamburg, 17. Mai 2019

Foto: © Westermann
Staatsoper Hamburg, 17. Mai 2019
Jacques Offenbach, La Belle Hélène (Die schöne Helena)

von Dr. Holger Voigt

Man könnte ihn getrost den „Rossini vom Rhein“ nennen. Rossini selbst nannte ihn den „Mozart der Champs-Élysées“. Die Rede ist von dem in Köln geborenen Cellisten, Komponisten und Theaterdirektor Jacques Offenbach, dessen Geburtstag sich am 20. Juni zum 200. Mal jährt. Aus diesem Grund ehrt die Hamburgische Staatsoper den Komponisten mit der Wiederaufnahme der 2014 zuletzt gespielten Opéra-bouffe „La Belle Hélène“, zu Deutsch: „Die schöne Helena“.

Das kompositorische Werk des genialen Alleskönners ist umfänglich und – bis auf seine allseits bekannten Erfolgskompositionen „Orphée aux enfers“ (Orpheus in der Unterwelt), „Les Contes d’Hoffmann“ (Hoffmanns Erzählungen) oder „La Belle Hélène“ (Die schöne Helena) – leider wenig bekannt und oft noch weniger aufgeführt.

Seine orchestralen und symphonischen Werke atmen tiefste Romantik, was auch in seinen Bühnenwerke deutlich hervortritt. Er, der als Begründer der Operette angesehen wird, konnte spielend zwischen den Genres mit ihren oft allzu strengen definitorischen Festlegungen changieren – immer ist wunderbare Musik dabei entstanden, egal, wohin man sie einordnen möchte.

Sein Weg war nicht einfach, als er im Alter von 13 Jahren zusammen mit seinem Bruder nach Paris ging, wo er seinen Vornamen „Jakob“ in „Jacques“ änderte, um seine Chancen zur Aufnahme an das Conservatoire National de Musique et de Déclamation zu erhöhen. Dieses gelang ihm nach hartnäckigen Versuchen schließlich und ermöglichte ihm bald, sein kompositorisches Talent reifen zu lassen.

Seine Werke erfreuten sich zunehmender Beliebtheit, wurden sogar zu echten Straßenfegern, die auch finanziell einträglich waren. Er konnte es sich sogar leisten, ein eigenes Theater (Théâtre des Bouffes-Parisiens) zur Aufführung eigener Werke zu gründen, das er lange Zeit mit enormem Erfolg führen konnte. Erst zu den Zeiten des deutsch-französischen Krieges hatte er mit zunehmenden Ressentiments wegen seiner deutschen Herkunft zu kämpfen, obwohl er bereits 1861 französischer Staatsbürger geworden war.

Die in der Hamburgischen Staatsoper gezeigte Aufführung wurde von dem kongenialen Team Renaud Doucet (Inszenierung und Choreografie) und André Barbe (Bühnenbilder und Kostüme) inszeniert. Diese beiden Enthusiasten, die stets im Duo und mit eigener Marke unterwegs sind, stehen als Garanten für Qualität.

Satire in Musik, Bühnenbild und Choreografie umzusetzen, ist immer heikel: Inszeniert man zurückgenommen und defensiv, wird Satire unter Umständen nicht wahrgenommen. Macht man davon zu viel, rutscht man in eine „Klamotte“ ab, die voll neben der Spur liegt und nur noch an Karnevalskomik denken lässt.

Doucet und Barbe verstehen es meisterhaft, genau an dieser Grenzlinie entlang zu inszenieren und dabei niemals zu übertreiben. Das ist eine hohe Kunst! Erleichtert wird dieses Unterfangen durch die Musik (Jacques Offenbach) und den Text (Henri Meilhac, Ludovic Halévy) selbst: Schließlich ist darin alles enthalten. Dabei karikiert sich die Musik oftmals auch selbst, so als würde sie sich über sich selbst lustig machen.

Foto: © Klaus Lefebvre

Doucet und Barbe verlegen die Handlung, die man unter der Überschrift „Was kann dabei herauskommen, wenn man sich die Wirklichkeit schön träumt?“ zusammenfassen könnte, auf ein Kreuzfahrtschiff. Dieses liegt zum Einsteigen bereit, wenn die Zusachauer Platz nehmen. Ein wiederholtes Signalhorn ertönt und weist auf die baldige Abfahrt hin. Dennoch eilen mehrere verspätete Passagiere aus dem Zuschauerraum auf die Bühne respektive das Schiff, obwohl die Aufführung längst begonnen hat.

Die Touristen sind eine muntere Durchmischung aller gesellschaftlichen Schichten. Auch wenn „Madame Merkel“ einen kurzen Auftritt hat, handelt es sich zeitgeschichtlich wohl um die Sechziger Jahre, die sich geradezu vortrefflich dazu eignen, die schrillen kulturellen Strömungen dieser Zeit widerzuspiegeln.

Es entwickelt sich eine Parforce-Tour durch die griechische Mythologie mit einer nicht enden wollenden bizarren und urkomischen Theatralik. Der Zuschauer weiss gar nicht, wo er zuerst hinsehen soll – so viele witzige Details ereignen sich unablässig vor seinen Augen, was an ein „Wimmelbild“ aus Kinderbüchern erinnert.

Damit Klarheit über den aktuellen Stand der Kreuzfahrt besteht, bewegt sich am oberen Bühnenrand eine Schiffsuhr entsprechend dem jeweiligen Fortschrittsstand mit. Die Bühnenbilder sind hinreißend, bunt und voller Leben, die Kostüme witzig und originell – allein schon Grund genug, immer wieder laut loszulachen.

Musik, Text, Bühnenbilder und Kostüme scheinen alle Mitwirkenden unablässig zu animieren. All das überträgt sich auf das Orchester und das Publikum. Nur sehr selten habe ich in den Pausen in so viele lächelnde und lachende Gesichter gesehen – alle waren fröhlich und gut gelaunt! Was ist das für eine wunderbare Erfahrung!

Das Philharmonische Staatsorchester unter der animierten Leitung von Nathan Brock spielte frei und unbeschwert auf, beherrschte die Klangdynamik spielend und stets richtig dosiert.

Die Musik ist unter symphonischen Gesichtspunkt abschnittsweise derart wunderschön und romantisch samtig, wie man sie sich eigentlich nicht für eine opéra-bouffe vorstellen kann. Und bevor man diesen Gedanken zu Ende gedacht hat, ertönt ein überraschender Ton oder Klangeffekt, der zudem oft lautmalerische Qualitäten hat, als würde sich der Komponist diebisch über diesen Streich amüsieren.

Es kommt selten vor – aber es gab tatsächlich nichts zu bemängeln. Der Chor der Hamburgischen Staatsoper, verstärkt durch Tänzer und Komparsen, konnte sein theatralisches Talent voll zur Geltung bringen. Bis in die kleinste Rolle hinein: Nur pure Spielfreude auf den Gesichtern! Hervorragend gesungen, hervorragend gespielt! Chorszenen und Gesang, mit Accelerando und Stretta – unverkennbar: das ist die Welt der Oper!

Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet gab es nur hinreißende Leistungen der Gesangssolisten: Kate Aldrich, erst gerade in der Rolle der Hélène debutierend, sang alles in Grund und Boden mit einem klangstarken Sopran, enorm witzigen Zuspitzungen und wunderschönen ariosen Kantilenen.

Umwerfend, wie sie einmal quer durch die Opernliteratur diverse Arien zitierend einen nicht enden wollenden Dauergesang ausdehnte (dabei aber unglaublich präzise intonierte und ausdrucksstark sang)! Genau dieses erhöhte den karikierenden Effekt umso mehr, da es gar nicht zu ihrer tatsächlichen Situation zu passen schien. Zwischenapplaus und Brava-Rufe.

In bester tenoraler Qualität zeigte sich Oleksiy Palchykov in der Rolle des Páris. Warm timbriert – für das französische Opernfach wie geschaffen – sang er die oft sehr anspruchsvollen ariosen Abschnitte seiner Partie fehlerfrei, ausdrucksstark und voller Klangschönheit. Dazu war er darstellerisch ungemein vielfältig und komisch wirkend. Schließlich musste er ja auch sein Outfit diverse Male ändern.

Peter Galliard als Ménélas war allein schon durch sein Kostüm unschwer als der gehörnte Ehepartner auszumachen. Klangstark und zugleich deutlich phrasierend, dabei sehr schön klingend, gab es viel Beifall für ihn.

Das gilt auch für Viktor Rud als Agamemnon, Christian Miedl (Calchas), Max Emanuel Cencic (Oreste) und Ziad Nehme (Achille). Große Oper in der Oper!

Die Begeisterung aller Beteiligten übertrug sich auf das Publikum und versetzte die Zuschauer in Champagner-Laune. Angesichts dieser Musik bleibt aber auch keine andere Wahl. Wer „La Belle Hélène“ in Hamburg noch nicht gesehen hat, sollten das raschestmöglich nachholen. Ohrwurm-Alarm!

Dr. Holger Voigt, 17. Mai 2019,  für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: Nathan Brock
Inszenierung/Choreografie: Renaud Doucet
Bühnenbild/Kostüme: André Barbe
Licht: Guy Simard
Dramaturgie: Kerstin Schüssler-Bach
Spielleitung: Holger Liebig
Chor: Eberhard Friedrich
Páris: Oleksiy Palchykov
Ménélas: Peter Galliard
Hélène: Kate Aldrich
Agamemnon: Viktor Rud
Oreste: Max Emanuel Cencic
Achille: Ziad Nehme
Ajax premier: Sungho Kim
Ajax deuxième: Dongwon Kang
Calchas: Christian Miedl
Bacchis: Na’ama Shulman
Léoena: Renate Spingler
Parthoenis: Gabriele Rossmanith
Chor: Chor der Hamburgischen Staatsoper
Orchester: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

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