Neumeiers Beethoven-Adaptation der 7. Sinfonie ist Tanz pur

John Neumeier: Beethoven-Projekt II, Hamburger Ballett Tage, Hamburg Ballett,   26. Juni 2022

Was Alexandr Trusch und Madoka Sugai allerdings im dritten Satz von Beethovens Siebter an fröhlichem Ausdruck und technisch höchster Vollkommenheit ablieferten, ging wieder unter die Haut und riss das Publikum am Ende zu Jubelstürmen hin. Sugais Katapultsprünge zeugten von Mut und Vertrauen in den Partner, dass dieser sie rechtzeitig auch auffängt. Beide leisteten schier Unmögliches.

Madoka Sugai, Jacopo Bellussi, Ida Praetorius, Alexandr Trusch, Kent Nagano (musikalische Leitung des Philharmonischen Staatsorchesters), Anna Laudere (Foto: RW)

John Neumeier: Beethoven-Projekt II

Hamburger Ballett Tage
Hamburg Ballett, 26. Juni 2022

von Dr. Ralf Wegner

Die besseren Zeiten fürs Publikum sind im Ballett vorbei, denn man kann sich die Plätze nicht mehr aussuchen wie aktuell noch in der Oper. Ausverkauft fühlt sich jetzt an wie brechend voll. So war es auch gestern bei Neumeiers choreographischer Auseinandersetzung mit Ludwig van Beethovens Siebter Sinfonie. Es gibt für die Ballett Tage aber auch noch Karten, etwa für das Gastspiel des polnischen Nationalballetts mit Shakespeares Sturm, für Liliom, Ghost Light und Wheeldons Wintermärchen; außerdem noch für Neumeiers Die Unsichtbaren im Ernst Deutsch Theater.

Bei der heutigen Beethoven II-Aufführung hatte Alexandr Trusch zusätzlich den Beethoven-Part von Aleix Martinez übernommen. Martinez oder Trusch? Wer ist der bessere Beethoven? Martinez ist ein expressiv Leidender, Trusch der Optimist, für den das Glas immer halbvoll und niemals halbleer ist. Er verkörpert mehr den Mann, den die Widrigkeiten des Lebens nicht allzusehr aus der Bahn werfen, und das umwerfend schön getanzt.

Seine Partnerin im ersten Teil war die ätherische Ida Praetorius, die ihren Part sehr nach Innen gekehrt anlegte. Was Trusch und Madoka Sugai allerdings im dritten Satz von Beethovens Siebter an fröhlichem Ausdruck und technisch höchster Vollkommenheit ablieferten, ging wieder unter die Haut und riss das Publikum am Ende zu Jubelstürmen hin. Sugais Katapultsprünge zeugen von Mut und Vertrauen in den Partner, dass dieser sie rechtzeitg auffängt. Trusch drehte sich sogar aus einer Seitwärtsstellung erst in der letzten Zehntelsekunde in ihre Richtung, während der sie schon durch die Luft flog. Beide leisteten schier Unmögliches.

Ensemble, Ida Praetorius und Alexandr Trusch (Foto RW)

Die Freude und der Jubel des Publikums galt aber auch den anderen Beteiligten, wie dem großen Männerensemble in Beethovens vor der Pause gespielter Waldsteinsonate, der vom Stuhl reißenden, fröhlichen Tanzdarbietung im vierten Satz der Siebten, aber auch Ida Stempelmann mit ihren zahlreichen, in einem Taumel endenden Drehungen im ersten Satz sowie Anna Laudere und Edvin Revazov, die maßgeblich den zweiten, langsameren Satz mit Anmut und Eleganz gestalteten.

Am Ende flogen die Blumensträuße, langanhaltender Jubel, auch für Kent Nagano und die schöne, klangstarke, aber nicht alles überdeckende Orchesterleistung, der sich beim Erscheinen von John Neumeier zum Jubelorkann steigerte. Bereits nach der ersten Hälfte nahmen Mari Kodoma (Klavier) und Anton Barachnovsky Violine den Beifall des Publikums entgegen, ebenso der britische Tenor Andrew Dickinson, der mit klarer Diktion und farbreichem Tenor den Christuspart aus Christus am Ölberg sang.

Dr. Ralf Wegner, 27. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

John Neumeier: Die Unsichtbaren, eine Tanz-Collage Ernst Deutsch Theater, Hamburg, 22. Juni 2022

Dornröschen, Ballett von John Neumeier Staatsoper Hamburg, 27. Mai 2022

Ballett von John Neumeier, inspiriert von Leo Tolstoi, Anna Karenina Staatsoper Hamburg, 13. Mai 2022

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert