JPOM, Maximilian Haberstock © Bela Raba
Zahlreiche Jungdirigenten wie Klaus Mäkelä (30), Patrick Hahn (30), Thomas Guggeis (33) oder Tarmo Peltokoski (25) stehen derzeit hoch in Kurs.
Noch jünger, international noch weniger bekannt, aber ein aus meiner Sicht noch größeres Ausnahmetalent ist Maximilian Haberstock. Gerade einmal 21 Jahre alt ist der gebürtige Münchner, der in seinem ganzen Auftreten wie aus einer längst vergangenen Zeit wirkt. Erhaben über modische Trends, etwa Mozart, Beethoven und sogar Wagner im sogenannten Originalklang historischer Aufführungspraxis erkunden zu wollen, steht sein Musikerleben in einer fast vergessenen Tradition, die von Wilhelm Furtwängler bis zu Christian Thielemann reicht.
Richard Wagner: Vorspiel zu „Die Meistersinger von Nünrberg“
Franz Liszt: Klavierkonzert Nr. 2 A-Dur
Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 5 op. 67
Junges Philharmonisches Orchester München
Maxim Lando, Klavier
Maximilian Haberstock, musikalische Leitung
Alte Oper Frankfurt, 18. März 2026
von Kirsten Liese
Maximilian Haberstock und das Junge Philharmonische Orchester München in Frankfurt
Zumindest war das der Eindruck eines Konzerts in der Alten Oper Frankfurt, auf der Haberstock mit dem von ihm gegründeten Jungen Philharmonischen Orchester München innerhalb einer kleinen Tournee Station machte.
Der ungeheure Mut, sich als junger Musiker zu dieser aussterbenden Tradition zu bekennen und gegen den Strom zu schwimmen, offenbarte sich schon in Haberstocks Interpretation von Wagners Vorspiel zu den „Meistersingern“, dessen festliches, strahlendes C-Dur er wunderbar breit und majestätisch auskostete, dass es eine große Freude war.
Und das keineswegs mit auffallender Gestik oder affektiertem Showgehabe, wie es arriviertere Jungspunde gerne an den Tag legen, sondern aus einer geradezu vorbildlichen kerzengeraden Haltung heraus mit einem klaren Schlag und einem phänomenalen Gedächtnis gesegnet, dass es ihm erlaubt, das gesamte Programm einschließlich des Solistenkonzerts (!) ohne Noten zu dirigieren. Das alleine ist schon eine seltene Begabung, die er mit Christian Thielemann teilt, der ganze Opern aus dem Kopf abruft.
Die leiseren, keckeren Stellen des Vorspiels boten zugleich den vorzüglichen Bläsersolisten Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen.
In dem anschließenden Klavierkonzert von Franz Liszt hatte Haberstock in dem ebenfalls noch blutjungen Amerikaner Maxim Lando (23) einen kongenialen, über alle technischen Klippen erhabenen Partner und glänzenden Virtuosen. Der bewegte sich mit absoluter Präzision und großer Pranke über die Tastatur, meisterte Blockakkorde, rasante Tonketten in aberwitzigen Tempi, bezauberte mit federleichten Trillern und huschte mit der Leichtigkeit eines Schmetterlings durch allerhand Girlanden im Diskant.

Bei allem Vorrang pianistischer Bravour ließen sich hier und da schöne lyrische Momente erleben, in denen die melodiösen Impulse aus dem Orchester kamen: ein samtenes, berührendes, warmes Cellosolo oder auch ein makellos vorgetragenes Motiv im Horn.
In zwei Zugaben, darunter eine Paraphrase auf Bizets Carmen von Vladimir Horowitz, unterstrich der grandiose Virtuose noch einmal seine schlafwandlerische Sicherheit auf seinem Instrument. Technisch kann dieser junge Mann wirklich alles.
Eine höchst achtbare Interpretation von Beethovens Fünfter bildete den Abschluss dieses bemerkenswerten Konzerts, das allein unter einem äußerst unkundigen Publikum litt, das nach jedem Satz applaudierte, zudem mit Nebengeräuschen störte. Bislang waren mir solche Probleme an diesem Ort noch nicht aufgefallen, aber diesmal war es extrem. Mag man es auch als ein Klassik für Jeden werten, wenn Besucher leider die schlimmsten Befürchtungen, dass sie offenbar nur vage Vorstellungen von dem Konzert hatten, sonst hätten sie wohl kaum Babys und Kleinkinder unter fünf Jahren mitgenommen. Dass die in ihrer Langeweile die Musik gewaltig stören würden, schien absehbar und ließ sich bis auf meinen weit entfernten Platz im Rang lautstark vernehmen. Bis die Eltern offenbar bemerkten, dass sich andere gestört fühlten und den Saal verließen. Kinder, Kinder, möchte man da sagen. Zumal es zahlreiche spezielle Angebote für Familien mit kleinen Kindern gibt, vielerorts sogar Babykonzerte.

Vor allem den ersten Satz, das Allegro con brio mit dem markanten Auftakt, um auf die Musik zurückzukommen, dirigierte Haberstock sehr überzeugend. Nicht selten hört man den Beginn falsch, wenn Dirigenten schon die ersten drei Achtel betonen, die aber trotz Fortissimo nur den Auftakt zu der halben Note mit der Fermate bilden.
Zu erleben war auch hier eine sehr leidenschaftliche Interpretation, in denen Haberstock aber auch den sehr leisen Stellen gerecht wurde, zumindest in den Streichern und ganz besonders in den kleinen grummelnden Moment in Finalsatz, bevor die Musik vom c-moll majestätisch in C-Dur umschlägt und damit den Bogen zum Beginn des Konzerts spannt.
An ein paar Details ließe sich hier noch feilen: die Holzbläser, Oboe, Flöte und Klarinette, dürften für mein Empfinden an den leisen Stellen noch etwas leiser musizieren, sie bewegten sich dynamisch ein bisschen einheitlich durch den zweiten Satz und das Scherzo.

Und der Finalsatz ging mir eine Spur zu schnell, was sich dann daran zeigt, dass das Ohr den großen Orchesterklang in seinem klanglichen Reichtum schwer erfassen kann.
Aber das sind Dinge, die unweigerlich mit wachsendem Alter kommen. Es wäre ja auch geradezu übermenschlich, wenn ein 21-Jähriger schon alles in Vollendung präsentieren würde. In dem jungen Alter darf man sich als Dirigent mit seinem Orchester gerne zügelloser Leidenschaft verschreiben. Es war jedenfalls ein großartiger Abend.
Als Kritikerin ist es mir immer wieder eine Freude, solche Talente von den Anfängen her in ihrer Entwicklung zu begleiten und aufzubauen. Von Haberstock können wir viel erwarten. Man darf gespannt sein auf seinen weiteren Werdegang.
Kirsten Liese, 19. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
JPOM, Maximilian Haberstock, Leitung, Maxim Lando, Klavier Alte Oper, 18. März 2026
William Walton, Orb and Sceptre, CBSO, Kazuki Yamada Alte Oper Frankfurt, 8. März 2026