William Barton, Didgeridoo; Melbourne Symphony Orchestra; Foto Patrik Klein
Ein Didgeridoo Debut in der Elphi!?
Wie bitte? Was? Wie noch mal? Bei Anwesenheit der Komponistin Deborah Cheetham-Fraillon versetzte der wohl bekannteste australische Didgeridoospieler William Barton den Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg in Ekstase – vier seiner Instrumente woben im Gleichgewicht mit dem groß besetzten Orchester nie hier gehörte Klangteppiche und archaisch anmutende Rhythmen.
Nach der Zugabe, wo der Solist auch gleichzeitig sang und das Orchester dirigierte, schien die Hütte zu bersten – was für starke, unfassbar starke Musik!!!
von Patrik Klein
Nur eine Note kann ein Didgeridoo, aber diese Note auf vier Oktaven – und dazu erzeugt das Instrument über Obertöne eine Vielzahl an Klangeffekten, die man nie erwartet hätte.
Es gurgelte, fetzte, heulte, flennte und winselte, es schrie aus voller Seele oder flüsterte, röhrte oder lächelte leise, gab gluckernde Geräusche von sich und offenbarte Klänge, die man nie gehört geglaubt hatte.
Dazu vernahm man Gesang, laute Worte, Flüstern, Schnalzen und rhythmisches Klopfen der Finger auf den vier Röhren. Das Ganze erschien eingebettet in orchestrale Wucht und zarteste Finesse, in exponentiell sich entwickelnde herrlich strahlende Klänge eines riesig besetzten stark aufspielenden Orchesters. Manchmal erinnerte es mich fast an Wagner oder Strauss, wenn da nicht diese seltsamen unbekannten Schwingungen gewesen wären. Es wurde einem ganz warm ums Herz.
Wieso kannte man das nicht?
Ganz einfach, weil die Uraufführung erst vor wenigen Tagen in UK in Edinburgh stattfand.
Nach dem stürmisch gefeierten 15minütigen Stück gab es natürlich noch eine Zugabe. Der Künstler sagte sie auch selbst an ohne Verstärkung, so dass man nur ein paar Fetzen verstand. Es musste etwas Traditionelles aus Australien und von den Aborigines gewesen sein.
Es schien um die Weitergabe von Traditionen zu gehen. Die Zugabe geriet dann ganz ohne Dirigent mit dieser Erzählung der Ureinwohner des fernen Kontinents. Der Protagonist stand auf dem Dirigentenpult, sang, dirigierte und schien sich in den Wogen der Klänge aufzulösen.

Ich sage das selten, mir stockte der Atem.
Zu Hause suchte ich die Stücke auf Youtube und fand nichts. Man war noch immer gefangen in der Musik und restlos verfallen und voller Adrenalin.
Ach ja, nach der Pause gab es noch die „Schilder einer Baustelle“, ganz okay, aber die Gedanken blieben bei den 30 Minuten vor der Pause. Ach ja, und da gab es noch den Elgar vor der Pause mit schönen Impressionen aus Italien, aber nicht so ganz mein Fall.
Es blieb das Didgeridoo – und der Rausch der Möglichkeiten!

Patrik Klein, 29. August 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Melbourne Symphony Orchestra
William Barton, Didgeridoo
Dirigent: Jaime Martín
Edward Elgar
In the South (Alassio) / Konzertouvertüre op. 50
Deborah Cheetham-Fraillon
Treaty / Konzert für Didgeridoo und Orchester
Modest Mussorgsky / Maurice Ravel
Bilder einer Ausstellung

Der klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg verbrachte, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein großes Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier nun auch regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!
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