Hamburgische Staatsoper Außenansicht Seite Nacht © Niklas Marc Heinecke
Ein Meinungsbeitrag von Dr. Ralf Wegner
Das Jahr 2025 bescherte uns zwei positive Ereignisse an der Dammtorstraße, zum einen den Abgang von Demis Volpi als Intendant des Hamburger Balletts und zum anderen den Entwurf einer neuen Oper auf dem Baakenhöft. Wer hätte Anfang des Jahres gedacht, dass sich zwei Probleme so rasch lösen lassen. In einem Beitrag hatte ich mir, auf den Nachfolger von John Neumeier bezogen, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende gewünscht. So ist es auch gekommen.
Dabei hatte Volpi in Hamburg offenbar mehr Befürworter als Gegner. Zum einen liebte die Lokalpresse den an der klassischen Bewegungssprache orientierten Stil von Neumeier nicht und neigte eher dazu, der tänzerischen Selbstverwirklichung à la Kampnagel das Wort zu reden, zum anderen konnte der durchaus charmant auftretende Volpi offensichtlich die entsprechenden Gremien um den Finger wickeln, selbst dann noch, als seine Führungsschwäche und seine mangelnde choreographische Qualifikation als Nachfolger John Neumeiers schon offensichtlich wurden.
Offenbar hatte sich niemand unter den Entscheidern seine beim Ballett am Rhein gespielten Stücke näher angeschaut. Vielleicht dacht man auch, dass sich Volpi angesichts des großen künstlerischen Abstands zu seinem Vorgänger damit begnügen würde, das Ensemble im Sinne der Neumeierschen Tradition weiterzuführen.
Innerbetrieblich müssen aber Zustände geherrscht haben, die arbeitsrechtlich nicht mehr hinnehmbar waren. Denn wegen des von den Ersten Solisten des Balletts zu Recht befürchteten drohenden künstlerischen Fiaskos allein hätte Kultursenator Brosda den gehypten Volpi wohl nicht entlassen.
Es war zwecks Schadensminimierung aber auch richtig, Volpi, vermutlich entsprechend seiner Vertragslaufzeit, finanziell abzufinden und über Interna Stillschweigen zu bewahren. Wenn Presseorgane wie das Hamburger Abendblatt oder DIE ZEIT in diesem Zusammenhang immer wieder über Intrigen oder Ärgernisse sinnierten, ohne sich jemals mit den offen erkennbaren künstlerischen Schwächen Volpis auseinandergesetzt zu haben, spricht das vor allem für eine unverhohlene Missgunst verblendeter Kulturjünger auf alles, was sich unter Elite oder Genie subsummieren lässt. Der SPIEGEL hat übrigens nicht in dieses Horn geblasen, sondern mit seinen Beiträgen vermutlich mit zur Entlassung Volpis beigetragen.

Politisch verantwortlich für das Leitungsdesaster beim Hamburger Ballett war natürlich der Kultursenator. Leider hat er, so lässt sich annehmen, die an Volpi zu zahlende Abfindung nicht beim zuständigen Finanzsenator eingefordert, sondern sie dem Ballett auferlegt. Volpis Interimsnachfolger wurde niedriger eingestuft und vor allem die durch Kündigung frei gewordenen Stellen der Ersten Solisten nicht nach- oder rückbesetzt. In Hinsicht auf den künstlerischen Aderlass von drei aus der Neumeierschule hervorgegangenen fabelhaften Tänzern wie Alexandr Trusch, Christopher Evans und Alessandro Frola und der großartigen Ersten Solistin Madoka Sugai sind die Leistungen des Hamburger Balletts unter seinem derzeitigem künstlerischen Ballettdirektor Lloyd Riggins allerdings nicht hoch genug einzuschätzen.
Was im letzten Jahr anfangs noch als illusionistisches Trugbild durch die Medien geisterte, der Milliardär Kühne wolle im Tausch gegen die Dammtoroper anderenorts in Hamburg ein neues Opernhaus stiften, hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einer großartigen, offenbar bereits festgezurrten Sensation entwickelt. Das Haus an der Dammtorstraße bleibt der Kultur erhalten und auf dem Baakenhöft in der Hafencity wird ein allseits bewunderter Entwurf für ein parkartig eingebettetes und rundherum begehbares neues Opernhaus verwirklicht. Unser altes Haus an der Dammtorstraße werden wir vermissen, aber vielleicht werden dort zukünftig die auch für ein breiteres Publikum attraktiven Neumeierballette wie Romeo und Julia, Nussknacker, Dornröschen, Schwanensee oder Giselle en suite gespielt.
Was gab es sonst im Detail Erwähnenswertes: Vom Stuhl hochgerissen hat mich die Salome-Aufführung vom 9. Oktober 2025. Asmik Grigorian sang eine stimmlich und darstellerisch hinreißende Titelpartie und der neue Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber hegte sie mit einem berauschenden Orchesterklang so ein, wie ich es zuletzt wohl unter Karl Böhm bei dessen damaliger Elektra gehört hatte.

Beim Ballett gab es eine Reihe von Überraschungen, so die Leistung von Caspar Sasse als Kostja in Neumeiers Die Möwe oder die Interpretationen der kleinen Meerjungfrau durch Xue Lin und Charlotte Larzelere. Am 16. Mai tanzten noch einmal Louis Musin und Azul Ardizzoni unnachahmlich Romeo und Julia, Aleix Martínez und Alexandr Trusch überzeugten zudem als Nijinsky sowie Christopher Evans als Aschenbach in Tod in Venedig. Die beiden Letztgenannten sowie der jetzt in Wien engagierte Alessandro Frola werden uns, und auch als Vorbilder für das Ensemble, fehlen. Außerdem gibt es keine adäquate Nachfolgerin für die leider nach Boston entfleuchte Madoka Sugai.
Ach ja, eine neue Opernleitung mit Tobias Kratzer gab es auch noch. Zwar sind 100 Tage herum, trotzdem würde ich mich noch nicht bindend äußern wollen. Bis auf eine der Neugier geschuldeten leichten Zunahme des Besucherinteresses hat sich das Haus offenbar bisher leider nicht wesentlich besser an der Kasse verkauft. Erkennbar ist zwar ein vermehrter Zuspruch jüngerer Leute, was aber wohl auch mit stark reduzierten Preisen für dieses Klientel zu tun hat.
Viel gelobt wurde Schumanns Das Paradies und die Peri in der Inszenierung des neuen Opernintendanten, als Sternstunde wie Wellbers Salomedirigat empfand ich diese Aufführung aber auch nicht. Mit Glinkas Ruslan und Ljudmila stand zudem eine Opernneuinszenierung auf dem Spielplan, die zwar musikhistorisch durchaus interessant war, aber auch nicht die opernaffinen Massen ins Haus lockte. Vor allem fehlten große Namen, die den Blick auch national und international auf das Haus hätten lenken können. Mit einer Anna Netrebko als Ljudmila hätte das sicher geklappt. Gleiches gilt für Donizettis Liebestrank, der war zwar gut, aber nicht herausragend besetzt.

Zum Glück bleibt uns noch Elbenita Kajtazi. Sie wird wieder Violetta singen. Mal sehen, ob sie den mir bisher unbekannten, als Alfredo engagierten und vom klassik begeistert-Autor Charles Ritterband hochgelobten Tenor Anthony Ciaramitaro zu ihrem Leistungsniveau wird heraufziehen können.

Mit Benjamin Bernheim und Pene Pati (als Des Grieux in Massenets Manon) hat sie das ja unter Kratzers Vorgänger Delnon geschafft. Und warum es in dieser Saison unbedingt noch einen neuen Barbier von Sevilla geben muss, mit vermutlich guten, aber beim breiten Publikum doch wohl weitgehend unbekannten Sängerinnen und Sängern, erschließt sich mir auch nicht. Was das Publikum aber wohl anziehen wird, ist die geplante Premiere von Alexei Ratmanskys Ballett Wunderland. Mal sehen, wie es wird.
Dr. Ralf Wegner, 6. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Konzepte für die neue Hamburger Oper Hamburg, 23. November 2025
Giuseppe Verdi, Nabucco, Libretto: Temistocle Solera Savonlinna Opera Festival, 26. Juli 2024