Meisterschaft des Alters für jugendliche Meisterwerke: Krystian Zimerman berauscht in der Elbphilharmonie

Krystian Zimerman, Johannes Brahms,  Elbphilharmonie Hamburg, 1. Mai 2019

Foto: Krystian Zimerman © Bartek Barczyk
Elbphilharmonie Hamburg
, 1. Mai 2019
Krystian Zimerman Klavier

Johannes Brahms
Vier Balladen op. 10
Sonate Nr. 2 fis-moll op. 2
Sonate Nr. 3 f-moll op. 5

von Guido Marquardt

Freie Sicht auf das Werk: Krystian Zimerman zeigt frühe Meisterwerke von Johannes Brahms in all ihren Verästelungen und Windungen, ohne dass je die Konturen verschwimmen würden. Mit höchster Transparenz gestaltet, erleben die begeisterten Zuhörer in der Elbphilharmonie jugendliche Werke, dargeboten in reifer Souveränität.

Krystian Zimerman macht sich rar. An sein Klavierspiel stellt er so hohe Ansprüche, dass er nur einen sehr kleinen Teil seines Repertoires öffentlich aufführt. Veröffentliche Einspielungen prüft er nach strengen Relevanzmaßstäben. Bemerkenswert auch, dass er jedes Konzert mit seinem eigenen, mitreisenden Flügel bestreitet. Zugleich scheut er nicht davor zurück, kantig Position zu beziehen, wenn er es für angebracht hält – was er meistens nicht tut, weshalb seine Wortmeldungen noch rarer sind als seine Auftritte.

In Hamburg war er zum letzten Mal im Jahr 2010. Das war genau das Jahr, in dem die Elbphilharmonie ursprünglich mal hätte eröffnet werden sollen. Bekanntermaßen kam es anders, mehr als das Richtfest und der Beginn eines politischen Skandals waren 2010 nicht erreicht.

Es gehört zu den Üblichkeiten von Zimermans Auftritten (mehr als 50 im Jahr sind es nicht), dass häufig bis zum letzten Moment offen bleibt, was er aufführen wird. So etwas können sich natürlich nur Künstler erlauben, deren Name allein bereits eine maximale Strahlkraft entfaltet. Immerhin, Zimermans Brahms-Programm war nun doch schon seit einigen Wochen bekannt, das Konzert freilich ohnehin längst ausverkauft.

Ein rund anderthalbstündiges Programm mit Balladen und Sonaten des Hamburger Komponisten sollte es also werden, entstanden allesamt um Brahms‘ 20. Lebensjahr herum. Interessanterweise hat Zimerman diese Stücke ebenfalls bereits mit Mitte 20 eingespielt, Anfang der 1980er-Jahre. Später hat er sie zurückgezogen – da ist er wieder, der kompromisslose Qualitätsfanatiker.

Eine gespannte Aufmerksamkeit durchzieht den Großen Saal an diesem festlichen Tag der Arbeit, nochmals geschärft durch den von Intendant Christoph Lieben-Seutter vorgetragenen Hinweis, in diesem Falle das ohnehin geltende Fotografier- und Filmverbot unbedingt zu beherzigen.

Umstandslos nimmt Zimerman an seinem Steinway Platz und legt gleich mal mit dem Geständnis eines Vatermords los: Brahms‘ Ballade Nr. 1 in d-moll vertont ein literarische Vorlage, die den Mörder Edward behandelt, der von seiner Mutter so eindringlich befragt wird, dass er schließlich den Mord an seinem Vater gesteht. Zimerman nähert sich diesem Sujet mit Verve; unter den beiden klar unterscheidbaren Stimmen von Mutter und Sohn ist es die Mutter, die immer etwas schneller hervortritt, während sich das Grauen von Edwards Geständnis durch die zurückhaltendere Darbietung eher noch steigert.

Ballade Nr. 2 in D-Dur startet dann zart und lyrisch, mit weichem Anschlag und klingt leicht und frisch bis zum Schluss. Nr. 3 in h-moll ist dann eine Art eckiger Tanz, das Allegro mit vielen kleinen Widerhaken versehen, die im Gehörgang stecken bleiben.

Schließlich die vierte Ballade in H-Dur, wo Zimerman die Melodie gar nicht so in den Rhythmen versteckt, sondern sie eher freilegt, bevor er sie dann später leicht verschleppt-verträumt in Wehmut pendeln lässt.
Ein sehr starker Auftakt!

Auf gleichem Niveau geht es mit der Sonate Nr. 2 in fis-moll weiter. Freilich stilistisch ganz anders – von den kammermusikalischen, liedhaften Miniaturen der Balladen geht es nun zum vollen, romantischen Breitband-Panorama einer „verschleierten Sinfonie“ im Geiste Robert (und Clara) Schumanns. Schwärmerisch das Allegro non troppo ma energico des ersten Satzes, dann mit den vielfältigen Variationen eines minnesängerischen Motivs in Satz zwei und drei fortfahrend „con espressione“ (in der Tat!), rauschhaft und opulent, bevor es im Finale (Sostenuto – Allegro non troppo e rubato) in Tempo und Aufbau extrem differenziert wird. Atemberaubend, die Pause ist nötig und willkommen.

In der fünfsätzigen Sonate Nr. 3 f-moll ist der Auftakt mit seinem Allegro maestoso ein Leistungsnachweis für Pianist und Instrument, da wird alles ausgeschöpft und gezeigt. Das Andante espressivo ist möglicherweise die persönliche Entsprechung zu der künstlerischen Widmung der Sonate Nr. 2. Diese gebührte nämlich Clara Schumann, und eben jene Clara Schumann war möglichweise auch die unmittelbare Zielperson für dieses Nachtstück einer nervösen Liebe, das im zweiten Satz zum Leben erweckt wird.

Zimerman hält die gesamte Sonate über die hohe Grundspannung, akzentuiert fein und spielt mit der Lautstärke, arbeitet die Rhythmik insbesondere im Finale ganz sorgfältig aus und fächert in unglaublichen Dynamiksprüngen hier an einem einzigen Instrument wirklich die Bandbreite eines ganzen Orchesters auf. Zugleich beweist er, dass Romantik keinesfalls klebrig-kitschig klingen muss. Mit sehr feiner Klinge arbeitet er vielmehr die verschiedenen Stimmen dieser frühen Meisterwerke heraus, legt sie dann ornamental wieder ineinander, aber gewährt stets freie Sicht auf ihre pochenden Herzen.

Den ganzen Vortrag kennzeichnen eine enorme Reife und Souveränität. Auf dem Fundament einer perfekten Technik zeigt Zimerman die Werke kristallklar und so transparent, wie es nur im Zusammenspiel von Interpret, Instrument und Aufführungsort denkbar erscheint. Er macht sich letztlich zum vollkommenen Werkzeug für die aufgeführten Stücke, die so Gelegenheit haben, mit ihrer unmittelbaren Wucht beim Zuhörer einzuschlagen. Kein Wunder, dass die Ovationen groß sind. Sichtlich entspannt und gut gelaunt, gibt Zimerman denn auch noch drei Zugabenstücke („etwas ganz anderes“) – leichte und spielerische Mazurken von Chopin. Ein großer Klavierabend in Hamburg.

Guido Marquardt, 2. Mai 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

2 Gedanken zu „Krystian Zimerman, Johannes Brahms,
Elbphilharmonie Hamburg, 1. Mai 2019“

  1. Krystian Zimermann in Hamburg:
    Ein ehrlicher und großer Musiker! Ohne Plattitüde und Show!
    Einfach großartig!
    Dank und Gruß,
    ThD

  2. 2 Juni in het Concertgebouw Amsterdam:
    nooit eerder hoorde ik Brahms zoals die daar klonk, allemachtig wat een muzikaal powerhouse die Zimerman.
    En dan zijn uitvoeringen van Chopin’s Scherzi; niet van deze wereld, de Grote Zaal ging plat, muisstil tot het einde, daarna werd de tent bijna afgebroken. Hulde !
    Ad van Dijk

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