Ladas Klassikwelt 116: Musikinspirierte Zeichnungen begründen eine schöne Freundschaft

Ladas Klassikwelt 116: Musikinspirierte Zeichnungen  klassik-begeistert.de, 15. März 2026

 

Fremde Geige, gehst Du mir nach?
In wieviel fernen Städten schon sprach
deine einsame Nacht zu meiner?
Spielen dich hunderte? Spielt dich einer?

Diese Worte aus dem Gedicht „Die Nachbarn“ von Rainer Maria Rilke beziehe ich auf die Geschichte zweier junger Künstler, die sich in einer „fernen Stadt“ angefreundet haben.

von Jolanta Łada-Zielke

Beide absolvierten ihre Hochschulausbildung in München. Friedrich Johann (Fritz) Sonnleitner (1920–1984), ein herausragender Geiger aus Altötting, schloss dort die Staatliche Akademie für Musik ab. Der gebürtige Münchner Blasius Spreng (1913–1987) war Maler, Bildhauer sowie Künstler für Glasfenster und Mosaikgestaltungen, insbesondere Dekorateur für Kunst am Bau. Er studierte klassische Malerei an der Akademie für Angewandte Kunst München und unternahm anschließend mehrere Bildungsreisen. Zu seinen bekanntesten Werken zählen unter anderem der Fastnachtsbrunnen in Mainz, die gesamte künstlerische Gestaltung der Liederhalle in Stuttgart sowie des Staatstheaters in Kassel [1].

Sowohl Blasius als auch Fritz wuchsen zu der Zeit auf, in der die Kunst unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Regimes stand. Das Dritte Reich nutzte gerne junge, begabte Menschen für seine Zwecke. 1939 malte Blasius die Bibliothek der Neuen Reichskanzlei von Albert Speer aus und wurde daraufhin zum jüngsten Professor für Malerei im Reich ernannt. Trotzdem musste er 1941 zum Militär, wo er sich als Wehrmachtszeichner meldete. Er gravierte auf Kupfer für Druck hauptsächlich die U-Boot-Bunker, erst an dem Atlantikwall in Frankreich und ab 1944 in Norwegen. Fritz Sonnleitner war der erste Geiger und Konzertmeister der Philharmonie des Generalgouvernements in Krakau von 1940 bis zu seiner Einberufung im Herbst 1944.

Fritz Sonnleitner und Blasius Spreng

In den letzten Kriegstagen gerieten beide Künstler in sowjetische Gefangenschaft – Spreng bei Murmansk, und Sonnleitner in Tschechien. Sie landeten im selben Lager in Brest-Litowsk. Diese Stadt liegt heute in Belarus, unweit der Grenze zu Polen. Die Rote Armee besetzte sie im Sommer 1944 und richtete in der dortigen Festung ein Kriegsgefangenenlager ein. Die Insassen beschäftigten sich mit der Beseitigung der Kriegsschäden und mit Bauarbeiten, hauptsächlich am in der Nähe liegenden Bahnhof.

Martin Spreng, der Sohn von Blasius, erinnert sich daran, was sein Vater von Fritz erzählte. Dieser befürchtete, sich beim Schleppen schwerer Steine ​die Finger zu brechen und dann nicht mehr spielen zu können. Abends machte er Fingerübungen mit einem Holzstab auf einem Brett. Auch Blasius versuchte sich unter diesen Umständen in seiner Kunst. Er malte mit den ihm zur Verfügung stehenden Ersatzfarbstoffen aus Erden und Pflanzen, sogar mit Kaffee, den die Häftlinge zu trinken bekamen. Seine Skizzen aus dieser Zeit füllen insgesamt sechs Hefte. Er konnte sie nicht alle auf die Rückkehr mitnehmen, sondern verteilte sie an vertrauenswürdige Personen, die sie nach Deutschland „schmuggelten“ und ihm später zurückgaben.

Diese Skizzenbücher habe ich im Haus der Familie Spreng in Pullach durchgeblättert, wo sich das ehemalige Atelier von Blasius befindet. Es gibt dort wenige Abbildungen aus dem Lager selbst. Eins der Hefte füllen ausschließlich biblische Szenen, und in den anderen finden sich musikalische Motive, die der Künstler, laut Martin, hauptsächlich aus seiner Fantasie schöpfte. Blasius kombiniert gerne Musik mit Erotik und Natur. Man sieht, dass er die Geste der Musik einfach mitnimmt. Es treten häufig Spieler der Streichinstrumente auf, am meisten Geiger. Dies ist eine weitere Parallele zwischen Blasius und Fritz. Blasius lernte nämlich als Kind das Violinspiel und kannte dieses Instrument.

Blasius’ Lage in der Gefangenschaft änderte sich grundlegend, seit er Aufträge erhielt, sowjetische Offiziere zu porträtieren. Man besorgte ihm echte Farben und Pinsel, und stellte sogar ein kleines separates Atelier zur Verfügung. Der Kommandant lud ihn als einen „privilegierten“ Gefangenen zu den abendlichen Partys ein, bei denen man Pellkartoffeln mit Kaviar aß und literweise Wodka trank. Das genaue Datum Sprengs Entlassung aus dem Lager ist nicht bekannt, aber es geschah wahrscheinlich 1947.

Ein Konzert der Lagerkapelle in Brest Litowsk (Fritz Sonnleitner erster von links, stehend)

Was Fritz Sonnleitner betrifft, bekam auch er schließlich in diesem fernen Land eine echte Geige in die Hände. Schon 1945 gründete er eine aus elf Musikern bestehende Lagerkapelle und wurde ihr Konzertmeister. Außer ihm spielten dort: Kurt Abraham, Gerhard Bothe, Otto Buchal, Herbert Gabriel, Wilhelm Grabert, Arno Schroeder, Heinz Kerkor, Willi Koch, Richard Kirstenmacher und Hans Pröller [2]. Einige von ihnen setzten nach der Heimkehr ihre musikalische Karriere fort.

Nach dem Krieg, als Fritz bereits als Konzertmeister der Münchner Philharmoniker arbeitete, schenkte ihm Blasius einen selbst gestalteten Couchtisch mit einer Keramikplatten, auf deren Rändern die Noten von Bachs Chaconne gemalt sind.

Die Tischplatte mit Noten von Bachs Chaconne, die Blasius Spreng für Fritz Sonnleitner als Erinnerung an ihren gemeinsamen Aufenthalt in sowjetischer Gefangenschaft angefertigt hat

Heute setzen ihre Söhne diese Freundschaft fort und treten mehr oder weniger in die Fußstapfen ihrer Väter. Florian Sonnleitner, der bis zu seiner Pensionierung Konzertmeister des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des Orchesters Bach Collegium München war, muss man unseren Lesern nicht vorstellen. Martin Spreng lebt in Paris und ist Juwelier, der exklusiven Kunstschmuck herstellt.

Künstlerische Vorahnung

In Florians Wohnung hängt an der Wand eine Radierung von Blasius Spreng, die einen erwachsenen Musiker und ein Baby beim Geigespielen darstellt. Dies ist eine Art künstlerische Vorahnung, dass die Geigenmusik Fritz mit seinem jüngeren Sohn verbinden wird. Dieses Bild strahlt eine unbeschreibliche Zärtlichkeit aus und man hört sogar die Musik in der Bewegung. Die Geige symbolisiert hier Liebe, Vertrauen und Geborgenheit. Sie war hier nie fremd und ging der nächsten Generation nach.

Ich danke Florian Sonnleitner und Martin Spreng herzlich für die Bereitstellung von Fotos, Zeichnungen und Dokumenten aus ihren Familienarchiven. Derzeit arbeite ich an der Biografie von Fritz Sonnleitner, für die ich ein Stipendium der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit erhalten habe. In Vorbereitung ist auch eine Publikation von Jens Riess über das Leben und Werk von Blasius Spreng unter dem Titel Blasius Spreng. Gestaltung im Wirtschaftswunder“.

Jolanta Łada-Zielke, 15. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

[1] Quelle: Wikipedia

[2] Die Liste der Musiker der Lagerkapelle in Brest Litowsk bewahrte der ehemalige Offizier der Roten Armee Nikolai Wassiljewitsch Kusmin auf, der 1965 Kontakt zu einigen von ihnen über die DSF-Stiftung wiederaufnahm.

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